
Liebe Freunde Osteuropas! Ab heute dann die neuen Romane und Gedichtbände aus #Osteuropa vom Oktober 2026. Viel Tschechien weiterhin dabei. Die Frankfurter Buchmesse lässt grüßen. Aber auch ein paar sehr spannenden ukrainische Titel.

In „Wir waren hier: Gedichte“ verarbeitet der ukrainische Schriftsteller und Soldat Artur Dron seine Erfahrungen im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Nachdem er zu Beginn der groß angelegten Invasion zunächst mit dem Schreiben aufgehört und sich freiwillig den ukrainischen Streitkräften angeschlossen hatte, fand er schließlich im Schützengraben zur Poesie zurück. Seine Gedichte handeln vom Kriegsalltag, von existenziellen Erfahrungen, Angst, Verlust und dem Versuch, das Erlebte zu begreifen und in Worte zu fassen. Auf eindringliche und emotionale Weise vermittelt Dron damit auch Lesern außerhalb der Ukraine einen Einblick in die Lebenswirklichkeit der Menschen im Krieg.

In „Musik für einen Soldaten“ erzählt der ukrainische Schriftsteller Artem Tschech von seiner erneuten Einberufung an die Front im Jahr 2022 und der damit verbundenen Verwandlung vom Schriftsteller zum Soldaten. Ausgehend von seinen Erlebnissen an verschiedenen Kriegsschauplätzen, unter anderem in der Region Kyjiw und bei Bachmut, schildert er, wie der Krieg bisherige Sicherheiten zerstört und den Menschen innerlich verändert. Dabei beschäftigt er sich mit Verletzlichkeit, Zweifeln, Verantwortung und einem neuen Verständnis von Männlichkeit. Halt und einen Rückzugsort findet er in der Musik weiblicher Künstlerinnen wie Lana Del Rey und Florence + The Machine. So entsteht ein sehr persönlicher und eindringlicher Bericht über die psychischen Auswirkungen des Krieges und den Versuch, sich selbst nicht zu verlieren.

In „The Hamlet Called America“ zeichnet die ukrainische Schriftstellerin Khrystia Vengryniuk das Leben eines weitgehend isolierten Dorfes und seiner eigenwilligen Bewohner, die gemeinsam lieben, leben und Verluste erleiden. Anhand ihrer Geschichten entwickelt sie ein vielschichtiges Bild menschlicher Gemeinschaften und ihrer Abgründe. Zugleich dient das Dorf als Metapher für den zunehmenden nationalen Isolationismus und dessen gesellschaftliche und politische Folgen. Damit schlägt der Roman einen Bogen von einer abgeschotteten Dorfgemeinschaft zu den politischen Herausforderungen der Gegenwart, die weit über die USA hinausreichen.

In „The Face of Fire“ erzählt der ukrainische Schriftsteller Oleksii Nikitin die Geschichte des jüdischen Boxers Ilya Goldin und seiner sportlich ebenfalls erfolgreichen Frau Feliksa im Kyjiw des Jahres 1941. Nach den Schrecken des Bürgerkriegs, des Holodomor und der stalinistischen Säuberungen hoffen beide auf eine bessere Zukunft. Doch mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 verändert sich ihr Leben grundlegend: Während Ilya sich zur Verteidigung seines Landes meldet, versucht Feliksa, ihre Tochter und die übrige Familie in Sicherheit zu bringen. Auf Grundlage freigegebener NKWD-Akten und seines Familienarchivs zeichnet Nikitin ein vielschichtiges Bild des ukrainischen Lebens unter der Herrschaft Stalins und während der nationalsozialistischen Besatzung. Das Buch ist 2021 im Original auf Russisch erschienen und wurde im selben Jahr auch ins Ukrainische übersetzt.

In „Die Vergangenheit saß auf der Treppe – Erzählungen aus Ostpreußen“ entführt der Schriftsteller Arno Surminski, 1934 selbst in Ostpreußen geboren, seine Leser zurück in die Welt seiner verlorenen Heimat. In seinen Erzählungen berichtet er von Menschen, deren Leben von Heimatverbundenheit, Traditionen, Kindheit und den historischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts geprägt ist. Mit Wärme, Melancholie und feinem Humor bewahrt Surminski die Erinnerungen an eine untergegangene Welt. Der Band vereint Erzählungen aus seinem bisherigen literarischen Schaffen.

