Liebe Freunde Osteuropas! Hier stelle ich euch die neuen Romane und Gedichtbände aus und über Osteuropa von Mai 2026 vor. Die Texte kommen vor allem aus der Ukraine und Polen, ergänzt um Tschechien, Ungarn und Deutschland als mitteleuropäischen Raum sowie Russland als historischen Bezugskontext, mit einzelnen Erweiterungen nach Zentralasien und in den Nahen Osten.

„Seweryns Tanz mit den Knochen“ von Andrij Semjankiw spielt in einem Krankenhaus in Kyjiw und erzählt die Geschichte des Pathologen Seweryn Romanowytsch. Er arbeitet als Leiter der Pathologie unter schwierigen Bedingungen im Keller des Krankenhauses, geprägt von bürokratischen Abläufen, sozialer Isolation und persönlichen Problemen. Als ihm ein illegales Geschäft zur Entnahme von Körpergewebe angeboten wird, beginnt er, sich zunehmend auf riskante Entscheidungen einzulassen, die sein berufliches und persönliches Leben verändern. Mit jeder neuen Handlung verschiebt sich Seweryns Selbstbild, während seine moralischen Grenzen zunehmend verschwimmen. Die Handlung verfolgt diesen Prozess der inneren Veränderung bis hin zu einer Eskalation, die seine Stellung im Krankenhaus und seine Identität grundlegend in Frage stellt.

„Die Züge gehen nach Berlin“ versammelt literarische Texte aus der ukrainischen und jiddischen Literatur der 1920er Jahre, die sich mit der Metropole Berlin als Ziel-, Flucht- und Beobachtungsraum auseinandersetzen. Die Anthologie zeigt, wie Autorinnen und Autoren aus Osteuropa – häufig geprägt von Flucht vor Pogromen, Krieg oder politischer Verfolgung – die Stadt in Feuilletons, Romanen, Gedichten und Reisereportagen beschrieben haben. Im Zentrum steht Berlin als transnationaler Erfahrungsraum der Zwischenkriegszeit, in dem Migration, Exil und kulturelle Moderne aufeinandertreffen. Die Texte spiegeln sowohl die Faszination der „Goldenen Zwanziger“ als auch die sozialen Härten des Migrantenlebens und verbinden diese Eindrücke mit den Herkunftsregionen der Autor, insbesondere der Ukraine und dem jiddischsprachigen Kulturraum. So entsteht ein vielschichtiges literarisches Panorama europäischer Moderne im Spannungsfeld von Bewegung, Verlust und kultureller Hybridität.

„Dr. Leonardo’s Journey to Sloboda Switzerland with His Future Lover, the Beautiful Alcesta“ von Maik Yohansen ist ein experimenteller Roman des ukrainischen Modernismus. Im Zentrum steht eine Reise des italienischen Arztes Leonardo Pazzi und seiner Begleiterin Alcesta durch die Landschaft der Region Sloboda nahe Charkiw. Die Handlung entfaltet sich dabei weniger als klassischer Plot, sondern als spielerische Abfolge von Begegnungen, Transformationen und absurden Szenen. Der Text bricht bewusst mit traditionellen Erzählformen, reflektiert die eigenen literarischen Verfahren und rückt Raum, Bewegung und Wahrnehmung in den Vordergrund. In seiner Form steht der Roman exemplarisch für die avantgardistische ukrainische Literatur der 1920er Jahre, die sich durch Experimentierfreude und die Auflösung konventioneller Figuren- und Handlungslogiken auszeichnet.

„Zündhölzer“ von Yevgenia Belorusets ist ein Theatertext, der in den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine spielt. Im Zentrum steht eine Szene in einem Keller, in dem sich zwei siebzehnjährige Jugendliche während eines Kriegsaufenthalts verstecken. Während ein Radio Stimmen über politische Lage, Krieg und patriotische Pflichten überträgt, bleibt der Raum von Dunkelheit, Unsicherheit und existenzieller Bedrohung geprägt. Der Text entfaltet in drei Akten eine dichte, reduzierte Situationserzählung über Überleben im Ausnahmezustand und die Suche nach kleinen Handlungs- und Hoffnungsräumen in einer durch Krieg bestimmten Realität.

„Ukrainische Horizonte: Zeitgenössische Dramen im Fokus“ versammelt ukrainische Gegenwartsdramatik aus den Jahren 2020 bis 2024 und macht sie erstmals einem deutschsprachigen Publikum zugänglich. Der Band entstand im Rahmen des Programms „transmission.ua: drama on the move“ des Ukrainischen Instituts und reagiert auf eine von Pandemie, Krieg und gesellschaftlicher Unsicherheit geprägte Zeit. Im Mittelpunkt stehen Dramentexte, die Erfahrungen von Krise, Umbruch und Gegenwart verarbeiten und zugleich Formen kulturellen Ausdrucks unter extremen Bedingungen sichtbar machen. Ergänzt wird die Sammlung durch „Kein Kirschgarten“, eine Reihe von Texten aus dem Frühjahr 2022, die sich mit der symbolischen Mehrdeutigkeit eines Baumes auseinandersetzen, der zugleich mit einem russischen Waffensystem assoziiert wird. Der Band versteht sich als Archiv und Zeugnis kulturellen Widerstands und dokumentiert die Rolle von Theater und Literatur als Mittel der Selbstbehauptung in einer offenen historischen Krise.

