Liebe Freunde Osteuropas! Heute dann noch mein Monats-Update Juni 2026 über die Romane aus und über #Osteuropa. Erfreulich viel zur Ukraine dabei.

Oleg Friesens Roman „Hotel Frontiera“ spielt vor dem Hintergrund des russischen Angriffs auf die Ukraine im Februar 2022. Im Zentrum steht der Wiener Medizinstudent Peter, der an die rumänisch-ukrainische Grenze reist, wo täglich zahlreiche Geflüchtete aus der von Krieg betroffenen Ukraine ankommen. In einem Hotel nahe der Grenze begegnet er Mitgliedern einer medizinischen Hilfsorganisation, die in der nahegelegenen Stadt Tscherniwzi Binnenvertriebene versorgen. Im Verlauf der Handlung entscheidet sich Peter, selbst aktiv zu helfen und die Grenze in das Kriegsgebiet zu überqueren. Der Roman verbindet diese individuelle Perspektive mit der Darstellung humanitärer Hilfe im Kontext des Krieges und der Erfahrung einer unmittelbaren Grenzsituation zwischen Krieg und Frieden.

„Briefe in die Ukraine“ von Juri Andruchowytsch und Adrian Wanner versammelt eine Auswahl von Gedichten des ukrainischen Autors aus den Jahren 1980 bis 1990, die sowohl in der späten Sowjetzeit als auch in seiner Studienzeit in Lwiw und Moskau entstanden sind. Der Band konzentriert sich auf formal gebundene Lyrik mit Reim und regelmäßigem Versmaß und zeigt eine stilistische Vielfalt zwischen leisen, reflektierenden Tönen, burlesken und nostalgischen Motiven sowie politisch zugespitzten Texten. Neben der Darstellung persönlicher und kultureller Erfahrungen thematisieren die Gedichte auch die Frage nach der ukrainischen Identität und den gesellschaftlichen Umbrüchen in der späten Sowjetunion, wobei die Titelgedichte dem Band seinen programmatischen Rahmen geben.

Der Band „Wer will mich hindern, die Welt zu verkehren?“ versammelt Gedichte, Manifeste und Skizzen des ukrainischen Futuristen Mychajl Semenko aus den 1910er bis 1930er Jahren. Semenko bricht radikal mit Traditionen und entwickelt eine experimentelle, urbane Poesie, die das Leben im Kyjiw der Umbruchszeit zwischen Zarenreich, Revolution und früher Sowjetära spiegelt. Seine Texte stehen für den avantgardistischen Aufbruch der ukrainischen Kultur, der in den 1930er Jahren durch stalinistische Repression beendet wurde.

„Der Schaffner wollte die Kerzen nicht anzünden“ ist eine von Katja Petrowskaja herausgegebene Sammlung ukrainischer Meistererzählungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Band vereint Texte verschiedener Autor:innen und zeigt die Vielfalt zwischen modernistischer und realistischer Prosa, zwischen poetischen Skizzen und erzählerisch dichten Alltagsszenen. Im Mittelpunkt stehen soziale und kulturelle Umbrüche in der Ukraine, die sich sowohl in städtischen Milieus als auch in ländlichen Lebenswelten widerspiegeln. Wiederkehrende Motive wie der Zug als Symbol für Begegnung und Wandel unterstreichen die Erfahrung einer sich beschleunigenden historischen Transformation.

Maria Revas Roman „Ein Königreich für eine Schnecke“ spielt in der Ukraine im Jahr 2022 und verbindet mehrere Handlungsstränge zu einer satirisch-humorvollen Erzählung über Krieg, Verlust und Überleben. Im Zentrum steht die Schneckenforscherin Jewa, die mit einem mobilen Labor gefährdete Arten schützt und zugleich als „Braut“ einer Heiratsagentur arbeitet. Sie trifft auf zwei Schwestern, die eine feministische Entführungsaktion gegen Heiratswillige planen. Als der russische Angriffskrieg beginnt, verschiebt sich die Handlung abrupt und die Figuren geraten in eine neue, real existierende Krisensituation. Der Roman verbindet groteske und komische Elemente mit der Erfahrung von Krieg und thematisiert, wie Literatur auf Gewalt und Gegenwart reagieren kann.

