Liebe Freunde Osteuropas! Der Juli ist vorbei. Zeit zurückzublicken, was aus und über Osteuropa alles neu erschienen ist. Viel deutschsprache Literatur ist es diesmal nicht. Aber dafür sehr gute.

Christiane Hoffmann erzählt in ihrem Buch „Die Träume, die wir hatten: Meine Freundin, Russland, die Ukraine und ich“ von einer Freundschaft, ihrer eigenen Beziehung zu Russland und den politischen Veränderungen seit dem Ende der Sowjetunion. Ausgangspunkt ist der Tod einer engen Freundin am 22. Februar 2022, zwei Tager vor dem russischen Überfall auf die Ukraine. Ausgehend von gemeinsamen Russland-Erfahrungen junger Russischstudentinnen in den späten 1980er Jahren verbindet Hoffmann persönliche Erinnerungen mit der Geschichte der deutsch-russisch-ukrainischen Beziehungen und der Entwicklung Russlands seit dem Ende des Kommunismus.

Zu dem Buch gibt es bereits eine Rezension von mir: https://literatur-osteuropa.blog/2026/08/04/nr-102-die-traume-die-wir-hatten-von-christiane-hoffmann/

Klaus Buchenau verbindet in seinem Buch „Was ist nur falsch gelaufen? Biographische Aufzeichnungen eines (Süd-)Osteuropahistorikers“ persönliche Erinnerungen mit einem Blick auf die politischen Entwicklungen Europas seit dem Ende des Kommunismus. Der Regensburger Historiker fragt ausgehend von seiner eigenen Biografie, warum die Hoffnungen auf eine dauerhafte Stärkung der westlichen Demokratie nach 1989 nicht erfüllt wurden. Statt einer klassischen wissenschaftlichen Untersuchung mit Fußnoten und Literaturverweisen nähert er sich den Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte anhand eigener Erfahrungen und seiner langjährigen Beschäftigung mit Südost- und Osteuropa.

Frank-Lothar Kroll untersucht in seinem Buch „Das Schattenreich: Russlands langer Abschied von Europa“ das wechselvolle Verhältnis zwischen Russland und Europa von den Anfängen im Mittelalter bis zur Gegenwart. Der Historiker betrachtet die vielfältigen Versuche einer Annäherung und „Europäisierung“ Russlands und fragt nach den historischen Kontinuitäten und Brüchen, die dieses Verhältnis geprägt haben. Unter Einbeziehung aktueller politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen beleuchtet Kroll die unterschiedlichen Phasen zwischen Bewunderung, Distanz und Ablehnung und widmet sich damit der Frage nach Russlands Verhältnis zu Europa.

Victor Dönninghaus untersucht in seinem Buch „Im Zeichen einer neuen Ordnung: Der Kommunistische Jugendverband (Komsomol) und die Russlanddeutschen (1918–1930)“ die Rolle des Komsomol unter den deutschen Jugendlichen in der Sowjetunion. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie stark sich russlanddeutsche Jugendliche politisieren ließen und wie der kommunistische Jugendverband versuchte, sie ideologisch zu beeinflussen. Dabei beleuchtet Dönninghaus die Kontrolle durch die sowjetische Führung, den Einfluss des Komsomol auf das Leben in den deutschen Dörfern sowie den Wandel traditioneller, religiöser und sozialer Strukturen in den Jahren nach der Revolution.

Max Hartmann und weitere Herausgeber versammeln in „Die verwundete Seele Europas: Stimmen aus der Ukraine über Krieg, Angst und Hoffnung“ persönliche Berichte und Reflexionen von Menschen aus der Ukraine. Zeitzeugen, Kunstschaffende, Seelsorger und Betroffene schildern ihre Erfahrungen mit sowjetischer Unterdrückung, den Entwicklungen seit der Unabhängigkeit der Ukraine sowie dem russischen Angriffskrieg. Die Beiträge beschäftigen sich mit Themen wie Familie, Glaube, Sprache, Verlust, Trauma, Widerstandskraft und der Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit.