„Vom Fällen eines Stammbaums“ von Martin Piekar erzählt die deutsch-polnische Familiengeschichte von Marcin, der in Deutschland in prekären Verhältnissen aufwächst. Seine Mutter ist in den 1980er-Jahren aus Polen migriert und arbeitet als Altenpflegerin, während sich das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Sohn zunehmend zuspitzt. Der Roman begleitet Marcins Suche nach Identität zwischen Alltag, kultureller Herkunft und familiären Spannungen. Erst in der Pflege der schwer erkrankten Mutter wird die verdrängte Familiengeschichte schrittweise offengelegt und die biografische Verflechtung zwischen Migration, Gewalt- und Kriegserfahrungen sichtbar.

„Mitteleuropa: Ein Denkmal“ von Tomáš Kafka und Bernhard Schlink ist ein in den Jahren 2020 und 2021 entstandenes Theaterstück, das im Online-Dialog während der Covid-Lockdowns entwickelt wurde. Ausgangspunkt ist eine fiktive Einladung eines amerikanischen Millionärs, die vier Männer aus Ungarn, Polen, Tschechien und dem ehemaligen DDR-Kontext an einen tschechischen Badeort führt. Sie sollen gemeinsam ein Denkmal für Mitteleuropa entwerfen, was eine Auseinandersetzung mit Geschichte, Gegenwart und persönlichen Biografien der Beteiligten erzwingt. Im Verlauf des Stücks werden nicht nur nationale Perspektiven auf Mitteleuropa verhandelt, sondern auch individuelle Erinnerungen und generationelle Spannungen sichtbar gemacht. Die Konstellation verbindet politische und historische Reflexionen mit einer stark dialogischen Form, die unterschiedliche Erfahrungen der Region in ein gemeinsames, aber konfliktreiches Gespräch über Identität und Erinnerung überführt.

„Und ich sah mein Gesicht“ von Petr Hruška ist ein poetischer Gedichtband, der eine fiktive Schiffsreise als zentrales Motiv nutzt. Inspiriert von historischen Reiseberichten, insbesondere der ersten Weltumsegelung, entfaltet Hruška eine literarische Reise, die sich bewusst von Zeit und Raum löst und in metaphorischer Form existenzielle Fragen verhandelt. Im Mittelpunkt stehen Bilder des Schiffes als Symbol für Gemeinschaft, Orientierung und Unsicherheit sowie Überlegungen zu Glauben, Geschichte und menschlicher Orientierung. Der Band verbindet historische Anspielungen mit poetischer Reflexion und nutzt die Reise als Denkfigur für Fragen nach Ursprung, Ziel und Richtung menschlicher Existenz.

2025 erschien das Paperback, jetzt die Taschenbuchausgabe. „Die Schwestern von Krakau“ von Bettina Storks erzählt die Geschichte von Édith, die nach dem Tod ihres Vaters 2016 in Paris von ihren deutsch-polnischen und jüdischen Familienwurzeln erfährt. Die Recherche führt sie gemeinsam mit ihrer Cousine Tatjana in eine Familiengeschichte, die bis in das von Deutschland besetzte Polen zurückreicht und eng mit der Verfolgung jüdischer Menschen während des Zweiten Weltkriegs verbunden ist. Im Zentrum steht die Suche nach der Vergangenheit von Simons Mutter Helene und ihrer Schwester Lilo, die im Krakau der Besatzungszeit leben. Dabei werden familiäre Verflechtungen, verdrängte Erinnerungen und historische Gewalt miteinander verbunden, insbesondere im Kontext des jüdischen Widerstands und der Erfahrungen im besetzten Polen.

Erstmals 1910 erschienen, dann hat es 2019 der Suhrkamp-Verlag rausgebracht und jetzt bei Reclam ist „Der letzte Sommer“ von Ricarda Huch. Es ist eine Erzählung in Briefform, die eine bürgerliche Familie während der politischen Umbrüche der Russischen Revolution in den Fokus rückt. Im Zentrum steht Jegor von Rasimkara, ein ehemaliger Gouverneur von St. Petersburg, der nach der Schließung einer Universität zur Unterdrückung von Revolten mit Morddrohungen konfrontiert wird. Parallel dazu verdichtet sich innerhalb des familiären Umfelds eine zunehmend angespannte Atmosphäre, in der auch ein als Schutz angestellter Student in den Konflikt verwickelt ist.

„Die Hebamme von Auschwitz“ von Anna Stuart ist ein Roman nach einer wahren Geschichte und basiert auf dem Leben der polnischen Hebamme Stanisława Leszczyńska. Die Handlung beginnt 1939 im besetzten Łódź und folgt der Hebamme Ana Kaminski sowie der jüdischen Krankenschwester Ester Pasternak, die beide in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert werden. Im Lager stehen sie vor der Aufgabe, unter extremen Bedingungen Geburten zu begleiten und zugleich gegen die nationalsozialistische Praxis der Kindstötung und Zwangsverschleppung in das Lebensborn-Programm anzukämpfen. Der Roman schildert Formen von Widerstand, Solidarität und Überlebensstrategien im Kontext der Shoah und stellt die Bewahrung menschlicher Würde unter den Bedingungen systematischer Gewalt in den Mittelpunkt.

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