Susan McClellands „Honor“ erzählt in zwei ineinander verwobenen Perspektiven die Geschichte einer ukrainischen Jugendlichen namens Nataliia in den frühen 2010er Jahren und eines jüdischen Jungen, der während des Zweiten Weltkriegs im Holocaust versteckt lebt. Ausgehend von einer in der Gegenwart gefundenen Schachtel mit Briefen aus der NS-Zeit wird Nataliia in eine Vergangenheit hineingezogen, die Fragen nach Familiengeschichte, Erinnerung und verdrängten Zusammenhängen aufwirft. Während sie die Briefe liest, entstehen Verbindungen zwischen den historischen Erfahrungen des jüdischen Jungen und der Gegenwart in der Ukraine, wodurch sich die Ebenen von Vergangenheit und Gegenwart zunehmend überlagern.

Yulia Artsiomavas Roman „Ich bin die Revolution“ erzählt die Geschichte der Fotografin Darja, die sich zunächst auf dem Majdan in Kyjiw befindet und dort die revolutionären Ereignisse dokumentiert. Anschließend folgt sie einer persönlichen und emotionalen Entwicklung, die sie nach Moskau führt, wo sie in eine Hausgemeinschaft mit unterschiedlichen Figuren gerät, geprägt von politischen Diskussionen, provisorischen Allianzen und einem unsicheren Alltag. Der Roman verbindet die Atmosphäre gesellschaftlicher Umbrüche im postsowjetischen Raum mit einer Coming-of-Age-Erzählung, in der Fragen von Identität, Freundschaft und persönlicher Entscheidungsfindung im Mittelpunkt stehen.

Marjana Sawkas „Vom Leben und Lieben: in 19 kleinen Geschichten“ versammelt kurze, alltagsnahe Erzählungen über Liebe, Beziehungen und persönliche Erfahrungen. Im Mittelpunkt stehen einzelne Protagonistinnen, deren Leben in knappen, direkt erzählten Episoden geschildert wird. Der Krieg in der Ukraine ist dabei als Hintergrundrealität präsent, ohne die Geschichten zu dominieren. Die Sammlung bietet so Einblicke in gegenwärtige Lebenswelten zwischen privaten Emotionen, gesellschaftlichen Veränderungen und den Auswirkungen des Krieges im Alltag.

Nach zwei Jahren auch in der Taschenbuchausgabe ist jetzt Sarah Brooks’ Roman „Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“ erschienen. Er spielt am Ende des 19. Jahrhunderts und begleitet eine Reise mit dem Transsibirien-Express durch eine geheimnisvolle, lebensfeindliche Wildnis zwischen China und Russland. An Bord des Zuges befinden sich verschiedene Passagiere mit verborgenen Motiven, darunter eine trauernde Frau, ein im Zug geborenes Kind und ein in Ungnade gefallener Naturforscher. Während die Reise fortschreitet, verschwimmen die Grenzen zwischen der äußeren Bedrohung des „Ödlands“ und den zunehmenden Gefahren im Inneren des Zuges selbst. Der Roman verbindet historische Kulisse mit Elementen von Mystery und Abenteuer und thematisiert Unsicherheit, Identität und Grenzerfahrungen in einer extremen Umgebung.

Elyse Durhams Roman „Maja & Natascha“ spielt im Leningrad der späten 1950er Jahre und erzählt die Geschichte zweier Zwillingsschwestern, die gemeinsam eine Karriere beim Kirow-Ballett anstreben. Ihr Traum wird jedoch durch politische Restriktionen der Sowjetunion erschwert, da nur eine von ihnen die Möglichkeit erhält, ins Ausland zu reisen. Aus der engen Geschwisterbindung entsteht dadurch eine Konkurrenzsituation, die ihre Beziehung auf eine harte Probe stellt. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges verbindet der Roman die Welt des sowjetischen Balletts mit einer Erzählung über Ambition, Loyalität und persönliche Opfer.