William T. Vollmann widmet sich in seinem Buch „Schalamow oder Die Gesetze des Lebens: Dokumente aus dem letzten Kreis der Hölle“ dem russischen Schriftsteller Warlam Schalamow und dessen Erfahrungen in den sowjetischen Straflagern von Kolyma. Ausgehend von Schalamows Erzählungen über den Stalinismus untersucht Vollmann die Darstellung von Gewalt, Leid und Entmenschlichung im 20. Jahrhundert. Dabei verbindet er die Auseinandersetzung mit Schalamows Werk mit einem größeren Blick auf die Verbrechen der Moderne und die Frage, wie Menschen unter extremen Bedingungen ihre Menschlichkeit bewahren können.

Alberto Avanzini und weitere Herausgeber präsentieren in „Polish Intermediate Reader: Doctor Piotr: Unabridged Polish–English Parallel Text“ eine zweisprachige Ausgabe der Erzählung „Doctor Piotr“ des polnischen Schriftstellers Stefan Żeromski. Der Band stellt den vollständigen polnischen Originaltext einer englischen Übersetzung gegenüber und richtet sich an Lernende der polnischen Sprache, die sich mit authentischer Literatur beschäftigen möchten. Żeromskis Erzählung verbindet die Themen Gewissen, familiäre Verantwortung und gesellschaftliche Verpflichtung und bietet zugleich einen Einblick in die klassische polnische Literatur.

Michael Pugh erzählt in „Riding Through War and Peace“ von seiner Reise zu Pferd durch Russland, Belarus, die Ukraine und Rumänien im Jahr 2014. Vor dem Hintergrund der Annexion der Krim und des beginnenden Krieges im Osten der Ukraine verlässt der als Anwalt in Moskau lebende Autor Russland und macht sich auf den Weg durch die Landschaften Osteuropas. Auf seiner Reise begegnet er Menschen, Orten und historischen Spuren, die von der wechselvollen Vergangenheit der Region erzählen, und beschreibt dabei auch die kulturellen Besonderheiten und unterschiedlichen historischen Erfahrungen der Länder entlang seiner Route.

Dimitar Bechev untersucht in „The Scramble for Europe: Russia, China, and Turkey Challenging Regional Order“ die Veränderungen der europäischen Ordnung und die wachsenden Herausforderungen für die Europäische Union. Der Politikwissenschaftler beschreibt den Aufstieg Russlands, Chinas und der Türkei als politische Akteure, die auf unterschiedliche Weise Einfluss auf Europa ausüben und die bestehende Ordnung herausfordern. Dabei betrachtet Bechev die Entwicklungen seit den späten 2000er Jahren und analysiert die Folgen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, Chinas wirtschaftlicher Einflussnahme sowie der türkischen Außenpolitik für die Zukunft Europas.

Gesine Schmidt erzählt in „Jüdisches Leben im Frankfurter Osten: Emigrationsgeschichte 1940 über Osteuropa und Asien nach New York“ die Geschichte von Erich und Anna Metz, einem jüdischen Ehepaar aus Frankfurt am Main, und ihrer Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung. Ausgehend von der Familiengeschichte der Autorin zeichnet das Buch die Entwicklung Frankfurts von einer liberal geprägten Großstadt der Weimarer Republik zu einer Hochburg des Nationalsozialismus nach. Dabei beschreibt Schmidt das jüdische Leben vor 1933, die Entrechtung und Verfolgung nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten sowie die außergewöhnliche Fluchtroute des Ehepaars über Polen, Litauen, Lettland, die Sowjetunion, Asien und schließlich in die USA.

Jan Schwarz und weitere Herausgeber versammeln in „In the World of Chaos: Selected Early Works, 1925–1937“ frühe Texte des Schriftstellers Isaac Bashevis Singer. Der Band enthält Erzählungen, literarische Skizzen, Essays, Kindheitserinnerungen und Interviews aus der frühen Schaffensphase des späteren Nobelpreisträgers. Im Mittelpunkt stehen Singers Jahre im Warschau der Zwischenkriegszeit, wo er als Journalist, Schriftsteller und Übersetzer im Zentrum der jiddischen Kultur Osteuropas tätig war und die Grundlagen für sein späteres literarisches Werk über das Leben der polnischen Juden legte.