In „No Man’s Land“ entwirft der polnische Comiczeichner und Autor Szymon Kudranski einen Politthriller vor dem Hintergrund des Kalten Krieges. Im Jahr 1963 wird auf den Diomedes-Inseln zwischen Alaska und Sibirien die Leiche einer jungen Frau entdeckt. Der Mord droht die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion weiter zu verschärfen. Um eine Eskalation zu verhindern, müssen ein FBI- und ein KGB-Agent gemeinsam ermitteln und den Fall aufklären, bevor die politischen Spannungen außer Kontrolle geraten. Vor der eisigen Kulisse des Niemandslandes erzählt der Comic eine spannende Kriminalgeschichte über Misstrauen, Machtpolitik und die Gefahr eines atomaren Konflikts.

In „Tamara de Lempicka und der Glamour der Frauen“ zeichnet die deutsche Schriftstellerin Gabriela Jaskulla das bewegte Leben der polnisch-russischen Malerin Tamara de Lempicka (1894–1980) nach, die als eine der bedeutendsten Vertreterinnen des Art déco gilt. Zwischen europäischer Aristokratie, Künstlerkreisen und der amerikanischen High Society bewegt sie sich durch eine Welt voller Glamour, Leidenschaft und gesellschaftlicher Umbrüche. Doch hinter der schillernden Fassade stehen auch Krieg, Flucht, Krankheit und persönliche Schicksalsschläge. Die Romanbiografie erzählt von einer außergewöhnlichen Künstlerin, die sich immer wieder neu erfand und mit ihrem selbstbewussten Auftreten und ihrer modernen Bildsprache ihrer Zeit voraus war.

In „Die Medusen“ erzählt der tschechische Schriftsteller Jakub Stanjura von einer Freundschaft, die zunehmend von Abhängigkeit, Rivalität und gegenseitiger Kontrolle geprägt wird. Als die Erzählerin in der Wohnung ihrer besten Freundin eine Blutlache entdeckt, verzichtet sie darauf, die Polizei einzuschalten oder nach ihrer Freundin zu suchen. Stattdessen versucht sie, die Ereignisse schriftlich zu rekonstruieren. Dabei verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen Erinnerung und Wahrnehmung, Nähe und Manipulation sowie Wahrheit und Vorstellung. Der psychologisch dichte Roman handelt von fragilen Beziehungen, menschlichen Abgründen und der Schwierigkeit, die Wirklichkeit eindeutig zu erfassen.

Ein echter tschechischer Klassiker wird auch neu aufgelegt. In „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ nimmt der tschechische Schriftsteller Jaroslav Hašek die österreichisch-ungarische Monarchie und ihre Militärmaschinerie während des Ersten Weltkriegs satirisch aufs Korn. Im Mittelpunkt steht der Prager Hundefänger Josef Schwejk, der trotz seiner amtlich bescheinigten geistigen Einschränkungen freiwillig in die Armee eintritt. Mit scheinbarer Naivität, unerschütterlichem Gehorsam und einem schier unerschöpflichen Vorrat an Anekdoten und Witzen gerät er immer wieder in absurde und gefährliche Situationen. Auf humorvolle und bissige Weise entlarvt Hašek die Willkür der Obrigkeit, die Absurdität militärischer Hierarchien und die Sinnlosigkeit des Krieges.

In „Westnordwest“ nimmt der tschechische Comiczeichner und Autor Jindřich Janíček die Leser mit auf eine außergewöhnliche Reise durch den Nordwesten Nordamerikas. Von Washington über British Columbia bis nach Oregon erkundet er Städte wie Seattle, Portland und Vancouver ebenso wie abgelegene Landschaften, kleine Ortschaften und ungewöhnliche Orte abseits der touristischen Pfade. Dabei verbindet er persönliche Reiseerlebnisse mit Beobachtungen zu Geografie, Folklore und Popkultur. Aufwendig gestaltete Buntstiftzeichnungen, Karten, Diagramme und humorvolle Comicsequenzen machen das Buch zu einer Mischung aus illustriertem Reisetagebuch, grafischem Essay und persönlichem Reisebericht, der zugleich gesellschaftliche und politische Fragen aufgreift.

