Liebe Freunde Osteuropas! „Wie stark ist Russland wirklich?“ heißt das neue Buch des Historikers Matthias Uhl. Ob er eine befriedende Antwort darauf gibt, erfahrt ihr in meiner Rezension.

Matthias Uhl ist Historiker und hat lange in Moskau gelebt und geforscht, insbesondere im Kontext des Kalten Krieges und der sowjetischen bzw. russischen Geheimdienste. So hat er vorletztes Jahr ein ziemlich umfangreiches Buch zum sowjetisch-russischen Militärgeheimdienst GRU veröffentlicht. Und jetzt vor wenigen Wochen sein neustes mit dem schon sehr neugierig machenden Titel „Wie stark ist Russland wirklich? Die Wahrheit über Putins Militärmacht“.

Und das Buch ist etwas anders, als der Titel es vermuten lässt. Denn wie stark das heutige Russland militärisch ist, nimmt nur einen kleinen Teil des Buches ein. Es ist so, als hätte der Autor zur Titelfrage seines Buches die Gegenfrage stellt: Wollt ihr die kurze oder die lange Antwort? Okay, die lange. Das bläht das Buch aber nicht auf oder macht es schlechter. Und mit seinen rund 320 Netto-Seiten ist es ja noch recht überschaubar von der Länge.

Zuerst gibt es einen kurzen Einstieg in die ukrainische Geschichte, sehr knapp, aber gut zusammengefasst. Dann widmet sich Uhl genauer der Militärwirtschaft in der frühen Sowjetunion über die Jahrzehnte bis zu ihrem Zusammenbruch, über die 1990er und was dann Putin alles in der Militärwirtschaft geplant und vorangetrieben hat.

Ein nicht geringer Teil des Buches (und für mich einer der spannendsten) war der detaillierte Bericht über die Kriegsvorgänge ab dem 24. Februar 2022 in der Ukraine. Wenn man sowas denn spannend überhaupt nennen sollte, denn in Wirklichkeit ist es furchtbar, was die Russen seitdem in dem Land angerichtet haben und bis heute tun. Aber Uhl schafft es, uns detailliert und nachvollziehbar zu beschreiben, wie die Russen am Anfang vorgegangen sind, welche Fehler sie gemacht haben, wie die Ukrainer den ersten Invasionsversuch von Norden her abzuwehren konnten und wie wiederum die Russen daraus für ihre kommenden Offensiven im Donbas gelernt haben.

Da es in dem Buch vorrangig um Wirtschaft und Militär geht, ist es zwangsläufig hier und da etwas zahlenlastig. Aber wirklich störend oder anstrengend zu lesen, ist das kaum. Das Buch hat aber sicher für manche Leserinnen und Leser auch Überraschungen parat (hängt natürlich davon ab, wie sehr man sich bereits in der Thematik auskennt). So ist mir durch die mediale Berichterstattung nur noch erinnerlich, dass die Ukrainer ja nicht mit den F-16 umgehen könnten. Wie sie dann letztendlich im Einsatz beachtliche Erfolge erzielten, kann man in Uhls Buch erfahren.

Ebenso entzaubert Uhl das Putinsche Russland – zumindest militärisch. Denn die ganzen Wunderwaffen, mit denen der russische Diktator gerne dem Westen droht, sind am Ende mehr Schein als Sein, soll heißen extrem teuer und kaum effektiv. Uhl plädiert deshalb dafür, nicht nur auf Aufrüstung zu setzen. So wie der Westen im Kalten Krieg nicht versucht hat, mit der Sowjetunion bei der Anzahl der Panzer und anderen Kriegsgeräts gleichzuziehen, sieht es Uhl auch für die heutige Zeit. Womit Uhl natürlich nicht meint, dass eine wirkungsvolle Abschreckung grundsätzlich nicht vonnöten sei.

Am Ende gelingt Matthias Uhl mit „Wie stark ist Russland wirklich?“ ein gut lesbarer und zugleich faktenreicher Überblick über die militärische Entwicklung Russlands – von der Sowjetunion bis zum heutigen Krieg gegen die Ukraine. Besonders stark ist das Buch dort, wo Uhl militärische Abläufe verständlich erklärt und dabei zugleich mit einigen Mythen über die angebliche Übermacht Russlands aufräumt. Wer sich intensiver mit Russlands Militär, der Kriegswirtschaft und dem Angriffskrieg gegen die Ukraine beschäftigen möchte, dem kann man dieses Buch definitiv empfehlen.

Und auch Leserinnen und Leser, die sich bisher wenig mit Militärgeschichte oder Militärökonomie beschäftigt haben, finden einen gut zugänglichen Einstieg in ein komplexes Thema. „Wie stark ist Russland wirklich?“ ist damit nicht nur ein Fachbuch für Spezialinteressierte, sondern auch eine verständliche Analyse der aktuellen russischen Militärmacht im historischen Kontext.

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