
Liebe Freunde aus Osteuropa, der August (fast) ist vorbei – Zeit für die Neuerscheinungen! Welche neuen Romane und Sachbücher mit Osteuropa-Bezug sind erschienen? Was lohnt sich? Ich habe die interessantesten Titel für euch zusammengestellt. 🧵👇 1/25

In „Ruge: Der Reporter des 20. Jahrhunderts“ zeichnet Christian Neef das Leben und die berufliche Laufbahn Gerd Ruges nach. Grundlage ist unter anderem dessen umfangreicher persönlicher Nachlass. Die Biografie führt durch die großen politischen Umbrüche der Zeit nach 1945 und folgt Ruge an zahlreiche Schauplätze des Weltgeschehens. Einen besonderen Raum nimmt dabei Osteuropa ein: Ruge berichtete über die Sowjetunion und Russland, den Ost-West-Konflikt und die politischen Veränderungen in den Staaten des östlichen Europas. Neef beschreibt dabei sowohl Ruges Arbeit als Korrespondent und Fernsehjournalist als auch seine Begegnungen mit Menschen und politischen Akteuren vor Ort. So verbindet das Buch die Lebensgeschichte eines deutschen Journalisten mit der Geschichte des Kalten Krieges und der politischen Entwicklung Osteuropas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

In „Grenzfälle: Der Eiserne Vorhang – die Wunde im Herzen des Kontinents“ erzählt der langjährige SPIEGEL-Reporter Walter Mayr von neun Fluchtversuchen entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Die Schauplätze reichen von Norwegen über die deutsch-tschechische Grenze und verschiedene Staaten Mittel- und Osteuropas bis in den Südkaukasus nach Georgien. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die beim Versuch, die Grenze zwischen dem westlichen und dem sowjetisch dominierten Europa zu überwinden, ihr Leben verloren. Anhand ihrer Geschichten beschreibt Mayr die Entstehung und Wirkung des Eisernen Vorhangs, die politischen Verhältnisse in den kommunistischen Staaten und die Folgen der Teilung Europas. Dabei verbindet er persönliche Schicksale mit der Geschichte der europäischen Systemkonfrontation und ihren Nachwirkungen bis in die Gegenwart.

In „Der Krieg ist anderswo: Russland von innen“ untersucht die norwegische Autorin Åsne Seierstad, wie die russische Gesellschaft mit Putins Herrschaft und dem Krieg gegen die Ukraine umgeht. Ausgangspunkt ist die Geschichte eines jungen Russen, der nach seinem Einsatz bei der Wagner-Gruppe nach Norwegen flieht. Seierstad reist anschließend durch Russland, von Sibirien bis in die großen Städte, und spricht mit Menschen mit ganz unterschiedlichen Haltungen zum Krieg. Sie begegnet Unterstützern, Mitläufern und Oppositionellen und beschreibt Angst, Verdrängung, Lethargie, aber auch Mut und Widerstand. So entsteht ein Bild einer Gesellschaft, die den Krieg auf sehr unterschiedliche Weise erlebt und mit ihm umgeht.

In „We Shall Outlast Them: Putin’s Global Campaign to Defeat the West“ untersucht die Russland-Expertin Hanna Notte, wie Russland sich seit der Invasion der Ukraine 2022 auf eine langfristige Konfrontation mit den USA und Europa eingestellt hat. Sie beschreibt, wie Moskau westliche Sanktionen umgeht, neue Bündnisse und Partnerschaften aufbaut, seinen Einfluss im Globalen Süden ausweitet und versucht, westliche Gesellschaften zu verunsichern. Dabei betrachtet Notte neben Putin auch Diplomaten, Geschäftsleute, Propagandisten und weitere Akteure, die an dieser Politik beteiligt sind. Reportagen aus mehr als einem Dutzend Ländern verbinden die geopolitische Analyse mit den Geschichten von Menschen, die von Russlands globaler Strategie betroffen sind.

In „Wofür ich immer kämpfen würde“ setzt sich der aktive Bundeswehrsoldat Simon Engel mit der Frage auseinander, wie eine demokratische Gesellschaft ihre Freiheit angesichts äußerer und innerer Bedrohungen schützen kann. Ausgehend von seiner eigenen Entscheidung, Soldat zu werden, beschäftigt er sich mit Themen wie Wehrpflicht, militärischer Verantwortung, staatlicher Gewalt und dem Verhältnis von Militär und Gesellschaft. Dabei fragt Engel auch nach den Voraussetzungen für eine wehrhafte Demokratie und danach, welchen Beitrag die Gesellschaft selbst zur Verteidigung ihrer freiheitlichen Ordnung leisten muss.