In „Animaps: Eine Reise ins Tierreich“ nimmt der tschechische Autor Tom Velčovský junge Leserinnen und Leser mit auf eine illustrierte Entdeckungsreise durch alle Kontinente. Das Besondere an dem Sachbuch sind die außergewöhnlichen Landkarten, die nicht Städte, Flüsse oder Gebirge zeigen, sondern aus den jeweils dort heimischen Tierarten bestehen. Von afrikanischen Exoten über Meeresbewohner bis hin zu Tieren des Dschungels lernen Kinder die Vielfalt der Tierwelt und die Besonderheiten der verschiedenen Lebensräume kennen. Farbenfrohe Illustrationen und spielerische Such- und Entdeckerelemente machen das Buch zu einer kindgerechten Einführung in die Tier- und Naturwelt unseres Planeten.

In „Radikale Bedürfnisse“ erzählt die tschechische Autorin Tereza Semotamová von Hana, einer Mitte dreißigjährigen Bildhauerin, die sich mit ihren lange verdrängten Wünschen und Bedürfnissen auseinandersetzt. Zwischen der Prager Intellektuellenszene, einem mährischen Dorf und der internationalen Kunstwelt sucht sie nach einem eigenen Weg durchs Leben. Mit Humor und bitterer Ironie verbindet Semotamová persönliche Bekenntnisse mit Anspielungen auf Literatur, Popkultur und aktuelle gesellschaftliche Debatten. Vor dem Hintergrund der Pandemie entsteht so das Porträt einer Generation, die lernen muss, Verletzlichkeit zuzulassen, mit dem Scheitern umzugehen und zu den eigenen Bedürfnissen zu stehen.

In „Die Unerhörte“ erzählt die tschechische Autorin Sára Zeithammerová von einem rätselhaften Ereignis im Böhmen des späten 19. Jahrhunderts: Die fünfzehnjährige Kristina behauptet, der Jungfrau Maria begegnet zu sein, woraufhin ihr Dorf zu einem Wallfahrtsort wird. Während Kirche und Öffentlichkeit zwischen Faszination und Zweifel schwanken, gerät Kristinas Mutter Aloisie zunehmend unter gesellschaftlichen Druck und muss sich zwischen mütterlicher Liebe und eigenen Überzeugungen behaupten. Jahre später münden die Ereignisse in ein Urteil, das Fragen nach Wahrheit und Verantwortung erneut aufwirft. Der Roman handelt von Glauben und Misstrauen, dem Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern sowie weiblicher Selbstbestimmung in einer patriarchalischen Gesellschaft.

In „Veilchen, Geheimnisse und andere Erzählungen“ versammelt die tschechische Autorin Daniela Fischerová knapp fünfzig kurze Prosaminiaturen über außergewöhnliche Lebensgeschichten und menschliche Abgründe. Sie erzählt von heimlichen Liebschaften und unehelichen Kindern, exzentrischen Genies, tragischen Irrtümern, mörderischen Fantasien und ungewöhnlichen Formen der Liebe. Mit einer knappen, zugleich poetischen und ironischen Sprache lotet Fischerová die Grenzen zwischen Alltag und Abweichung, Komik und Tragik aus. Ihre Geschichten sind bisweilen skurril, eröffnen auf kleinstem Raum aber überraschende Einblicke in die Widersprüchlichkeit des menschlichen Lebens.

In „Ein Lied für den Weg“ lässt die tschechische Autorin Iva Procházková Kommissar Holina und sein Team in einem Mordfall im Umfeld der Tschechischen Philharmonie ermitteln. Eine junge, talentierte Klarinettistin wird getötet, doch zunächst bleibt unklar, ob sie das eigentliche Ziel des Anschlags oder ein Zufallsopfer war. Die Ermittlungen führen in ein Geflecht aus Affären, persönlichen Beziehungen und Rivalitäten, in dem zahlreiche Verdächtige ein Motiv haben. Was als atmosphärischer, psychologisch vielschichtiger Kriminalroman beginnt, entwickelt sich zu einem temporeichen Thriller um einen Mehrfachmörder. Dabei geht es auch um Schuld und Gerechtigkeit sowie um die tödlichen Folgen vergangener Verfehlungen.