Narine Abgarjans Roman „Vom Himmel fielen drei Äpfel“ spielt in dem abgelegenen armenischen Bergdorf Maran, das von Abwanderung, Hunger und Naturkatastrophen geprägt ist. Im Zentrum steht die 58-jährige Anatolia, die eines Morgens glaubt, ihren letzten Tag zu erleben, jedoch unerwartet in neue Begegnungen und Entwicklungen hineingezogen wird. Eine unwahrscheinliche Liebesgeschichte und das Wiederaufleben des Dorflebens verbinden sich mit Elementen des Magischen und Mythischen, etwa der Präsenz von Engeln oder symbolischen Tiererscheinungen wie weißen Pfauen. Der Roman zeichnet ein poetisches Panorama ländlicher Gemeinschaften zwischen Tradition, Verlust und Hoffnung.

Nach bald drei Jahren ist Joanna Bators Roman „Bitternis“ nun als Taschenbuch erschienen. Er erzählt eine deutsch-polnische Familiengeschichte, die von 1938 bis in die Gegenwart reicht. Im Zentrum steht Kalina Serce, die in eine verlassene Villa im schlesischen Langwaltersdorf zurückkehrt, wo sich die Geschichte ihrer Familie über mehrere Generationen entfaltet. Ausgangspunkt ist ihre Urgroßmutter Berta, deren Leben von Liebe, Fluchtplänen und einer folgenreichen Entscheidung geprägt ist. Der Roman verfolgt die Spuren einer Frauendynastie und verbindet individuelle Schicksale mit den historischen Umbrüchen in Schlesien. Dabei steht das Verhältnis von Freiheit, Begehren und familiären Geheimnissen im Mittelpunkt.

Szczepan Twardoch gehört zu den bekanntestes polnischen Gegenwartsautoren in Deutschland. Sein neuer Roman „Sehnsucht“ folgt dem ehemaligen Bergmann Erwin Piontek, dessen Traum von einer Weltumseglung auf einem Stausee beginnt und sich in eine Reise durch verschiedene historische Rollen und Epochen verwandelt. Die Figur erlebt koloniale Kriege, Gefangenschaft und politische Umbrüche bis in die Gegenwart. Der Roman verknüpft diese Stationen zu einer Reflexion über Identität, Zeit und die Sehnsucht nach Ferne und Zugehörigkeit.

Silvia Trippolts Roman „Das Glück beginnt in Istrien“ erzählt die Geschichte von Linda, die nach beruflichen und privaten Rückschlägen Graz verlässt und nach Istrien flieht. Dort strandet sie zunächst mit ihrem Auto im Wald, bevor sie von dem Trüffelsucher Marko gefunden und in ein kleines B&B in Rovinj gebracht wird, das Zuflucht für Menschen in Umbruchsituationen bietet. An der Adriaküste versucht Linda, ihr Leben neu zu ordnen und Distanz zu ihren bisherigen Erfahrungen zu gewinnen, gerät jedoch erneut in emotionale Verwicklungen. Der Roman verbindet persönliche Neuorientierung mit einer atmosphärischen Kulisse an der kroatischen Küste.

Emma Kauscs autofiktionaler Roman „Handlungsstörung“ folgt der 33-jährigen Emma, die in London lebt und ihre tschechische Herkunft, den Tod ihrer Mutter sowie das Verschwinden ihrer Partnerin zu verarbeiten versucht. Ihre Suche verläuft fragmentarisch und wird immer wieder unterbrochen, wodurch sich eine nicht-lineare Erzählstruktur ergibt. Vor dem Hintergrund globaler Krisen wie steigenden Wasserspiegeln und Waldbränden in Kalifornien verbindet der Roman persönliche Verlusterfahrungen mit einer sich verschärfenden Weltlage. Im Zentrum steht Emmas Versuch, Orientierung in einer von Brüchen geprägten Gegenwart zu finden.