In „Estonian Lessons: What the World Can Learn from a Brilliant Baltic State“ untersucht der britische Diplomat Ross Allen, wie Estland sich zu einem in vielen Bereichen erfolgreichen europäischen Staat entwickelt hat. Er beschäftigt sich unter anderem mit Estlands Digitalisierung, Bildung, Umweltpolitik, Menschenrechten, Steuerpolitik und Unterstützung der Ukraine. Dabei verbindet Allen historische und politische Hintergründe mit persönlichen Eindrücken aus seiner Zeit als britischer Botschafter in Tallinn. Auf Reisen durch Städte, Dörfer, Inseln und Landschaften des Landes beschreibt er zudem estnische Kultur und Lebensweise. Das Buch verbindet damit Reisebericht, Geschichte, Geografie und internationale Politik und bietet einen Einblick in Estland und die baltischen Staaten.

Nach etwas mehr als drei Jahren nun als günstigere Taschenbuchausgabe ist „Dancing on Bones: History and Power in China, Russia, and North Korea“ von Katie Stallard erschienen. Die Journalistin schreibt in ihrem Buch, wie die Regierungen Chinas, Russlands und Nordkoreas Geschichte und kollektive Erinnerung für ihre gegenwärtige Politik nutzen. Anhand von Reportagen und eigenen Beobachtungen vor Ort beschreibt sie, wie historische Ereignisse, insbesondere Kriege, in den drei Staaten unterschiedlich dargestellt und politisch instrumentalisiert werden. Dabei geht es unter anderem um Putins Erinnerungspolitik rund um den Zweiten Weltkrieg, Chinas Darstellung des Krieges gegen Japan und Nordkoreas Geschichtsbild. Stallard zeigt, wie diese staatlichen Narrative zur Legitimation autoritärer Herrschaft, zur Mobilisierung der Bevölkerung und zur Begründung außenpolitischer Konflikte eingesetzt werden.

In „On Thin Ice“ schildert der britische Abenteurer Charlie Walker seine Reise durch Sibirien Anfang 2022. Er wandert rund 600 Meilen entlang zugefrorener Flüsse, um die Landschaft, die Menschen und den Umgang mit der Geschichte des Gulag zu verstehen. Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar verändert sich die Reise jedoch grundlegend: Walker gerät zunehmend unter den Verdacht der russischen Behörden, wird überwacht und schließlich verhaftet und inhaftiert. Das Buch verbindet seinen Reisebericht mit Einblicken in das Leben im abgelegenen Sibirien und die Auswirkungen von Krieg, staatlicher Überwachung und Propaganda.

In „The Old Scoundrel: Grand Duke Dmitri Romanov of Russia“ zeichnet der Historiker Edward Hanson das Leben des Großfürsten Dmitri Pawlowitsch Romanow nach. Dmitri wächst in privilegierten Verhältnissen auf, erlebt jedoch früh familiäre Tragödien und dient im Ersten Weltkrieg als Adjutant seines Cousins, Zar Nikolaus II. Seine Beteiligung an der Ermordung Rasputins führt zu seiner Verbannung nach Persien und bewahrt ihn zugleich vor der Revolution von 1917. Im Exil lebt Dmitri zwischen London und Paris, kämpft mit Schulden und Glücksspiel und heiratet schließlich eine amerikanische Erbin. Hanson beschreibt außerdem Dmitris Beziehung zu Coco Chanel, seine Beteiligung an der russischen Emigrantenpolitik der 1930er-Jahre und seine weitgehend unveröffentlichten Tagebücher, die Einblicke in sein Leben und die russische Monarchie im Exil geben.

In „Ukrainian Lessons: Art in a Time of War“ berichtet die britische Kulturjournalistin Charlotte Higgins von ihren Recherchen in der Ukraine während des russischen Angriffskrieges. Im Herbst 2022 reist sie erstmals dorthin, um zu untersuchen, wie Künstler und Schriftsteller auf den Krieg reagieren und die Erfahrungen der ukrainischen Gesellschaft in ihrer Arbeit verarbeiten. Higgins porträtiert Kulturschaffende und beschäftigt sich mit der Rolle von Kunst und Literatur angesichts von Zerstörung, Tod und dem Versuch, ukrainische Kultur auszulöschen. Dabei verbindet sie persönliche Beobachtungen mit ihren langjährigen Erfahrungen als Kulturjournalistin und ihrer Beschäftigung mit der Antike.