In „Lover/Fighter“ entwirft die tschechische Autorin Kristina Hamplová eine düstere Zukunftsvision, in der Gewalt zum bestimmenden Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens geworden ist. In vier Episoden, die zwischen 2014 und 2031 spielen, erlebt ein Mädchen eine Welt, in der Teenager im Wald Jagd aufeinander machen, Banden und Skateboarder gewaltsame Straßenschlachten austragen und eine Liebesbeziehung zwischen zwei Mädchen in einen Kampf auf Leben und Tod mündet. Im Hintergrund breitet sich eine unberechenbare Substanz aus, die aus Papageienfleisch gewonnen wird. Hamplová verbindet groteske, teils brutale Szenarien zu einer Geschichte über das Aufwachsen in einer zunehmend gnadenlosen Welt, in der Liebe und Gewalt eng miteinander verwoben sind.

In „Astronautilia“ entfaltet der tschechische Autor und Psychologe Jan Křesadlo (1926–1995) ein ebenso humorvolles wie ungewöhnliches Science-Fiction-Epos in homerischem Altgriechisch. Im Mittelpunkt steht ein Schaf, dessen Existenz offenbar Voraussetzung dafür ist, dass das Weltall überhaupt bestehen kann. Als ein finsterer Wächter das Tier entführt, macht sich Kapitän Nemo mit einer ungewöhnlichen Besatzung aus Robotern und anderen Wesen auf die Verfolgung. Die Reise führt die Raumfahrer schließlich ins Prag der frühen 1990er-Jahre, wo sie nach dem Zerfall der Tschechoslowakei mit den bürokratischen Herausforderungen einer neuen Wirklichkeit konfrontiert werden. Das ursprünglich 1994 verfasste Epos umfasst fast 7000 Hexameter und wird in dieser zweibändigen Ausgabe erstmals vollständig auf Deutsch zugänglich gemacht. Sie enthält neben der deutschen Übersetzung von Ondřej Cikán auch das altgriechische Original und die tschechische Fassung.

Der tschechisch-österreichische Autor Ondřej Cikán hat im Oktober auch selbst ein eigenes Werk herausgebracht. In „Prinz Aberjaja“ erzählt er ein märchenhaftes Versepos für Kinder und Erwachsene. Die Geschichte handelt von einem namenlosen Prinzen, einer klugen Prinzessin, einem sprechenden Pferd und einem dreiköpfigen Drachen. Auf Grundlage des traditionellen tschechischen Märchens „Princ Bajaja“ aus der Sammlung von Božena Němcová verbindet Cikán Abenteuer, Poesie und Humor mit einer Erzählung über wahres Glück und wahre Liebe. Die Neuausgabe ist mit Illustrationen von Lili Richter versehen.

In „Vnivec“ versammelt der tschechische Dichter Jaromír Typlt Gedichte, die sich mit Wendepunkten, Krisen und Momenten der Orientierungslosigkeit auseinandersetzen. Seine Texte sind geprägt von Mehrdeutigkeiten, sprachlichen Verschiebungen und rätselhaften Bildern, die sich einer eindeutigen Interpretation entziehen. Wörter scheinen aus ihrem Zusammenhang gerissen, Bedeutungen verkehren sich ins Gegenteil – jede Antwort kann falsch und zugleich richtig sein. So entsteht eine experimentelle Lyrik, die Leser dazu herausfordert, gewohnte Denk- und Deutungsmuster infrage zu stellen.

Gar nicht so leicht, etwas über den Gedichtband „Wie sich in Krankheit schminken“ der ukrainischen Lyrikerin Iryna Zahladko herauszufinden. Sie war damit auf der Frankfurter Buchmesse dieses Jahr. Selbst lebt die Ukrainerin seit 2019 in Prag und veröffentlicht auch mittlerweile auf Tschechisch. In ihrem neuen Gedichtband geht es um den Grenzbereich zwischen Todesangst und Hoffnung. Jedes Wort wird dabei zu einem bewussten Schritt auf dem Weg in ein neues Leben. Der Gedichtband erzählt von Verletzlichkeit, existenzieller Bedrohung und der Möglichkeit eines Neubeginns.

In „Der Fremde im Feld: Krieg und Liebe“ erzählt die österreichische Schriftstellerin Beatrix Kramlovsky eine bewegende Geschichte von Menschlichkeit und Zivilcourage in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs. Im Mittelpunkt steht das Lager Engerau im heutigen Bratislava (Slowakei), von dem aus jüdische Zwangsarbeiter auf einen grausamen Todesmarsch getrieben werden. Als die Front näher rückt, riskiert die eigenwillige Cilly ihr Leben, um einem Gefangenen namens Antal die Flucht zu ermöglichen und ihn zu verstecken. Zwischen den beiden entwickelt sich trotz der dramatischen Kriegsumstände eine Liebesgeschichte. Vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Verbrechen in der Slowakei und des sowjetischen Vormarschs Richtung Wien handelt der historische Roman von Mut, Mitgefühl und der Kraft menschlicher Verbundenheit angesichts von Verfolgung, Gewalt und Tod.

