Liebe Freunde Osteuropas! Ab heute stelle ich euch die #Osteuropa-Neuerscheinungen von Mai 2026 vor. Ist wieder eine ganze Menge guter Bücher erschienen. Da ist für jeden Geschmack was dabei.

„Operation Spider’s Web“ von Christopher A. Lawrence schildert einen groß angelegten ukrainischen Drohnenangriff auf russische Militärflugplätze während des Krieges in der Ukraine. Ausgangspunkt ist ein koordinierter Einsatz von Drohnen, die tief im russischen Staatsgebiet von Lastwagen aus gestartet werden und mehrere Luftwaffenbasen angreifen. Dabei sollen strategische Bomber und Aufklärungsflugzeuge der russischen Streitkräfte beschädigt oder zerstört worden sein. Das Buch rekonstruiert diesen Angriff detailliert und beschreibt ihn als Wendepunkt moderner Kriegsführung, der zeigt, wie Drohnenkrieg die militärischen Machtverhältnisse und strategischen Risiken grundlegend verändert.

„The Theater: Courage and Survival in the Defining Atrocity of the Ukraine War“ von James Verini beschreibt die Ereignisse rund um die Bombardierung des Theaters in Mariupol im März 2022 während der russischen Invasion in der Ukraine. Im Zentrum steht eine Gruppe ukrainischer Zivilisten – darunter Arbeiter, Lehrer und Schauspieler –, die im Theater einen Schutzraum für Tausende Menschen organisieren. Das Buch schildert, wie diese improvisierte Rettungsstruktur unter extremen Bedingungen im belagerten Mariupol entsteht und schließlich durch den Angriff zerstört wird. Es verbindet die individuellen Geschichten der Beteiligten mit der Darstellung des Kriegsalltags und zeigt den Angriff als eines der schwersten zivilen Gewaltverbrechen des Krieges.

„Mich kriegt ihr nicht!“ enthält die erstmals literarisch übersetzten Erinnerungen von Joseph Wisnicki, einem 1916 in Częstochowa geborenen polnischen Juden. Er schildert seine Flucht- und Überlebensgeschichte während des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs, die ihn durch Polen und bis nach Vorarlberg führte. Mit falschen Identitäten, wechselnden Verstecken und der Hilfe anderer gelingt es ihm, Verfolgung und Deportation mehrfach zu entkommen. Nach dem Krieg baut er sich ein neues Leben auf und verarbeitet später seine Erlebnisse schriftlich für seine Familie. Der Text wird durch historische Kommentare, Fotos und Dokumente ergänzt und verbindet persönliche Erinnerung mit Zeitgeschichte.

„Die Zukunft, die nie kam: Wie der Zerfall der Sowjetunion bis heute nachwirkt“ von Mikhail Zygar untersucht die Folgen des Zerfalls der Sowjetunion und die politische Entwicklung im postsowjetischen Raum. Auf Basis von Archivrecherchen, Zeitzeugeninterviews und Gesprächen mit politischen Akteuren rekonstruiert das Buch unterschiedliche Perspektiven auf das Ende des Kalten Krieges und seine langfristigen Auswirkungen. Zygar geht der Frage nach, warum der Kalte Krieg seiner Darstellung nach nicht wirklich endete und wie imperiale und nationalistische Ideologien aus der Sowjetzeit in die Gegenwart hineinwirken, insbesondere im Kontext des Krieges gegen die Ukraine. Dabei werden unter anderem Figuren wie Mikhail Gorbachev, der Dissident Andrei Sakharov und Alexander Solzhenitsyn sowie weitere Zeitzeugen und politische Akteure der Transformationszeit einbezogen.

„Was Autokraten fürchten“ von Florian Bieber analysiert die Protestbewegung in Serbien und ordnet sie in einen größeren internationalen Kontext autoritärer Herrschaft ein. Ausgangspunkt ist der Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad im November 2024, der in Serbien landesweite Proteste auslöst. Diese Bewegung richtet sich gegen Korruption, fehlende Rechtsstaatlichkeit und Machtmissbrauch unter Präsident Aleksandar Vučić. Die Bevölkerung fordert Aufklärung und politische Reformen. Darauf aufbauend zeigt das Buch, wie solche Proteste autoritäre Regime unter Druck setzen – nicht nur in Serbien, sondern auch vergleichbar in anderen Staaten, etwa Russland, Ungarn oder den USA – und welche Strategien diese Regime nutzen, um gesellschaftlichen Widerstand zu unterdrücken.

