
Liebe Freunde Osteuropas! Eine Katze aus Butscha. Ein streunender Hund in Tschernihiw. Ein Mann in den USA, der Vögel hört, die es nicht gibt. So erzählt Olena Sachartschenko in neun Geschichten von der russischen Großinvasion in der Ukraine – und das ist große Erzählkunst.
2023 auf Ukrainisch und Anfang 2025 auf Deutsch ist das Buch „Bloß nicht bellen“ erschienen. Das wiederkehrende Element in allen Geschichten ist der Beginn der russischen Großinvasion in die Ukraine. Das zweite sind Tiere, die mal präsenter, mal weniger präsent eine Rolle spielen. Da ist etwa die Frau aus Kyjiw, die einen Kater findet und ihn bei einem alten Mann in Butscha abgibt, weil sie ihn nicht in ihrer Wohnung aufnehmen kann. Kurz nach der Großinvasion meldet sich der Mann und fragt, ob sie die Katze nicht wieder abholen wolle. Ein streunender Hund in Tschernihiw, um den sich eine Frau kümmert. Oder die Vögel eines alten Ukrainers, der mittlerweile in den USA lebt und nach der Großinvasion zwei Frauen mit vier Kindern bei ihrer Flucht aufnimmt – Vögel, die erst am Ende eine besondere Bedeutung bekommen.
Ich muss zugeben, bei den ersten Seiten war ich erst etwas skeptisch. Die Kurzgeschichten sind zwischen 10 und 18 Seiten lang. Bevor sie so richtig starten, sind sie schon wieder vorbei. Ich bin es eher gewohnt Geschichte über mehrere Hundert Seiten zu lesen. Kann man auf so engem Raum eine Geschichte richtig entfalten. Bei Olena Sachartschenkos Buch „Bloß nicht bellen“ kann ich nur sagen: Die Antwort ist ein klares Ja.
Wie ein guter Erzählband lebt auch „Bloß nicht bellen“ von seiner Vielfalt: Jede Geschichte erzählt vom Beginn der russischen Großinvasion, blickt dabei aber durch andere Augen auf die Ereignisse. Von zwei Frauen, die mit je ihren beiden Kindern in die USA fliehen, und sich gegenseitig auch wegen dem Stress der weiten Reise mit den Kindern nicht leiden können, der Journalist mit Wurzeln in die Ukraine, der erst kurz vor Beginn der Großinvasion das erste Mal in das Land seiner Großmutter geht, obwohl es ihn überhaupt nie reizte, mal dorthin zu fahren. Eine Familie aus dem Dorf Rudka, die versuchen, bei der Flucht kurz nach der Großinvasion auch ihre Hühner zu retten.
Die Geschichten sind dabei so erzählt, dass man nicht sofort erahnt, in welche Richtung sie sich entwickeln, oder wie sie enden werden. Aber das spielt auch keine Rolle. Man erlebt den Kriegsbeginn durch die Augen verschiedenster Menschen, aus verschiedensten Regionen, aus der Stadt und vom Land, aus Ost und West. Und die Geschichten sind so authentisch und teils intensiv erzählt, dass man das Buch gar nicht mehr weglegen will. Dabei auch ein ausdrückliches Lob an die Übersetzerin Jutta Lindekugel. Die Geschichten lesen sich wie aus einem Guss.
Krieg ist natürlich kein einfaches Thema. Manche möchten sich damit aktuell am liebsten nicht beschäftigen. Doch bei diesem Buch solltet ihr eine Ausnahme machen. Es bietet einen authentischen Blick auf die Ukrainerinnen und Ukrainer in Extremsituationen – darauf, wie sie handeln, sich helfen und nach vorne blicken.
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