Štěpánka Jislovás Graphic Novel „Heartcore“ ist eine autobiografisch geprägte Auseinandersetzung mit Liebe, Beziehungen und persönlichen Erfahrungen der Autorin. In bildstarken Episoden erzählt sie von Dating, Einsamkeit, sexuellen Erfahrungen und dem Versuch, eigene Bindungsmuster zu verstehen und zu durchbrechen. Dabei werden auch gesellschaftliche Faktoren wie Geschlechterrollen, Alkohol, Erwartungen an Beziehungen und Erfahrungen von sexueller Gewalt reflektiert. Die Graphic Novel verbindet persönliche Erinnerung mit analytischer Selbstbeobachtung und zeichnet das Porträt einer jungen Frau, die ihre eigenen Verletzungen und Beziehungsmuster kritisch hinterfragt.

Eva Vezhnavets’ „What Now, Mr Wolf?“ erzählt von Ryna, die in ein abgelegenes belarussisches Dorf zurückkehrt, um nach dem Tod ihrer Großmutter Darafeya an deren Totenwache teilzunehmen. In der Nacht zwischen Leben und Tod erscheint die Stimme der Großmutter und entfaltet eine Geschichte über mehrere Generationen hinweg, geprägt von Gewalt, Krieg und Überlebenskampf. Im Zentrum stehen Darafeya und ihre Mutter, die als Heilerinnen und „Whisperers“ zugleich gefürchtet und respektiert wurden und verschiedene politische Regime überstanden. Der Roman verbindet mündliche Erzähltradition mit einer düsteren Familiengeschichte und zeigt, wie historische Gewalt in persönlichen Erinnerungen fortwirkt, während Ryna versucht, sich davon zu lösen und einen eigenen Weg zu finden.

Alena Mornštajnovás Roman „Zeit der Wespen“ erzählt von Bára und dem als „Ptáčník“ bekannten Einzelgänger, der sich den Vögeln verschrieben hat. Während er gelernt hat, mit seiner Vergangenheit zu leben, ist Bára überzeugt, dass ein Ereignis ihr Leben entscheidend verändert hat, und versucht, die Erinnerung daran neu zu deuten. Nach und nach offenbart sich die Verbindung zwischen den beiden, deren gemeinsame Vergangenheit ihre Lebenswege nachhaltig geprägt hat. Der Roman behandelt Themen wie Schuld, Verlust, Erinnerung und die Suche nach einem Neuanfang.

Der historische Kriminalroman „Glatz. Rübezahl“ ist der dritte Band der Glatz-Reihe von Tomasz Duszyński. Er spielt im Winter 1923, als auf dem Glatzer Schneeberg die grausam verstümmelte Leiche eines Touristen gefunden wird. Kurz darauf folgt der Mord an einem angesehenen Gelehrten. Der Täter bezeichnet sich in einer Botschaft als Rübezahl, den sagenumwobenen Geist des Riesengebirges. Oberwachtmeister Franz Koschella übernimmt die Ermittlungen und stößt auf eine Verbindung zu den Beelitzer Heilstätten bei Berlin. Gleichzeitig holt ihn seine eigene Vergangenheit ein, als Hauptmann Wilhelm Klein erneut in sein Leben tritt. Die Suche nach dem Mörder entwickelt sich zu einer Konfrontation mit alten Geheimnissen, deren Aufdeckung weitreichende Folgen haben könnte.

Elmar Tannerts „Club der dichtenden Polizisten“ ist ein Kriminalroman aus dem bayerisch-böhmischen Grenzgebiet. Als eine jahrzehntealte Leiche mit einer Schussverletzung gefunden wird, beginnen Ermittler, die Hintergründe des Falls aufzudecken. Die Spur führt zu verdrängten Familiengeheimnissen und in die konfliktreiche Geschichte der deutsch-tschechischen Grenzregion. Josef Meinl, der aus einer deutsch-tschechischen Familie stammt, erforscht dabei die Vergangenheit seines Urgroßvaters, der als Schmuggler im Grenzland lebte und eines Tages verschwand. Die Ermittlungen verbinden einen aktuellen Kriminalfall mit den Ereignissen um 1938, der Zeit vor dem Münchner Abkommen, und der Frage, wie persönliche Erinnerungen und historische Schuld miteinander verwoben sind.

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