„Mein Eiserner Vorhang“ von Nikita Afanasjew ist eine persönliche Reportagereise entlang der heutigen politischen und militärischen Trennlinie zwischen Ost und West in Europa. Ausgehend von seiner eigenen Biografie – geboren in der Sowjetunion und später nach Deutschland übersiedelt – erkundet Afanasjew, wie sich Europa erneut in Lager spaltet. Er reist entlang einer neuen Grenze, die von Skandinavien bis in den Kaukasus reicht und durch Zäune, Militärpräsenz und politische Spannungen geprägt ist. Dabei trifft er Menschen auf beiden Seiten dieser „neuen Front“ und beschreibt, wie sich Beziehungen, Familien und politische Orientierungen seit dem Krieg gegen die Ukraine verändert haben, insbesondere auch mit Blick auf Russland.

„Luise. Die Erprobung des Abschieds: Eine polnisch-deutsche Familiengeschichte“ von Monica Brandis erzählt die Lebensgeschichte ihrer Großmutter Luise vor dem Hintergrund zentraler Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Luise wächst in einem westpreußischen Dorf auf, geht später als Lehrmädchen nach Berlin und erlebt dort die 1930er-Jahre. Während des Zweiten Weltkriegs wird sie Witwe und muss sich mit der Versorgung ihres Kindes allein durchschlagen. Nach dem Krieg lebt sie im Nachkriegsdeutschland und baut sich dort ein neues Leben auf. Parallel dazu werden die Lebenswege ihrer Geschwister geschildert: Ein Teil der Familie arrangiert sich mit dem NS-Regime, ein Bruder wird später inhaftiert, eine Schwester wird 1946 aus der Region um Gdańsk vertrieben und beginnt in Mecklenburg ein neues Leben. Das Buch verbindet diese Familiengeschichten mit den historischen Umbrüchen von Krieg, Nationalsozialismus und Vertreibung.

„Ukrainian Spiritual Traditions: Myth and Magic for Modern Life“ von Tania Andrushko ist ein populär aufbereitetes Sachbuch über ukrainische Volksbräuche und spirituelle Traditionen. Das Buch stellt saisonale Rituale, naturbezogene Praktiken und symbolische Bedeutungen aus der ukrainischen Folklore vor. Dazu gehören etwa alte Bräuche im Jahreslauf, Kräuterwissen, traditionelle Lieder sowie Deutungen von Tieren, Naturkräften und mythischen Figuren. Im Mittelpunkt steht die Idee, diese kulturellen und spirituellen Traditionen als lebendige Praxis zu verstehen und sie mit modernen Formen von Naturverbundenheit und Alltagsritualen zu verbinden.

Erstmals November 2024 erschienen und jetzt als Taschenbuch ist „Forged in War“ von Mark Galeotti. Das Buch bietet eine umfassende Militärgeschichte Russlands von den Anfängen bis in die Gegenwart. Im Mittelpunkt steht die These, dass Krieg und Bedrohungswahrnehmung die russische Staatsentwicklung über Jahrhunderte geprägt haben. Von den frühen mittelalterlichen Fürstentümern über die Expansion des Zarenreichs und die Konflikte des 19. Jahrhunderts bis hin zu den Weltkriegen und der Sowjetunion wird gezeigt, wie militärische Herausforderungen politische Strukturen und nationale Identität geformt haben. Das Buch führt diese Entwicklung bis in die Gegenwart fort und analysiert auch den Krieg gegen die Ukraine im Kontext einer langen Tradition staatlicher Militarisierung und sicherheitspolitischer Denkweisen in Russland.

„The Dark Heart of Russia“ ist ein Sammelband, herausgegeben von Jonathan Fink, der verschiedene Perspektiven auf Russland und seine politische Kultur zusammenführt. Das Buch vereint Beiträge von rund 30 unterschiedlichen Stimmen – darunter Dissidenten aus dem Umfeld des Kremls, Militär- und NATO-Experten, Journalistinnen und Journalisten, Historiker sowie Menschenrechtsaktivisten. Gemeinsam analysieren sie die Entwicklung Russlands von der Sowjetzeit bis zur Gegenwart unter Präsident Putin. Im Zentrum steht die Kritik an autoritären Strukturen, Propaganda und imperialen Kontinuitäten sowie der Versuch, die politische und gesellschaftliche Entwicklung Russlands aus unterschiedlichen fachlichen und persönlichen Blickwinkeln zu erklären.

