
Liebe Freunde Osteuropas! Die Journalistin Christiane Hoffmann verknüpft in ihrem Buch „Die Träume, die wir hatten“ die Verarbeitung des Suizids ihrer Freundin mit dem Weg Russlands von den 1990ern in den russischen Krieg. Ein erzählerisch sehr starkes Sachbuch.
Christiane Hoffmann erzählt in ihrem Buch im Prinzip zwei Geschichten. Die eine Geschichte ist ihre persönliche Biografie: ihr Studienbeginn in Russland wenige Monate vor dem Fall der Berliner Mauer, ihr Leben in den 1990er-Jahren, ihr Einstieg in den Journalismus und ihre Arbeit als Russland-Korrespondentin. Der zweite Erzählstrang ist die Geschichte ihrer Beziehung zu einer Freundin, die im Buch namenlos bleibt. Sie hat Suizid begangen und Hoffmann versucht mit diesem Buch die Trauer zu verarbeiten, fragt sich, wie es dazu kommen konnte und macht gegen Ende das Leben ihrer Freundin immer greifbarer.
Ich muss zugeben, über lange Strecken des Buches war mir die Verbindung dieser beiden Erzählstränge nicht ganz klar. Es hätten auch separat zwei Bücher erscheinen können, eins über das Leben der Journalistin Christiane Hoffmann und eines über ihre persönliche Beziehung zu ihrer Freundin. Erst gegen Schluss habe ich den Sinn dahinter verstanden. Die Freundin hat sich am 22. Februar 2022 umgebracht, zwei Tage später begann die Großinvasion Russlands in die Ukraine. Zwei Ereignisse, ein Weltereignis und ein äußerst privates Ereignis, fallen zusammen. Und werfen dieselbe Frage hervor: Wie hätte man das verhindern können?
Gehen wir zuerst genauer auf das private Ereignis ein. Zu Beginn des Buches erfährt man erst sehr wenig über die Freundin, die Gedanken kreisen vor allem um die Autorin selbst. Sie überlegt, wie ihre tote Freundin wohl darüber denken würde, dass sie nun so öffentlich in einem Buch über sie schreibt. Später erfahren wir mehr und mehr über das Leben der Freundin. Über ihren Selbstzweifel, ihre Probleme an ihrem Arbeitsplatz am Institut, über die Belastung, die sie sich aufgrund der Pflegebedürftigkeit ihres Mannes aufbürdet. Im letzten Drittel entwickelt die Erzählung dann ihre besondere Stärke. Immer tiefer tauchen wir in die Welt der Freundin ein, leiden umso stärker mit der Autorin mit, die helfen will, aber es zum Teil nicht kann und zum Teil aus Rücksicht nicht tut. Und sich deshalb später Vorwürfe macht.
Parallel dazu schildert Hoffmann ihren eigenen Lebensweg. Sie erzählt, wie sie 1989 nach Russland kommt, auch ins Baltikum und die Ukraine reist. Dort ein Praktikum absolviert und unbedingt mit einem „richtigen“ Kosaken ein Interview führen will – was gelingt, aber nicht so läuft wie von ihr erhofft. Sie erzählt die Geschichte Russlands (und auch der Ukraine) von den 1990ern bis in die Gegenwart, die sie als Studentin in Russland und später als Korrespondentin unmittelbarer erlebt hat, als die meisten von uns. Manche Leser könnten die historischen Passagen als zu ausführlich empfinden. Mich hat das überhaupt nicht gestört. Auch wenn für mich tatsächlich über das Geschichtliche nichts Neues zu erfahren war.
Manche Stellen habe ich mit angezogener Handbremse lesen müssen. Hoffmann geht ausführlich auf die Debatte um die NATO-Osterweiterung ein und schildert die damaligen Warnungen unter anderem von Gorbatschow und Jelzin. Dass Putin diese Entwicklung später zur Rechtfertigung seines Angriffskriegs heranzog, blendet sie dabei keineswegs aus. Ich merke inzwischen, dass ich nahezu jedes Buch über Russland mit dem Wissen um den Angriffskrieg gegen die Ukraine lese. Dieses Wissen beeinflusst natürlich auch meinen Blick auf historische Debatten wie die NATO-Osterweiterung. Es sei aber noch angemerkt, dass Hoffmann die ukrainische Schreibweise Kyjiw und Donbas (statt russisch Kiew und Donbass) für ihr Buch verwendet, was ich sehr löblich finde.
Ich sage ja ab und zu, dass ich ein Buch als gut oder schlecht bewerte, wie nach dem Lesen die Antwort auf die Frage „Habe ich etwas Neues über Osteuropa gelernt?“ ausfällt: Ja oder Nein. Wirklich etwas Neues über Osteuropa bzw. hier jetzt Russland und die Ukraine habe ich nicht erfahren. Dazu kenne ich mich mittlerweile zu gut aus. Aber das Buch hat eine andere Stärke, die nicht in mein einfaches Ja-Nein-Schema passt. Es geht um die Geschichte einer Frau, die ihre beste Freundin verloren hat und uns in ihrem Buch auf den Weg mitnimmt, wie sie damit fertig wird und wer sie eigentlich war, diese Freundin. Und da punktet das Buch richtig gut.
Alles in allem: Ein starkes Buch über Trauer, Freundschaft, Schmerz und am Ende die Akzeptanz, dass man manche Dinge einfach nicht ändern kann.
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