Bernhard C. Schär untersucht in „Integration and Collaborative Imperialism in Modern Europe: At the Margins of Empire, 1800–1950“ die Rolle kleinerer europäischer Staaten und Regionen im Zeitalter des Imperialismus. Der Band zeigt anhand von Beispielen aus Nord-, Mittel- und Osteuropa, wie Länder wie Schweden, Serbien oder die Schweiz trotz fehlender oder nur kurzlebiger eigener Kolonialreiche in globale imperialistische Strukturen eingebunden waren. Die Beiträge beschäftigen sich mit Netzwerken, Kooperationen und Austauschprozessen, durch die auch Randregionen Europas an der imperialen Weltordnung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts beteiligt waren.

Helge Blakkisrud und Pål Kolstø untersuchen in „Political Legitimacy and Traditional Values in Putin’s Russia“ die Bedeutung sogenannter traditioneller Werte für die politische Legitimation des russischen Regimes. Der Band analysiert, wie der Kreml seit Wladimir Putins Rückkehr ins Präsidentenamt 2012 konservative Vorstellungen in seiner Propaganda und politischen Kommunikation nutzt. Anhand verschiedener Fallstudien betrachten die Autoren die Rolle staatlicher Rhetorik, der Russisch-Orthodoxen Kirche, ideologischer Akteure und gesellschaftlicher Einstellungen bei der Begründung und Stabilisierung autoritärer Herrschaft in Russland.

Galyna Zelenko und weitere Herausgeber analysieren in „The Political System of Post-Soviet Ukraine“ das politische System der unabhängigen Ukraine. Der Sammelband untersucht die Verfassung, staatliche Institutionen und die tatsächliche politische Praxis des Landes seit dem Ende der Sowjetunion. Im Mittelpunkt stehen unter anderem das semipräsidentielle Regierungssystem, Parlament, Regierung, Justiz, Parteien und Wahlen sowie das Zusammenspiel formeller Strukturen mit informellen Mechanismen. Zudem beschäftigen sich die Beiträge mit der Rolle von Zivilgesellschaft, Medien und Wirtschaftsgruppen bei der politischen Entwicklung der Ukraine sowie mit den Herausforderungen des Wiederaufbaus nach dem Krieg.

Anton Shekhovtsov und weitere Autoren untersuchen in „Russia Against Ukraine“ die ideologischen und politischen Grundlagen der russischen Politik gegenüber der Ukraine. Der Sammelband beschäftigt sich mit der Bedeutung politischer Mythen, nationalistischer Vorstellungen und antiukrainischer Einstellungen in Russland sowie deren Einfluss auf die Wahrnehmung der ukrainischen Identität. Die Beiträge analysieren die Entwicklungen seit der Annexion der Krim und dem Krieg im Donbas 2014 und betrachten die Rolle von Ideologien und gesellschaftlichen Vorstellungen im russischen Angriff auf die ukrainische Souveränität.

Phillips Payson O’Brien untersucht in „War and Power: Who Wins Wars ― and Why“ die Frage, welche Faktoren über den Ausgang von Kriegen entscheiden. Der Historiker stellt dabei die traditionelle Vorstellung infrage, dass vor allem Größe und militärische Stärke einzelner Staaten den Sieg bestimmen, und richtet den Blick stattdessen auf die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Grundlagen von Kriegsführung. Anhand historischer Beispiele vom späten 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart analysiert O’Brien, wie Staaten ihre militärischen Fähigkeiten aufbauen, Kriege langfristig führen und welche Bedeutung diese Faktoren für Konflikte wie den Krieg in der Ukraine haben.

Anton Kotenko untersucht in „The Promise of Ukraine: A Conceptual History of Nineteenth-century Nationalism“ die Entstehung und Entwicklung des modernen Konzepts der Ukraine im 19. Jahrhundert. Auf Grundlage umfangreicher Archivquellen zeichnet der Historiker nach, wie sich die Vorstellung von Ukraine als politischem, kulturellem und territorialem Projekt seit den Debatten der 1840er Jahre bis zu den Staatsgründungsversuchen von 1917 herausbildete. Dabei betrachtet Kotenko die verschiedenen Dimensionen des ukrainischen Nationalgedankens und ordnet dessen Entwicklung in die Geschichte des Nationalismus in Mittel- und Osteuropa ein.