„The Steppe and Its Empires“ von Michael Khodarkovsky ist eine vergleichende Studie über die Entstehung und Entwicklung des Russischen Reiches im Kontext seiner eurasischen Nachbarimperien. Der Autor untersucht die Rolle der eurasischen Steppe bei der Staatsbildung Russlands zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert und vergleicht das Zarenreich mit Imperien wie dem Osmanischen Reich, Persien, dem Mogulreich und China. Dabei zeigt er, dass Russland nicht nur europäisch geprägt war, sondern strukturell viele Gemeinsamkeiten mit diesen asiatischen Reichen aufweist. Im Zentrum steht die These, dass Russland als hybrides eurasisches Imperium zu verstehen ist, dessen Expansion und politische Kultur stark durch die Steppe, mobile Grenzräume und militärisch-soziale Strukturen geprägt wurden.

„Für den Frieden – Widerruf meiner Kriegsdienstverweigerung“ von Stephan Anpalagan ist ein persönlicher Essay über seine veränderte Haltung zur Kriegsdienstverweigerung und zur Rolle des Militärs in Deutschland. Anpalagan beschreibt zunächst seine frühere Entscheidung, aus Gewissensgründen keinen Militärdienst zu leisten, die unter anderem durch seine christliche Überzeugung und sein Verhältnis zur Bundeswehr geprägt war. Im Verlauf der Zeit kommt er jedoch zu einer Neubewertung dieser Haltung. Vor dem Hintergrund aktueller Kriege und sicherheitspolitischer Entwicklungen argumentiert er schließlich, dass Frieden nur durch gemeinsame Verteidigungsfähigkeit und eine starke Bundeswehr gesichert werden könne.

„Die Unfähigkeit zum Frieden“ von Michael G. Müller untersucht die Glaubensspaltung im Europa des 16. Jahrhunderts und ihre langfristigen politischen Folgen. Im Zentrum steht die Reformation und die daraus entstehenden konfessionellen Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten. Müller zeigt dabei, dass die übliche Deutung dieser Epoche als Weg hin zu religiöser Toleranz vor allem auf westeuropäische Entwicklungen fokussiert ist. Im Vergleich dazu hebt er die Erfahrungen Ostmitteleuropas (u. a. Polen-Litauen, Böhmen und Ungarn) hervor und argumentiert, dass dort andere Formen des Umgangs mit religiöser Vielfalt entstanden. Insgesamt entwickelt er die These, dass konfessionelle Konflikte in Teilen Europas zu langfristigen politischen Blockaden und einer „Unfähigkeit zum Frieden“ führten, deren Nachwirkungen bis in die Neuzeit reichen.

„Literatur als Kommunikation“ versammelt zentrale Texte ukrainischer Literaturtheorie vom späten 19. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in zweisprachiger Ausgabe (ukrainisch und deutsch). Im Mittelpunkt stehen frühe literaturwissenschaftliche Ansätze ukrainischer Theoretiker wie Oleksandr Potebnja sowie Autoren der 1920er Jahre, die sich intensiv mit russischem Formalismus und marxistischer Literaturtheorie auseinandersetzten. Ihre Arbeiten behandeln Fragen der Literatur als soziales Kommunikationssystem, der Rezeption sowie der Entwicklung einer nationalen Literaturgeschichte. Der Band zeigt zugleich die enge Verflechtung ukrainischer und russischer Theorieentwicklung in der frühen Sowjetzeit, aber auch die politischen Brüche dieser Epoche: Viele der vertretenen Wissenschaftler wurden im Zuge stalinistischer Repressionen verfolgt oder hingerichtet, einige überlebten im Exil.

„This is Also a Love Story“ von Sally Hayden ist eine journalistische Reportage, die globale Krisen durch persönliche Geschichten von Liebe, Verlust und Überleben erzählt. Im Mittelpunkt stehen Menschen in verschiedenen Konflikt- und Krisenregionen, darunter ein durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine getrenntes Paar, eine Mutter in Nigeria, die ihre Tochter vor Zwangsheirat durch Boko Haram schützen will, sowie syrische Familien auf der Suche nach vermissten Angehörigen. Auch Erinnerungen an die Folgen des Tsunamis in Japan werden aufgegriffen. Das Buch verbindet diese Einzelschicksale aus unterschiedlichen Regionen der Welt und zeigt, wie menschliche Beziehungen und Fürsorge selbst unter extremen Bedingungen bestehen bleiben.