In „Unwahrscheinliche Freundschaften: Sechs Geschichten gegen den Hass“ erzählt die Journalistin Isabel Schayani sechs wahre Geschichten über Menschen, deren Freundschaften durch politische Konflikte, Kriege oder persönliche Verluste auf die Probe gestellt werden. Eine der Geschichten handelt von der Ukrainerin Anna, die aus dem russisch besetzten Donbas flieht, während ihre Mutter Lilja dort zurückbleibt und der Kontakt zwischen beiden plötzlich als „Feindkontakt“ gilt. Weitere Beispiele führen nach Israel und Palästina sowie in die USA, wo Freunde trotz gegensätzlicher politischer Überzeugungen verbunden bleiben. Die Geschichten zeigen, wie sich persönliche Beziehungen zwischen Menschen entwickeln, die eigentlich verfeindeten gesellschaftlichen oder politischen Lagern angehören.

In „Entgrenztes Imperium: Literarische und ideologische Diskurse in Russland“ untersucht der Alexander Höllwerth, wie imperiale und eurasische Vorstellungen in der russischen Ideengeschichte und Literatur entstanden und sich bis in die Gegenwart fortsetzen. Im Mittelpunkt stehen unter anderem die Schriften und politischen Vorstellungen von Aleksandr Dugin, Jurij Mamleev, Ėduard Limonov und Zachar Prilepin sowie die Gegenpositionen von Autoren wie Vladimir Sorokin, Viktor Pelevin und Viktor Erofeev. Höllwerth zeigt, welche Vorstellungen von Russland, der Ukraine und dem Verhältnis zum Westen in diesen literarischen und ideologischen Diskursen entwickelt werden und welche Bedeutung sie für das heutige Russland besitzen. Dabei stellt das Buch unterschiedliche Sichtweisen innerhalb der russischen Kultur gegenüber und beschäftigt sich mit den ideologischen Hintergründen des russischen Imperialismus.

In „The Propaganda Manual of the Ukraine War“ untersucht der Journalist und Russland-Experte Thomas Kent die Bedeutung von Propaganda und Informationskrieg im russisch-ukrainischen Krieg. Er beschreibt, wie Russland, die Ukraine und westliche Staaten mit Desinformation, psychologischer Kriegsführung, Cyberoperationen, sozialen Medien und strategischer Kommunikation versuchen, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Dabei betrachtet Kent sowohl die Wirkung solcher Maßnahmen im eigenen Land als auch deren Einsatz gegenüber ausländischen Gesellschaften. Anhand konkreter Beispiele analysiert er Erfolge und Misserfolge der verschiedenen Akteure und leitet daraus Erkenntnisse für zukünftige Konflikte und den Umgang westlicher Staaten mit Informationskrieg ab.

In „Free Will in Civil Law: A Ukrainian Perspective“ untersucht der Rechtswissenschaftler Viktor Savchenko die Bedeutung des freien Willens im ukrainischen Zivilrecht. Er betrachtet, wie das Prinzip der individuellen Entscheidungsfreiheit verschiedene Bereiche des Rechts prägt, darunter Persönlichkeitsrechte, Eigentum, Verträge, Haftung, geistiges Eigentum und Erbrecht. Dabei verbindet Savchenko historische und philosophische Überlegungen mit einer Analyse der ukrainischen Gesetzgebung und Rechtslehre und ordnet diese in die europäische kontinentale Rechtstradition ein. Das Buch zeigt damit, welche Rolle Selbstbestimmung, Zustimmung und persönliche Verantwortung im ukrainischen Zivilrecht spielen.

In „Inside Ukrainian Diplomacy: Vol. 1: True Stories by a Career Diplomat, 1970–1994“ schildert der ukrainische Diplomat Volodymyr Khandogiy aus eigener Erfahrung die Entwicklung der ukrainischen Diplomatie während der späten Sowjetzeit und der ersten Jahre der unabhängigen Ukraine. Im Mittelpunkt steht die Ukrainische SSR, die zwar formal über eigene diplomatische Strukturen verfügte, außenpolitisch jedoch weitgehend von der Sowjetunion bestimmt wurde. Khandogiy berichtet aus seiner rund vier Jahrzehnte umfassenden Tätigkeit im ukrainischen Außenministerium und beschreibt, wie sich aus diesen sowjetischen Strukturen der diplomatische Dienst des unabhängigen ukrainischen Staates entwickelte. Dabei verbindet er persönliche Erinnerungen mit politischen und historischen Entwicklungen der Jahre 1970 bis 1994.

