Liebe Freunde Osteuropas! Anfang Januar 2024 wurde bekannt, dass die Deutsche Savita Diana Wagner an der Front in der Ukraine gefallen war. Direkt nach der Vollinvasion ist sie in das Land, um zu helfen. Und hat darüber Tagebuch geführt, das jetzt veröffentlicht wurde.

Als Russland die Ukraine am 24. Februar 2022 mit seiner Vollinvasion überfallen hatte, standen viele unter Schock. In den ersten Wochen war nicht klar, ob die Ukraine die russischen Truppen, die aus drei Himmelsrichtungen angegriffen haben und von Norden her sehr schnell nach Kyjiw vorgestoßen sind, überhaupt stoppen kann. Eine Deutsche hat hingegen nicht lange gezögert. Die in Bonn geborene Savita Diana Wagner, damals 34 Jahre alt, war schnell der festen Überzeugung: Sie muss helfen.

Von Beginn der Großinvasion bis zu ihrem Tod hat Savita Wagner Tagebuch geführt, dass unter dem Titel „Eine Deutsche im Ukraine-Krieg“ im April 2026 im Herder-Verlag erschienen ist. Savita Wagner hat ihre Gedanken aufgeschrieben, zum Krieg, über die Ukraine, die Menschen dort, die große Politik, sich über die fehlende Hilfe auf Deutschland aufgeregt, die Schrecken – und ich meine hier wirkliche die Schrecken – des Krieges dargestellt. So gibt sie einerseits einen authentischen Blick auf den russischen Krieg aus der Sichtweise einer Deutschen, die – wie sie selbst schreibt – mit der Ukraine vor dem großen Krieg gar nichts zu tun hatte.

Vielleicht ohne es selbst wirklich steuern zu wollen, geht sie immer tiefer in den Krieg hinein. Anfangs erst die Ankunft in der Westukraine. Dort fährt sie mit ihrem Auto Journalisten durch die Gegend, dann werden Autofahrer – und vor allem Autos – gebraucht, die Ukrainer aus gefährlichen Orten evakuieren. Und am Ende wird die Combat Medic, erhält eine Ausbildung, Schießtraining, liegt und sieht in Erdlöchern, um dort auszuharren, im Winter zu frieren, im Sommer von Mücken zerstochen werden und nach jedem Kurzurlaub in Deutschland oder fern der Front doch immer wieder an die Front zu „ihren Jungs“ zurückzukehren, weil sie diese nicht im Stich lassen will.

Wer die Ukraine voll und ganz unterstützt und darauf hofft, dass die Russen ihren Krieg verlieren werden, der wird in Savita Wagner eine Schwester im Geiste vorfinden. Eine junge Frau, die einen klaren Kompass besitzt, gegen jedes Unrecht ist und durch ihre Erfahrungen vor Ort mehr über die Ukrainer und das Leben dieses tapferen Volkes erfahren hat, als jeder der zu Hause in Deutschland geblieben ist. Und ja, auch uns Ukraine-Unterstützern wäscht sie manchmal den Kopf, weil aus Deutschland zu wenig Hilfe kommt. Savita aber auch verstehen kann, dass nicht jeder wie sie alles stehen und liegen lassen kann. Immer wieder betont sie, wie wichtig für sie ihr Lebensgefährte und ihre Mutter sind, ohne die sie das nicht aushalten würde.

Vielleicht sei für die etwas Zartbesaiteten so viel gespoilert, dass das Buch an ein paar wenigen Stellen echt heftig wird. Doch Savita hält sich da noch gut zurück. Was aber auch nicht unerwähnt bleiben darf, sind die schönen Momente, die sie beschreibt. Über Kameradschaft bis zu echter Freundschaft an der Front, über die Sorge des alten Herrn, bei dem sie untergekommen ist, als ihr Trupp Quartier in einem frontnahen Dorf genommen hat, über die tollen Menschen in dem Land. Ein Eintrag ist fast wie eine Werbebroschüre geschrieben. Sie wirbt dafür: Kommt nach dem Krieg in dieses Land. Lernt die Menschen hier kennen. Sie sind echt toll. Das kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen.

Gegen Ende des Buches beginnt sich Savita Wagner zunehmend mit ihrem eigenen Tod zu beschäftigen und wie die Menschen auf Deutschland darauf blicken werden. Denn nach monatelanger Erfahrung an der direkten Front, hat sie selbst viele Kameraden verloren, teilweise sehr gute Freunde, teilweise eher Bekannte, und da weiß auch sie, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis es sie auch treffen könnte. Sie stellt aber klar, dass sie diesen Krieg überleben will und keine Todeswünsche hat. Auch nimmt sie Kritikern den Wind aus den Segeln, die ihr vielleicht vorwerfen würde, sie habe ihr Leben für nichts geopfert. So schreibt sie elf Tage vor ihrem Tod: „Wenn ich sterben würde, möchte ich, dass alle wissen, dass ich nichts bereue. Ich möchte nicht, dass jemand denkt: „Armes Mädchen, wenn sie doch gewusst hätte, worauf sie sich einlässt …“ Ich weiß genau, was ich tue, und habe mich dafür entschieden.“

Mit „Eine Deutsche im Ukraine-Krieg“ liegt ein eindrückliches Fronttagebuch vor, das den Krieg in der Ukraine aus einer ungewöhnlich unmittelbaren Perspektive beschreibt – ohne Distanz, aber auch ohne pathetische Überhöhung. Es ist kein analytischer Überblick, sondern ein persönliches Dokument, das den Leser sehr direkt an den Alltag zwischen Gefahr, Erschöpfung und Kameradschaft heranführt.

Gerade diese Nähe macht die Lektüre fordernd, aber auch aufschlussreich, weil sie zeigt, wie sich Wahrnehmung und Haltung unter den Bedingungen des Krieges verändern. Ein Buch, das weniger erklären will, als bezeugen – und gerade dadurch seine Wirkung entfaltet.

Wer sich ernsthaft mit dem russischen Krieg gegen die Ukraine auseinandersetzen möchte, wird an dieser Lektüre kaum vorbeikommen; besonders für jene, die in Politik und Medien Verantwortung für die Einordnung dieses Krieges tragen, lohnt sich der Blick in diesen sehr persönlichen Erfahrungsbericht.

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