„Six Minutes to Winter“ von Mark Lynas behandelt die Gefahr eines möglichen Atomkriegs und seine globalen Folgen. Das Buch beschreibt, wie angespannt die aktuelle nukleare Weltlage ist und argumentiert, dass die Welt sich wieder in einer Phase großer nuklearer Risiken befindet – vergleichbar mit der Zeit des Kalten Krieges. Im Zentrum steht die Warnung, dass ein größerer Atomwaffeneinsatz innerhalb kürzester Zeit eine globale Katastrophe auslösen könnte, inklusive eines „nuklearen Winters“ mit massiven klimatischen und humanitären Folgen. Gleichzeitig diskutiert Lynas politische und diplomatische Möglichkeiten zur Rüstungskontrolle und zur langfristigen Abschaffung von Atomwaffen, um eine solche Eskalation zu verhindern.

In „The Successor“ erzählt der russische Journalist und Publizist Mikhail Fishman die jüngere Geschichte Russlands anhand des Lebens von Boris Nemzow (1959–2015), einem der bekanntesten liberalen Politiker des Landes. Nemzows politische Laufbahn begann während der Perestroika und führte ihn durch die Umbrüche der 1990er Jahre, die Präsidentschaften Boris Jelzins und Wladimir Putins sowie die zunehmende Einschränkung demokratischer Freiheiten in Russland. Auf Grundlage von Archivmaterialien und zahlreichen Interviews rekonstruiert Fishman zentrale Ereignisse der russischen Zeitgeschichte, darunter den Augustputsch von 1991, die politischen Entwicklungen der postsowjetischen Ära und die Annexion der Krim 2014. Einen besonderen Schwerpunkt bildet Nemzows Rolle als Oppositionspolitiker und Kritiker des Kremls bis zu seiner Ermordung im Jahr 2015. Das Buch verbindet Biografie und politische Geschichte und bietet einen Einblick in die Entwicklung Russlands seit dem Ende der Sowjetunion bis zum russischen Krieg gegen die Ukraine.

„Der Sohn des Oligarchen“ von Patrick Radden Keefe erzählt anhand eines Todesfalls in London im Jahr 2019 von den globalen Verflechtungen der Superreichen und den dunklen Seiten internationaler Finanz- und Machtstrukturen. Ausgangspunkt ist der Fall eines 19-Jährigen, der sich als Sohn eines russischen Oligarchen ausgegeben hat und nach seinem Sturz aus einem Luxushochhaus in einen Komplex aus Betrug, Identitätskonstruktionen und kriminellen Netzwerken führt. Im Zentrum steht weniger eine klassische Kriminalgeschichte als eine Recherche über die Verbindungen zwischen globaler Elite, Geldströmen und politischer Einflussnahme. London erscheint dabei als Knotenpunkt transnationaler Macht- und Korruptionsstrukturen, in denen wirtschaftliche Interessen und Strafverfolgung in einem Spannungsverhältnis stehen.

In „Credit to the Nation“ untersucht Rebecca Kobrin die Geschichte jüdischer Einwanderer aus dem Russischen Reich, die zwischen dem späten 19. Jahrhundert und den 1930er Jahren in den Vereinigten Staaten eigene Bankhäuser aufbauten. Im Mittelpunkt stehen Unternehmer, die Landsleuten die Auswanderung nach Amerika finanzierten und ihnen nach ihrer Ankunft Kredite zur Verfügung stellten, die ihnen etablierte Banken häufig verweigerten. Auf Grundlage von Archivmaterialien in Jiddisch, Russisch, Deutsch und Englisch zeichnet Kobrin nach, wie diese Einwandererbanken zum wirtschaftlichen Aufstieg der jüdischen Gemeinschaft beitrugen und zugleich die Entwicklung des amerikanischen Finanzwesens beeinflussten. Für Leserinnen und Leser mit Interesse an Osteuropa bietet das Buch Einblicke in die Auswanderungsgeschichte der Juden aus dem Russischen Reich sowie in die transnationalen Netzwerke, die zwischen Osteuropa und den Vereinigten Staaten entstanden. Darüber hinaus beleuchtet die Autorin die Rolle jüdischer Bankiers bei der Entwicklung des New Yorker Immobilienmarktes und die Folgen der Bankenkrisen der Zwischenkriegszeit.