In „Schlag zu, sagt das Glück“ erzählt die moldauische Autorin Tatiana Țîbuleac von Mila, die vor dem postsowjetischen Chaos aus Moldawien nach Paris flieht. Obwohl sie in ihrer Heimat Akademikerin war, findet sie sich im Westen in einem prekären Leben als Reinigungskraft wieder; zunehmend wird der Alkohol zu ihrem einzigen Halt. In Erinnerungen blickt sie auf ihre Kindheit, ihren ehrgeizigen Vater und eine konfliktreiche Dreiecksbeziehung zurück, die von Eifersucht, Manipulation und Exzessen geprägt ist. Der Roman handelt von Entwurzelung und Exil, von der Sehnsucht nach einer verlorenen Heimat und vom schwierigen Versuch einer Frau, zwischen Ost und West ihren eigenen Platz zu behaupten.

In „Chroniken der Kolchose“ erzählt der litauische Schriftsteller Herkus Kunčius die Geschichte Sowjetlitauens anhand des Kolchosvorsitzenden Vytautas, eines überzeugten Kommunisten und Stalinisten, der es versteht, sich jedem politischen Wandel anzupassen. Von der Stalinzeit über Chruschtschow und Breschnew bis zu Gorbatschows Perestroika und der litauischen Unabhängigkeitsbewegung bleibt er seiner jeweils eigenen Vorstellung vom Sozialismus treu. In grotesken Episoden zeichnet Kunčius ein satirisches Bild von vier Jahrzehnten sowjetischer Herrschaft, in dem Propaganda und bürokratischer Größenwahn auf Mangelwirtschaft, Alkoholismus, Gewalt und Opportunismus treffen. Eine bitterböse Abrechnung mit einem politischen System und seinen erstaunlich anpassungsfähigen Funktionären.

In „Ein Körnchen Wahrheit“ erzählt der polnische Autor Zygmunt Miłoszewski den zweiten Fall des Staatsanwalts Teodor Szacki. Dieser hat Warschau verlassen und tritt in der beschaulichen Kleinstadt Sandomierz eine neue Stelle an. Doch als eine angesehene Bürgerin neben der alten Synagoge ermordet aufgefunden wird, gerät die Stadt in Aufruhr: Gerüchte über einen Ritualmord machen die Runde, alte antisemitische Ressentiments brechen auf und die Medien heizen die Stimmung weiter an. Bei seinen Ermittlungen stößt Szacki auf verdrängte Kapitel der Stadtgeschichte und muss sich mit tief verwurzelten Vorurteilen auseinandersetzen. Das Buch ist bereits 2019 im Berlin Verlag erschienen und jetzt in Polente Verlag.

In „Halbwertszeit der Kühe“ setzt sich der österreichische Autor Zoltán Lesi in drei Langgedichten mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 auseinander. Ausgehend von der zerstörten und evakuierten Landschaft rund um das ukrainische Prypjat erkundet er, was von einem Ort bleibt, dessen Zukunft durch die radioaktive Verseuchung ausgelöscht wurde und dessen Vergangenheit bereits von Pogromen, Hungersnot und Diktatur geprägt war. Dabei lässt Lesi Tiere, Liquidatoren, Kinder und digitale Avatare zu Wort kommen. Märchen und Gebete, Technik und Natur sowie Erinnerung und Imagination verbinden sich zu einem vielstimmigen poetischen Bild der Katastrophe und ihrer Folgen. Die Fotocollagen stammen von Manuela Picallo Gil.