Fabian Heffermehl untersucht in „The Blind Icon: Skin – Face – Eye in Russian Modernism“ die Bedeutung des Gesichts in der russischen Kunst und Literatur der Moderne. Ausgehend von der Ikonenmalerei bis hin zum Suprematismus und den Darstellungen der Entmenschlichung in den Gulag-Lagern betrachtet der Autor das Gesicht als Schnittstelle zwischen Sehen und Fühlen, zwischen äußerer Darstellung und innerer Wahrnehmung. Die Studie verbindet kunsthistorische und literaturwissenschaftliche Perspektiven und widmet sich der Rolle von Körper, Bild und Identität im russischen Modernismus.

Miriam Dobsons Buch The Unorthodox: Soviet Protestants in Cold War Ukraine and Russia beschäftigt sich mit der Geschichte protestantischer Gemeinschaften in der Sowjetunion. Die britische Historikerin und Wissenschaftlerin für sowjetische Geschichte beschreibt, wie Baptisten und Pfingstler in der Ukraine und Russland mit dem atheistischen Staat umgingen, ihren Glauben lebten und auf staatliche Kontrolle reagierten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Rolle von Frauen in diesen Gemeinden.

Robert Forczyks Buch „Generalship on the Eastern Front, 1941–45: A Study in Command“ beschäftigt sich mit der Führungsebene der deutschen und sowjetischen Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg. Der US-amerikanische Historiker und Militärwissenschaftler untersucht anhand von 54 deutschen und 140 sowjetischen Offizieren, wie Generäle an der Ostfront zwischen 1941 und 1945 ihre Armeen führten und welche Rolle strategische Entscheidungen und militärische Führung spielten.

Stefaniia Demchuk und Illia Levchenko geben den Sammelband „Entangled Art Histories in Ukraine“ heraus, der sich mit der Entwicklung der Kunstgeschichte in der Ukraine im 20. Jahrhundert beschäftigt. Die beiden ukrainischen Kunsthistoriker untersuchen, wie die Disziplin zwischen Einflüssen aus Krakau, Sankt Petersburg und Wien entstand, sich unter sowjetischer Herrschaft veränderte und zur Auseinandersetzung mit ukrainischer Identität wurde. Dabei beleuchten sie wissenschaftliche Netzwerke, politische Einflüsse und die Entwicklung kunsthistorischer Forschung bis in die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion.

Nach anderthalb Jahren ist Howard Amos’ Buch „Russia Starts Here: Real Lives in the Ruins of Empire“ auch als Taschenbuch zu haben. Es beschäftigt sich mit der russischen Region Pskow an der Grenze zur Europäischen Union und zur NATO. Der britische Journalist und Autor beschreibt das Leben der Menschen in einer von wirtschaftlichem Niedergang, Abwanderung und den Spuren vergangener Imperien geprägten Landschaft. Dabei erzählt er von Dorfbewohnern, Museumsmitarbeitern und anderen Menschen, deren Geschichten Einblicke in die gesellschaftlichen Veränderungen und historischen Brüche Russlands geben.

Ruth Averbachs Buch „The Making of a Man: Aleksandr Aleksandrov, Transsexuality, and Imperial Russia“ beschäftigt sich mit dem Leben des russischen Autors und Soldaten Aleksandr Aleksandrov, der im frühen 19. Jahrhundert in der Armee des Zaren diente. Die Historikerin untersucht seine Biografie, seine Selbstwahrnehmung als Mann sowie die Verbindung von Geschlecht, Militär, Nationalismus und dem russischen Kaiserreich. Dabei hinterfragt sie bisherige Darstellungen der unter dem Geburtsnamen Nadeschda Durowa bekannten Person.

Lidia Kuzemska gibt den Sammelband „Fragmented Lives in Times of War: Displacement Within and From Ukraine“ heraus, der sich mit den Erfahrungen von Menschen beschäftigt, die durch den russischen Angriffskrieg aus der Ukraine vertrieben wurden oder innerhalb des Landes fliehen mussten. Die ukrainische Wissenschaftlerin untersucht gemeinsam mit internationalen Beiträgern, wie Geflüchtete und Menschen, die in der Ukraine geblieben sind, mit Unsicherheit, Verlust und den Veränderungen ihres Alltags umgehen.

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