In „A Frozen State: Experiencing Cold in Russian History and Culture“ untersucht Alison K. Smith gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Bedeutung von Kälte als historisches, kulturelles und symbolisches Element der russischen Geschichte. Der Sammelband zeigt, wie Kälte in unterschiedlichen Epochen sowohl als Bedrohung als auch als Ressource und Identitätsmarker verstanden wurde. Für Reisende und Denker der frühen Neuzeit galt das russische Klima häufig als fremd und schwer erklärbar, während im 19. Jahrhundert zunehmend eine Umdeutung stattfand, bei der Kälte auch als Teil nationaler Selbstdefinition und ästhetischer Vorstellung aufgefasst wurde. Gleichzeitig blieb sie stets eine materielle Realität von Härte und Entbehrung, etwa im Alltag, in Strafpraktiken oder in der Industrialisierung des Nordens. Die Beiträge reichen bis in die Gegenwart und beleuchten unter anderem Arktisexpeditionen, wirtschaftliche Erschließung des Nordens und touristische Aneignungen des „kalten“ Raums. Der Band verbindet historische, kunsthistorische und literaturwissenschaftliche Perspektiven und nutzt auch visuelle Quellen, um die Rolle von Kälte in der russischen Geschichte und Kultur umfassend darzustellen.

In „Goodbye, ISIS: What Remains is Future“ untersucht die ukrainische Journalistin Katerina Sergatskova die Beteiligung von Menschen aus dem postsowjetischen Raum an der Terrororganisation ISIS. Ausgangspunkt ist die Frage, warum sich mehr als 15.000 Personen aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion der Gruppe anschlossen und damit einen erheblichen Teil der ausländischen Kämpfer stellten. Auf Grundlage langjähriger Recherchen in Georgien, der Türkei, im Irak und in der Ukraine rekonstruiert Sergatskova die Lebenswege von Rekrutierten, ihren Familien sowie von Personen, die fälschlich der ISIS-Mitgliedschaft beschuldigt wurden. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Ausbreitung jihadistischer Netzwerke im Kaukasus und im postsowjetischen Raum sowie auf den sozialen und politischen Bedingungen, die diese Entwicklungen begünstigten. Darüber hinaus wird auch die Ukraine als ein Ort thematisiert, an dem einzelne Rückkehrer oder ehemalige Kämpfer neue Lebenswege zu finden versuchen. Das Buch verbindet individuelle Fallgeschichten mit einer Analyse der Verflechtungen zwischen regionalen Konflikten im postsowjetischen Raum und der globalen Entwicklung extremistischer Bewegungen.

In „Spaltungslinien: Europas Parteiensysteme und die Dekonsolidierung des Nationalstaats“ analysiert Philip Manow den Wandel europäischer Parteiensysteme und die Verschiebung politischer Konfliktlinien. Statt klassischer Links-Rechts-Gegensätze beschreibt er eine neue Hauptachse zwischen liberalen und illiberalen politischen Positionen, die er mit der Erosion des Nationalstaats als zentraler Ordnungsebene verbindet. Für Leserinnen und Leser mit Interesse an Osteuropa ist das Buch besonders relevant, da sich diese Umbrüche in vielen postsozialistischen Staaten in verdichteter Form zeigen. Entwicklungen in Ländern wie Polen oder Ungarn lassen sich mit Manows Modell gut in europäische Vergleichsdebatten einordnen.

In „Mit den Augen der Kinder“ untersucht Joanna Beata Michlic die Erfahrungen polnisch-jüdischer Kinder und Jugendlicher, die den Holocaust überlebt haben. Im Mittelpunkt steht eine „intime Sozialgeschichte“, die sich auf autobiografische Zeugnisse und Dokumente stützt und die subjektiven Perspektiven der jüngsten Überlebenden sichtbar macht. Die Studie zeigt, wie stark Krieg und Verfolgung Identität, Familie und soziale Beziehungen dieser Kinder prägten und wie sie sich nach 1945 in den Nachkriegsgesellschaften neu orientieren mussten. Dabei hinterfragt die Autorin auch gängige Narrative eines reibungslosen „Überlebenskampfes“ und betont die Fragilität der posttraumatischen Lebensrealitäten.