Der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère ist auch weiterhin fleißig am Schreiben. In seinem neueste Werk „Kolchose“ zeichnet er anhand seiner eigenen Familiengeschichte das bewegte Schicksal von vier Generationen zwischen Russland, Georgien, Deutschland und Frankreich nach. Ausgangspunkt ist der Tod seiner Mutter Hélène Carrère d’Encausse, einer renommierten Russland-Historikerin, und die Entdeckung der genealogischen Nachforschungen seines Vaters. Daraus entwickelt Carrère eine ebenso persönliche wie weitreichende Erzählung über Liebe, Leid, Anpassung und die politischen Umbrüche des 20. und 21. Jahrhunderts. Dabei beleuchtet er auch die schwierige Vergangenheit seiner georgisch-russischen Familie, die Verstrickungen in den Zweiten Weltkrieg sowie die jüngsten Entwicklungen in Georgien und den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, den er zu Beginn selbst in Moskau erlebt. Mit Humor, Zärtlichkeit und schonungsloser Offenheit fragt er, wie persönliche Erinnerungen, familiäre Legenden und politische Wirklichkeit ineinandergreifen.

In „Ich bin es, Dein altes Gewissen …: Russische Literatur in der Zerreißprobe des 20. Jahrhunderts“ beschäftigt sich der Schriftsteller und Publizist Chaim Noll mit der russischen Literatur und ihrer Bedeutung für das Verständnis der gesellschaftlichen und politischen Umbrüche des 20. Jahrhunderts. In Essays porträtiert er bedeutende Autoren und Dichter wie Anna Achmatowa, Joseph Brodsky, Ossip Mandelstam, Marina Zwetajewa und Alexander Solschenizyn. Dabei beleuchtet er deren literarisches Schaffen und ihre Auseinandersetzung mit den historischen Herausforderungen ihrer Zeit. Das Buch bietet einen Einblick in eine Literatur, die von menschlichen Schicksalen, politischen Repressionen und den tiefgreifenden Erschütterungen der russischen Geschichte geprägt ist.

In „Nebenher verloren: Roman über meinen Vater“ begibt sich der deutsche Autor Friedemann Sittig Jahrzehnte nach dem Tod seines Vaters auf die Suche nach dessen Leben und einer lange verschwiegenen Familiengeschichte. Sein Vater hatte ihn bereits am Tag seiner Taufe verlassen und blieb für die Familie eine Leerstelle. Aus Fotos, Briefen, Zeitungsartikeln und literarischen Fragmenten setzt Sittig nach und nach dessen Biografie zusammen: von der Kindheit in Ostpreußen über Krieg, Flucht und russische Gefangenschaft bis zum schwierigen Neuanfang in den 1950er-Jahren. Dabei stößt er auf den Verlust der ersten Familie seines Vaters beim Untergang der „Wilhelm Gustloff“ und dessen Verbindung zum Schriftsteller Günter Grass. So entsteht ein vielschichtiges Buch über familiäres Schweigen, Heimatverlust und die Frage, wie sich persönliche Erinnerungen und deutsche Geschichte literarisch verarbeiten lassen.

In „Das tickende Herz“ setzt der deutsche Schriftsteller Lutz Seiler die Geschichte seines bereits aus den Romanen Kruso und Stern 111 bekannten Helden Carl Bischoff fort. Zu Beginn des neuen Jahrtausends kehrt Carl nach Berlin zurück, folgt jedoch bald der geheimnisvollen Aysha, der Tochter eines kasachischen Schamanen, auf eine Reise durch Europa bis in die winterliche Steppe Kasachstans. Zwischen den beiden entwickelt sich eine märchenhaft-magische, zugleich rätselhafte Liebesgeschichte, die schließlich auf einem ehemaligen sowjetischen Atomtestgelände eine surreale Wendung nimmt. Seiler verbindet persönliche Schicksale mit Weltgeschichte und lässt offen, ob Liebe, Verhängnis oder eine Verschwörung Carls Weg bestimmen.

In „Das Drama auf der Jagd“ erzählt der russische Schriftsteller Anton Tschechow von einem ehemaligen Untersuchungsrichter, der einem Zeitungsredakteur ein angeblich auf wahren Begebenheiten beruhendes Manuskript übergibt. Darin schildert er einen rätselhaften Mordfall, in den er selbst verwickelt war. Als der Redakteur die Aufzeichnungen Monate später liest und Nachforschungen anstellt, stößt er auf Widersprüche und ein dunkles Geheimnis. Tschechow verbindet die Kriminalhandlung mit einer psychologischen Studie über Begehren, Manipulation und menschliche Abgründe. Der Roman erschien erstmals 1981 auf Deutsch; die Kampa-Ausgabe vom Oktober 2026 bringt ihn in einer neuen Übersetzung von Fega Frisch erneut heraus und macht den Klassiker damit wieder zugänglich.
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