
Liebe Freunde Osteuropas! Vor wenigen Wochen ist der Thriller „Seweryns Tanz mit den Knochen“ des ukrainischen Schriftstellers Andrij Semjankiw erschienen. Ein packender Roman über einen Pathologen, der immer tiefer in kriminelle Machenschaften gerät.
In dem Roman geht es um den titelgebenden Seweryn, oft auch Sewa genannt (was typische Koseformen in slawischen Sprachen sind). Er arbeitet in Kyjiw als Pathologe, kommt mit seinen Einnahmen gerade so über die Runden. Dabei hat er eine Freundin, die er vielleicht auch mal heiraten will. Da bekommt er ein Angebot einer Firma aus den USA. Er übergibt die Proben, die er in seiner Pathologie untersucht, später für Forschungszwecke weiter. Doch dafür braucht er die Einwilligung, sprich Unterschrift, der Patienten. Die das allerdings nicht wollen. Nach einem entscheidenden Gespräch mit einem guten Freund seiner Freundin entscheidet er sich, auf eigene Faust es einfach durchzuziehen. Und gerät so Stück für Stück immer mehr in illegale Machenschaften, wird dabei aber auch immer selbstbewusster. Mehr möchte ich über die Handlung nicht verraten
Ich bin jemand, der an sich kein Problem hat, einen Roman zu lesen, bei dem man am Anfang schon weiß, wie er enden wird. Weil, dann lese ich halt auf das Ende zu. Bei Semjankiws Thriller ist das genau anders herum. Selbst nach drei Viertel des Buches hatte ich immer noch keine Ahnung, wie die Geschichte enden soll. Wird er am Ende Millionär? Kommt er ins Gefängnis? Gibt es am Ende die große Weltverschwörung? Trotzdem bleibt das Buch von Anfang an spannend. Und das bis zur letzten Seite. Das liegt einerseits daran, weil der Autor oft mit Cliffhangern am Ende der Kapitel arbeitet. Aber auch, weil man immer tiefer in diese Welt der Knochen, Muskeln und Sehnen eingeführt wird. Also für Leute, die kein Blut sehen oder davon lesen können, so extrem ist das Buch jetzt nicht, würde ich sagen.
Was den Roman besonders interessant macht, ist der Beruf von Andrij Semjankiw selbst. Denn Semjankiw arbeitet selbst als Pathologe. Dementsprechend viele medizinische Begriffe kommen in dem Buch vor, haben mich als medizinischen Laien aber nie überfordert. Im Gegenteil: Gerade diese Details verleihen dem Roman eine besondere Glaubwürdigkeit.
Es hat mir wirklich großen Spaß gemacht, die Entwicklung der Hauptfigur zu verfolgen, vom schüchternen Grübler zum eiskalten Händler von menschlichem Gewebe und später auch Größerem. Die Entwicklung der Hauptfigur erinnert tatsächlich an Walter White aus Breaking Bad. Dieser Vergleich stammt nicht von mir, sondern wurde auch von der Jury des BBC Book of the Year in der Ukraine gezogen – und er trifft den Kern der Geschichte sehr gut.
Die Freundin von Seweryn wirkte auf mich etwas eindimensional oder mehr als Statistin in dem Roman, aber vielleicht ahnte ich schon was da noch in der Beziehung folgen sollte. Wichtiger sind da schon Gryscha, Seweryns nerviger Arbeitskollege in der Pathologie und die junge Tania, die bei ihm im Rahmen ihrer Internatura, der praktischen ärztlichen Weiterbildung in der Ukraine, arbeitet. Höchstens das Ende kommt mir dann etwas zu abrupt.
Doch der Roman ist nicht nur ein Medizin-Thriller. Durch Seweryns Alltag in Kyjiw bekommt man auch einen Einblick in eine ukrainische Lebensrealität, die von finanziellen Sorgen, schwierigen Arbeitsbedingungen und der Suche nach Möglichkeiten geprägt ist. Seweryn ist kein klassischer Verbrecher, der von Anfang an böse handelt. Vielmehr zeigt Semjankiw, wie ein Mensch durch eine Mischung aus persönlichen Problemen, finanziellen Zwängen und der Aussicht auf Erfolg Schritt für Schritt Grenzen überschreitet. Gerade diese Entwicklung macht den Roman auch über die eigentliche Thriller-Handlung hinaus interessant.
„Seweryns Tanz mit den Knochen“ von Andrij Semjankiw ist ein spannend erzählter Medizin-Thriller, den ich kaum aus der Hand legen konnte. Die Geschichte entwickelt sich ständig weiter, neue Probleme entstehen, und Seweryn muss immer wieder Entscheidungen treffen, die ihn tiefer in seine eigene Abwärtsspirale führen. Semjankiw gelingt damit genau das, was einen guten Thriller ausmacht: Er unterhält, erzeugt Spannung und lässt den Leser bis zur letzten Seite wissen wollen, wie diese Geschichte endet.
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