Ryan Gingeras zeichnet in „Mafia: Eine globale Geschichte des organisierten Verbrechens“ die Entwicklung organisierter Kriminalität von ihren Ursprüngen im 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart nach. Der Historiker untersucht die Entstehung und Ausbreitung von Mafiaorganisationen, Syndikaten, Gangs und Kartellen auf verschiedenen Kontinenten und beleuchtet deren Strukturen, Geschäftsfelder und Machtmechanismen. Für Leserinnen und Leser mit Interesse an Osteuropa sind insbesondere die Kapitel über die russischen Wory sowie die Entwicklung postsowjetischer Verbrechernetzwerke von Bedeutung. Gingeras zeigt, wie sich organisierte Kriminalität nach dem Ende der Sowjetunion veränderte und welche Rolle kriminelle Strukturen in Staaten Osteuropas und des postsowjetischen Raums spielen. Darüber hinaus behandelt er unter anderem die sizilianische Mafia, die New Yorker Verbrecherfamilien, die japanische Yakuza sowie lateinamerikanische Drogenkartelle und ordnet deren Entwicklung in einen globalen Zusammenhang ein.

„From Periphery to Partnership“ versammelt interdisziplinäre Beiträge zu den sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Folgen der russischen Aggression gegen die Ukraine. Im Zentrum stehen Fragen von Zwangsmigration, institutionellen Anpassungsprozessen sowie strukturellen Transformationen in Staat, Arbeitsmarkt, Energie- und Wirtschaftssystem unter Kriegsbedingungen. Ergänzt werden diese Analysen durch Studien zu Gesetzesreformen nach 2014, unternehmerischen Strategien im Kriegskontext und Formen gesellschaftlicher Resilienz im Alltag. Der Band verbindet makro- und mikroanalytische Perspektiven und thematisiert Migration nicht nur als Kriegsfolge, sondern auch als potenzielles Kapital für den Wiederaufbau. Ergänzt wird dies durch Beiträge zu kulturellen Praktiken und Erinnerungspolitiken, die auch die Auseinandersetzung mit dem sowjetischen Erbe einbeziehen.

„Wenn ich deine Worte lese, finde ich den Weg zurück nach Hause: Briefe von Autor im Exil“ versammelt literarische Briefwechsel aus dem Programm »Weiter Schreiben«, in denen Autorinnen und Autoren über Kindheit, Krieg, Erinnerung und Verlust von Heimatorten reflektieren. Im Zentrum stehen persönliche und literarische Austauschformen zwischen Schriftsteller im Exil und Kolleg, die sich über nationale und kulturelle Grenzen hinweg verbinden. Die Texte entstehen als Reaktion auf Erfahrungen von Flucht, Gewalt und Entwurzelung und verweben individuelle Lebensgeschichten mit größeren politischen Ereignissen. Der Band umfasst Beiträge von Autor aus unterschiedlichen Regionen und Konfliktkontexten und ist damit nicht auf Osteuropa beschränkt, sondern global ausgerichtet. Die osteuropäischen Bezüge – etwa in den Erinnerungen an Tbilissi oder in den Netzwerken exilierter Schriftsteller – bilden dabei nur einen Teil eines breiteren transnationalen Diskurses über Exil und Zugehörigkeit.

„Conversations with Those Who Ask About War“ versammelt Beiträge zu Methoden des Interviews und der Zeitzeugendokumentation während der russischen Invasion in die Ukraine. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich Augenzeugenberichte eines noch andauernden Krieges verantwortungsvoll sammeln, bewahren und veröffentlichen lassen. Die Autorinnen und Autoren reflektieren dabei eigene Erfahrungen aus den ersten Monaten der Invasion und verbinden wissenschaftliche Praxis mit persönlicher Betroffenheit. Der Band fungiert zugleich als methodische Handreichung und als Raum für interdisziplinären Austausch über Erinnerung, Dokumentation und die ethischen Herausforderungen der Kriegsberichterstattung.

