Liebe Freunde Osteuropas! Literatur aus Belarus ist auf dem deutschsprachigen Markt unterrepräsentiert. Umso erfreulicher ist es, dass der Mauke-Verlag den Roman „Ich bin die Revolution“ von Yulia Artsiomava herausgebracht hat. Ein feinsinniger Roman übers Erwachsenwerden.

Im Mittelpunkt des Romans steht Darja aus Minsk. Sie will Fotojournalistin werden und bekommt gleich zu Beginn zu spüren, mit welchen Absurditäten sie in der belarussischen Diktatur konfrontiert ist. Als sie sich auf einer Treppe lediglich die Schnürsenkel zubinden will, tauchen prompt zwei OMON-Beamte auf, um ihr klarzumachen, dass das auf einer Treppe nicht erlaubt ist.

Der Roman spielt allerdings nahezu gar nicht in Belarus. Zu Beginn des Romans ist Darja in Kyjiw auf dem Maidan, während der Revolution der Würde 2014. Sie gerät mitten in die Auseinandersetzungen, wird angeschossen und macht ein Foto, dass es auf die Titelseite einer Zeitung schafft. Der bekannte Fotojournalist Dmitrij Tschastschin wird auf sie aufmerksam und lädt sie dazu ein, nach Moskau zu kommen und seine Kurse zu besuchen.

In Moskau lernt Darja neue Menschen kennen, verliebt sich und zieht in eine WG mit Phil und Kostja. Zu diesem ohnehin turbulenten Zusammenleben gehören auch Kostjas Ex-Frau und die beiden gemeinsamen Kinder, die immer wieder auftauchen. Darja verdient sich unter anderem mit Modefotografien etwas dazu. Der Großteil des Romans dreht sich jedoch um sie und ihre neuen Freunde.

Darja taucht in die Subkultur der Moskauer Großstadt ein. Die Stärke des Romans liegt dabei vor allem in den Dialogen und der Zeichnung seiner Figuren. Die Gespräche machen deutlich, wie die Menschen zueinanderstehen, was sie voneinander halten und warum sie sich manchmal so schwer miteinander tun. Selbst Menschen, die sich zunächst nicht ausstehen können, finden irgendwann zueinander und müssen sich zusammenraufen. Der Roman zeigt dabei, wie wichtig es ist, andere nicht vorschnell zu verurteilen, ohne ihre Geschichte zu kennen.

Auch wenn sich vieles in der WG abspielt und die Riesenmetropole Moskau dabei manchmal in den Hintergrund tritt, verlässt Darja immer wieder ihr unmittelbares Umfeld. So kommen etwa Ukrainer zu Besuch. Später erfährt sie, dass Phil und die Ukrainer festgenommen wurden, als sie auf dem Roten Platz eine ukrainische Flagge zeigen wollten. Phil wird in einem Gerichtsverfahren zu zwei Wochen Haft verurteilt.

Das Politische wird also keineswegs ausgespart. Es bleibt jedoch meist eine Randerscheinung. Im Mittelpunkt stehen Darja, ihre Freunde und die komplizierten Beziehungen zwischen ihnen.

Der Roman ist sehr gute Literatur. Ob er auch sein politisches Potenzial ausschöpft, darüber bin ich mir allerdings nicht sicher. Gerade weil der Roman bereits 2019 erschien, ist es spannend, ihn im Rückblick auf die belarussischen Proteste von 2020 zu lesen. Damals gingen Hunderttausende gegen die gefälschte Präsidentschaftswahl und die Herrschaft Alexander Lukaschenkas auf die Straße.

Im Klappentext heißt es: „Der Roman ist wie eine Zeitkapsel, die das Brodeln einfängt, das einer jeden Revolution vorausgeht.“ Das ist ein interessanter Gedanke. Schließlich braucht es für eine Revolution Menschen, die mit den bestehenden Verhältnissen unzufrieden sind, sich zusammenschließen, in die Öffentlichkeit treten und etwas riskieren.

Doch genau das sehe ich in dem Roman nur bedingt. Die Handlung spielt zum größten Teil im Privaten. Darja und ihre Freunde beschäftigen sich vor allem mit ihren Beziehungen, ihren persönlichen Problemen und der Suche nach ihrem Platz im Leben. Das Politische ist zwar präsent, bleibt aber meist im Hintergrund.

Darja ist dabei keine wirkliche Handelnde. Vielmehr lässt sie sich von den Geschehnissen treiben. Deshalb kann ich Tschastschins Kritik nachvollziehen, als sie am Ende nur mit einigen wenigen Fotos aufwartet. Umso mehr erstaunt mich Darjas trotziges Verhalten. Warum sie sich seinen Erwartungen so vehement widersetzt, bleibt für mich eine der offenen Fragen des Romans.

Es tut aber auch gut, wenn Literatur einen vor den Kopf stößt und einen bisweilen ratlos zurücklässt. Das regt zum Nachdenken an. Vielleicht habe ich noch nicht alles verstanden, was der Roman erzählen will.

Wer tief in die Gefühlswelt einer jungen Frau eintauchen möchte, die ihren Weg im Leben sucht, dem kann ich den Roman empfehlen. Und das sage ich nicht oft: Man muss sich nicht zwangsläufig für Osteuropa interessieren, um „Ich bin die Revolution“ lesen zu wollen. Die Geschichte und ihre Figuren haben durchaus etwas Universelles.

„Ich bin die Revolution“ ist ein kurzweiliger Roman über Liebe, Sex, Freundschaft und das Erwachsenwerden. Seine Stärke liegt in den Figuren und ihren Beziehungen. Dass mich sein politisches Potenzial auch nach der zweiten Lektüre noch beschäftigt und teilweise ratlos zurücklässt, ist vielleicht gerade eine seiner interessantesten Eigenschaften.

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