
Liebe Freunde Osteuropas! Heute stelle ich euch die neuen Romane aus und über Osteuropa von Juli 2026 vor. Ist wieder eine gute Mischung dabei.

Steve Komarnyckyj versammelt und übersetzt in „Take Six: Six Ukrainian Women Writers“ Erzählungen von sechs ukrainischen Schriftstellerinnen: Halyna Pahutiak, Olena Lototska, Larysa Denysenko, Alisa Havrylchenko, Kateryna Mikhalitsina und Halyna Matvieieva. Die Geschichten beschäftigen sich mit den Erfahrungen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, mit Flucht, Verlust und dem Leben unter den Bedingungen von Gewalt und Zerstörung. Zugleich führen die Texte in historische und literarische Welten der Ukraine, von Kosakenlegenden bis zur Geschichte der russischen Verbrechen gegen das Land, und zeigen unterschiedliche Perspektiven auf die Vergangenheit und Gegenwart der ukrainischen Gesellschaft.

Miroslava Kuľkovás „Hotel Balkan“ versammelt sieben Erzählungen, die sich mit dem heutigen Balkan und den Spuren seiner wechselvollen Geschichte beschäftigen. Das titelgebende Hotel steht dabei als Bild für eine Region, deren Länder einst eine gemeinsame Geschichte verband, die durch Kriege und politische Konflikte auseinandergerissen wurde und heute wieder nach neuen Verbindungen sucht. Die Geschichten erzählen von Menschen, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart leben, nach Nähe und Zugehörigkeit suchen und mit zerbrochenen Beziehungen umgehen müssen. Kuľková zeichnet ein vielschichtiges Bild des Balkans und seiner Bewohner, geprägt von Erinnerungen, Verlusten und der Hoffnung auf Verständigung.

Thomas Franke versammelt in „Die Erde schwitzt die Toten aus: Gedichte, Notizen, Fragmente zum Krieg 2012–2024“ persönliche Texte, die über einen Zeitraum von zwölf Jahren entstanden sind. Der Autor, der sich seit vielen Jahren mit Russland beschäftigt und auch in Moskau lebte, verarbeitet darin seine Beobachtungen und Gedanken zur politischen Entwicklung des Landes. Die Texte zeichnen den Weg von ersten Vorahnungen einer zunehmenden Verschärfung über die Annexion der Krim 2014 bis zum russischen Angriff auf die Ukraine 2022 nach. Aus anfänglicher Unsicherheit wird zunehmend die Gewissheit eines kommenden Krieges. Die Gedichte, Notizen und Fragmente beschäftigen sich mit Krieg, Gewalt, Freiheit und den menschlichen Folgen politischer Entscheidungen.

Eva Ibbotsons Roman „Vor dem großen Tag“ erzählt die Geschichte von Anna Gratzinsky, die als Angehörige eines alten Adelsgeschlechts in St. Petersburg die Umbrüche der Russischen Revolution und des Ersten Weltkriegs erlebt. Nach dem Verlust ihres Vaters und des früheren Wohlstands muss Anna für den Unterhalt ihrer Familie sorgen und verlässt Russland. Mit einem Handbuch für Hausangestellte ausgestattet, nimmt sie eine Stelle als Dienstmädchen im englischen Herrenhaus Mersham Park an. Dort versucht sie, ihre Herkunft als russische Gräfin geheim zu halten, während sie sich zunehmend zum jüngeren Sohn der Familie, Lord Rupert, hingezogen fühlt. Zwischen den gesellschaftlichen Grenzen ihrer Zeit, ihrer verlorenen Heimat und den Erwartungen der englischen Adelswelt muss Anna ihren eigenen Weg finden.

Tamara Štajners „Luft nach unten“ erzählt die Geschichte von Iva, die nach vielen Jahren in ihre Kindheitsregion am Ohridsee im Grenzgebiet zwischen Nordmazedonien und Albanien zurückkehrt, um ihr früheres Kindermädchen Marija zu beerdigen. In dem Hotel, das einst ihrer Familie gehörte, entdeckt Iva auf Marijas Grabstein einen zweiten Namen und stößt dadurch auf ein bislang verborgenes Familiengeheimnis. Während sie sich mit ihrer Vergangenheit und den Erinnerungen an ihre Herkunft auseinandersetzt, beschäftigt sie zugleich ihr eigener Wunsch nach einem Kind und die Frage nach Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern.

Alena Mornštajnovás Roman „Es geschah im November“ erzählt von einem alternativen Verlauf der Geschichte im Jahr 1989. Während in der Realität die kommunistischen Regime in Osteuropa zusammenbrachen, setzt der Roman ein Szenario voraus, in dem die Protestbewegungen scheitern und eine neue Welle der Repression folgt. In einer mährischen Kleinstadt gerät Maja, die sich für den politischen Wandel eingesetzt hat, ins Visier des Regimes und wird zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Zurück bleibt ihre kleine Tochter, mit der sie durch die Gefangenschaft den Kontakt verliert. Der Roman beschreibt die Auswirkungen eines totalitären Systems auf das Leben einzelner Menschen, in dem Freiheit zur Gefahr wird und Misstrauen selbst Familienbeziehungen zerstört. Die deutsche Ausgabe erschien erstmals 2022 und wurde nun im Unionsverlag erneut veröffentlicht.