„Ukrainian Literary Modernism of the 1910s–mid-1930s: A Critical Reader“ versammelt theoretische Texte und literarische Werke aus der Ukraine zwischen den 1910er-Jahren und der Konsolidierung des stalinistischen Staates in den 1930er-Jahren. Der Band führt ein anglophones Publikum in eine Phase ein, in der Modernismus und Avantgarde zu dominierenden Ausdrucksformen literarischer und intellektueller Produktion wurden. Die Beiträge zeigen die enge Verbindung zwischen formalistischer Theorie und literarischer Praxis sowie die Wechselwirkungen zwischen ästhetischer Innovation, sowjetischer Modernisierung und kultureller Nationsbildung. Insgesamt wird ukrainischer Modernismus als eigenständige Bewegung dargestellt, die theoretische Neuerungen, künstlerische Experimente und politische Spannungen miteinander verbindet.

„Cold War II: How the War in Ukraine Changed the World“ beschreibt den russischen Angriff auf die Ukraine als Ausgangspunkt einer neuen globalen Konfrontationsordnung zwischen Russland und dem Westen. Marc Ewert skizziert, wie sich der Krieg in der Ukraine zu einem Katalysator geopolitischer Spannungen entwickelt habe, die über Europa hinaus in Regionen wie den Nahen Osten, Afrika und den Kaukasus ausstrahlen. Ein Schwerpunkt liegt auf Informationskrieg, Propaganda und Desinformation sowie deren Einfluss auf westliche Gesellschaften und politische Systeme. Der Autor interpretiert diese Entwicklungen als Beginn eines neuen Kalten Krieges, in dem ideologische und geopolitische Konfliktlinien miteinander verschränkt sind. Dabei werden auch innenpolitische Polarisierungen in westlichen Demokratien als Teil eines umfassenderen globalen Machtkampfes analysiert.

„Europäisierung der Verteidigungsgüter“ von Laura Maria Wolfstädter untersucht den rechtlichen Rahmen einer möglichen Europäischen Verteidigungsunion. Ausgangspunkt ist der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie die daraus resultierenden Debatten über europäische Souveränität und die künftige Ausgestaltung der Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU. Die Autorin analysiert dabei die bestehenden strukturellen Grenzen der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die weiterhin stark zwischenstaatlich geprägt ist. Darauf aufbauend entwickelt sie einen Reformvorschlag, der eine Trennung zwischen personellen und materiellen Komponenten von Streitkräften vorsieht und das sogenannte Verteidigungsgütereigentum auf europäischer Ebene verankern soll. Ziel ist eine stärkere Integration militärischer Fähigkeiten durch gemeinsame Nutzung von Ressourcen, verbesserte Interoperabilität und eine vertiefte Kooperation der Mitgliedstaaten im Verteidigungsbereich.

„Das Puzzle EUropa“ untersucht, wie junge politisch aktive Menschen aus Deutschland und Polen Europa und die Europäische Union wahrnehmen und in ihre politischen Selbstverständnisse integrieren. Auf Basis qualitativer Interviews und ethnografischer Beobachtungen analysiert Elias Vincent Bernhart, wie individuelle Erfahrungen, nationale Prägungen und supranationale Bezugspunkte miteinander in Spannung stehen. Zentral ist das Konzept der „EUropäischen Positionalität“, das beschreibt, wie politische Identitäten in einem dynamischen Feld aus Ambivalenzen, Fragmentierungen und diskursiven Rahmungen entstehen. Die Studie zeigt Europa nicht als festen Bezugsraum, sondern als vielschichtiges Deutungs- und Erfahrungsgefüge, das von jungen Akteur*innen aktiv ausgehandelt wird.

Und hier 2019 als Paperback und jetzt als Taschenbuch: „Über Grenzen: Freiheit kennt kein Alter“ von Margot Flügel-Anhalt und Titus Arnu ist ein Reisebericht über eine 18.046 Kilometer lange Motorradreise, die die Autorin im Alter von 64 Jahren allein unternimmt. Die Route führt durch insgesamt 18 Länder, darunter Polen, die Ukraine, Russland, Kasachstan, Kirgistan, den Iran und die Türkei, bevor sie wieder nach Deutschland zurückkehrt. Im Zentrum steht weniger die politische oder historische Analyse der bereisten Regionen als vielmehr das persönliche Reiseerleben. Der Text beschreibt Begegnungen, Grenzüberschreitungen im wörtlichen wie übertragenen Sinn sowie die Auseinandersetzung mit eigenen Grenzen, Ängsten und Erfahrungen unterwegs.

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