In „The Making of a Media Nation: Television and Popular Culture in Soviet Ukraine During the 1950s–1980s“ untersucht der Historiker Bohdan Shumylovych die Entwicklung von Fernsehen und Populärkultur in der sowjetischen Ukraine. Auf Grundlage umfangreicher Archivforschung und Zeitzeugeninterviews beschreibt er, wie sich Radio, Fernsehen und populäre Musik seit den späten 1950er-Jahren entwickelten und welche Rolle sie für die sowjetische Gesellschaft spielten. Dabei geht es sowohl um staatliche Kontrolle und ideologische Einflussnahme als auch darum, wie Medien Vorstellungen von ukrainischer Identität prägten. Besonders betrachtet Shumylovych die regionalen Besonderheiten der ukrainischen Medienlandschaft und ihre Entwicklung bis in die 1980er-Jahre, als Medien zunehmend auch für Reform- und Oppositionsbewegungen genutzt wurden.

In „The Eye of the Mind: Vision, Memory and Meditation in Seventeenth-century Ukrainian Preaching“ untersucht die Literatur- und Kulturhistorikerin Maria Grazia Bartolini, wie ukrainische Prediger des 17. Jahrhunderts mit Bildern, Vorstellungen und Gedächtnis arbeiteten. Anhand wenig bekannter gedruckter und handschriftlicher Quellen analysiert sie, wie Predigten so gestaltet wurden, dass Zuhörer deren Inhalte als innere Bilder vor Augen hatten und sich leichter an sie erinnern konnten. Bartolini verbindet dabei Geistesgeschichte, Bildwissenschaft und Rhetorikanalyse und zeigt, wie diese Predigtpraxis zugleich intellektuelle und emotionale Reaktionen beim Publikum hervorrufen sollte.

In „The Ukrainian Army: A Military History 1991–2025“ beschreibt der Militärhistoriker Adrien Fontanellaz die Entwicklung der ukrainischen Streitkräfte seit der Auflösung der Sowjetunion. Er schildert zunächst die chronische Unterfinanzierung und Korruption der jungen Armee und zeigt, wie der Krieg im Donbas ab 2014 einen tiefgreifenden Reformprozess auslöste. In den folgenden Jahren modernisierte und professionalisierte sich die Armee und verband sowjetische, russische und NATO-geprägte militärische Ansätze. Fontanellaz untersucht die Kämpfe seit 2022 zu Land, in der Luft und auf See, von der Abwehr des russischen Angriffs auf Kyjiw über die ukrainischen Gegenoffensiven 2022 bis zum Scheitern der Offensive von 2023 und den anschließenden Kämpfen. Dabei geht es auch um die Schwierigkeiten der ukrainischen Streitkräfte und ihre Fähigkeit, sich im Verlauf des Krieges immer wieder an den Gegner anzupassen.

In „Form and Transformation in Soviet Underground Writing“, herausgegeben von Catherine Ciepiela, wird die literarische und kulturelle Entwicklung der sowjetischen Untergrundszene nach Stalin untersucht. Die Beiträge beschäftigen sich mit Schriftstellern und Dichtern wie Leonid Aronzon, Vsevolod Nekrasov, Olga Sedakova und Elena Shvarts und zeigen, wie unter den Bedingungen staatlicher Zensur neue literarische Formen und künstlerische Ausdrucksweisen entstanden. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Wegen dieser Werke über Samisdat und Tamisdat ins Ausland sowie auf der Rolle von Herausgebern, Lesern und Übersetzern. Das Buch betrachtet die sowjetische Untergrundliteratur damit nicht nur als politische Opposition, sondern auch als eigenständigen Raum künstlerischer Experimente und kultureller Kommunikation.

In „Mit dem gelben Stern in einem leeren Zugabteil: Erinnerungen von Lydia Tischler“ erzählen Lydia Tischler und Petr Vizina die Lebensgeschichte der 1929 geborenen Shoah-Überlebenden Lydia Tischlerová. Das Buch führt von ihrer Kindheit im mährischen Ostrava über einen gescheiterten Fluchtversuch nach Polen und die Deportation nach Theresienstadt und Auschwitz bis zur Zwangsarbeit im KZ-Außenlager Oederan in Sachsen und schließlich zur Befreiung. Nach dem Krieg emigrierte Tischlerová nach Großbritannien, wo sie sich zunächst freiwillig um belastete Kinder kümmerte und später unter anderem bei Anna Freud zur Psychologin und Psychotherapeutin ausgebildet wurde. Ihr Erinnerungsbericht verbindet damit das persönliche Zeugnis einer Überlebenden der Shoah mit der Geschichte eines Lebens, das nach den traumatischen Erfahrungen des Nationalsozialismus ganz der Arbeit mit Kindern und ihrer psychischen Entwicklung gewidmet war.

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