Lidija Hiljes „Dem Meer entgegen“ erzählt die Geschichte von Ivona, die in ihren späten Dreißigern in ihre Heimatstadt Zadar an der kroatischen Küste zurückkehrt. Nach dem Scheitern ihrer Ehe und einer persönlichen Enttäuschung versucht sie, sich neu zu orientieren. Zwischen der Erinnerung an ihre Vergangenheit, der Begegnung mit ihrem früheren Mann Vlaho und einem unerwarteten Angebot für einen Neuanfang in Italien steht Ivona vor der Frage, welchen Weg sie künftig einschlagen möchte.

Yevgenia Naybergs „Another Tongue“ beschäftigt sich mit den Erfahrungen des Erlernens einer neuen Sprache und den Herausforderungen, die ein Wechsel in eine fremde Sprachwelt mit sich bringt. Ausgehend von der eigenen Biografie der aus der Ukraine stammenden Autorin und Illustratorin erzählt das Buch von der Verunsicherung, wenn vertraute Wörter plötzlich nicht mehr ausreichen und eine neue Sprache zunächst fremd und kompliziert erscheint. Mit humorvollen Texten und großformatigen Illustrationen zeigt Nayberg, wie aus anfänglichen Schwierigkeiten und vielen Fehlern langsam eine neue sprachliche Heimat entstehen kann.

Das Buch „Im Land der Erinnerungen“ des tschechischen Autors Tomáš Končinský erzählt die Geschichte von Jasmin, einem ganz normalen Mädchen, das sich zunächst wenig für Erinnerungen interessiert und lieber den Kopf frei haben möchte. Eines Nachts entdeckt sie, dass jemand in ihr Gedächtnis eingreift, und begibt sich auf eine abenteuerliche Reise durch fantastische Welten, um eine gestohlene Erinnerung zurückzuholen. Dabei erfährt sie, welche Bedeutung Erinnerungen für die eigene Identität und das menschliche Leben haben

Helmut Vorndrans „Die siebte Stadt“ verbindet einen fränkischen Kriminalfall mit einer internationalen Geschichte, die bis nach Russland und in die Ukraine führt. Nach einem Mord bei einer Wrestling-Veranstaltung in Forchheim geraten die Bamberger Kommissare in einen Fall, der zunächst wie ein lokales Verbrechen wirkt. Gleichzeitig gelangt ein junger russischer Wehrpflichtiger zufällig an geheime Dokumente aus dem Umfeld des russischen Präsidenten und wird daraufhin verfolgt. Gemeinsam mit Freunden und einem verschleppten ukrainischen Mädchen versucht er, nach Deutschland zu fliehen.

Uwe Timms „Am Beispiel meines Bruders“ ist ein literarisches Erinnerungsbuch über die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte und der deutschen Vergangenheit. Im Mittelpunkt steht Karl-Heinz, der 16 Jahre ältere Bruder des Autors, der sich im Zweiten Weltkrieg freiwillig zur Waffen-SS meldete und 1943 in einem Lazarett in der Ukraine starb. Nach dessen Tod blieb er in der Familie zugleich abwesend und präsent. Mithilfe von Erinnerungen, Tagebüchern und Briefen versucht Timm, das Leben seines Bruders nachzuzeichnen und Fragen nach Verantwortung, Schuld und Verdrängung zu beantworten.

Slata Roschals „Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet“ erzählt die Geschichte von Lea Stein, die zu einem Bewerbungsgespräch in ein luxuriöses Hotel-Resort reist und auf einen möglichen Neuanfang hofft. Dort trifft sie auf eine Welt voller Wohlstand und gesellschaftlicher Unterschiede, in der hinter der glänzenden Fassade Migrantinnen die unsichtbare Arbeit leisten. Während der Literaturagent Erwin Groß nach einer günstigen Unterstützung für seine unangenehmen Aufgaben sucht, gerät das scheinbar perfekte Umfeld durch den Fund eines toten Autors aus dem Gleichgewicht

Miriam Burdelskis „Ist doch schön hier“ erzählt die Geschichte von Liesel, die ihre Großmutter Emmi auf eine Reise in die ehemalige Provinz Ostpreußen begleitet. Auf der Suche nach den Spuren der Vergangenheit versucht Liesel, mehr über die Familiengeschichte, alte Geheimnisse und die Erfahrungen ihrer Großmutter herauszufinden. Zwischen Erinnerungen, verlassenen Orten, alten Gutshäusern und der Landschaft an der Ostsee begegnet sie den Themen Verlust, Schuld, Heimat und den Folgen vergangener Generationserfahrungen.

Nach knapp drei Jahren ist Viktor Jerofejews „Der Große Gopnik“ nun auch als Taschenbuch erschienen. Es ist ein satirischer 614-Seiten-Roman über die Entwicklung Russlands von der Sowjetzeit bis zur Gegenwart. Der Autor verbindet persönliche Erinnerungen, historische Ereignisse und literarische Fiktion, um der Frage nachzugehen, wie es zu den politischen Verhältnissen im heutigen Russland kommen konnte. Im Mittelpunkt stehen Figuren aus unterschiedlichen Epochen, darunter Josef Stalin, Wladimir Putin sowie Angehörige und Weggefährten des Schriftstellers. Mit ironischem und provokantem Blick beschreibt Jerofejew Macht, Anpassung, politische Kultur und gesellschaftliche Entwicklungen in Russland. Dabei verarbeitet er auch seine eigene Biografie als russischer Autor, der heute im Exil in Deutschland lebt.
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