Liebe Freunde Osteuropas! Auch im April 2026 sind eine Menge neuer Romane (und ein Gedichtband) aus und über Osteuropa erschienen. Von einigen werdet ihr sicher noch nichts gehört haben. Daber dafür gibt es ja meinen Blog. 😀

„Das Pripjat-Syndrom“ versammelt die literarische Verarbeitung der Reaktorkatastrophe von Tschornobyl aus der Perspektive von Ljubow Sirota. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, deren Leben durch die Evakuierung aus Pripjat abrupt aus den Fugen gerät und die sich mit Verlust, Entwurzelung und einer ungewissen Zukunft konfrontiert sieht. Der Roman, der stark von den eigenen Erfahrungen der Autorin geprägt ist, schildert die langfristigen Folgen der Katastrophe – sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene – und thematisiert das Gefühl, von staatlichen Strukturen im Stich gelassen zu werden. Zugleich zeichnet er das Bild einer Generation, die mit den unsichtbaren Folgen von Tschornobyl leben muss.

In „Texturen des Öffentlichen: Faltenwurf: Mode – Tanja Maljartschuk“ aus der Reihe die horen: Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik wird das Verhältnis von Literatur, Politik und Körperlichkeit anhand der ukrainischen Autorin Tanja Maljartschuk reflektiert. Ausgangspunkt sind ihre Poetikvorlesungen, in denen sie über das Spannungsfeld zwischen politischer Verantwortung und ästhetischer Autonomie von Literatur nachdenkt. Ergänzt wird der Band durch Essays über ihr Werk sowie den Kontext des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, unter anderem mit Bezug auf die getötete Schriftstellerin Victoria Amelina. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Mode als gesellschaftlichem und politischem Ausdruckssystem, das Körper formt, inszeniert und sozial codiert.

In „Borschtsch: Rote Suppe, rote Zeiten“ von Wiesław Krajewski wird die Ukraine der 1930er Jahre während des Holodomor zum zentralen Schauplatz. Im Mittelpunkt steht Halyna, eine Bäuerin im Gebiet Poltawa, die inmitten von Hunger, Zwangskollektivierung und sowjetischer Repression versucht, ein Familienrezept als kulturelles Gedächtnis zu bewahren. Der Roman verbindet die historische Hungersnot in der Ukraine mit einer Geschichte über Widerstand, Erinnerung und den Erhalt von Identität unter extremen Bedingungen. Erschienen ist der Roman im Self-Publishing über die Plattform epubli.

In „Morgen kommt der Olah“ von Martin Sichinger wird die Kindheit von Schülern in Vimperk in den 1980er Jahren erzählt, einer tschechischen Grenzstadt mit multikulturellem Umfeld. Michal Zídek und seine Klassenkameraden erleben Schule, Streiche und erste Konflikte, geprägt von den Bedingungen der kommunistischen Zeit und dem Einfluss des Militärs. Ein plötzlicher Todesfall markiert das Ende ihrer Kindheit. Zudem bringt der neue Roma-Schüler Martin Olah Dynamik in die Klassengemeinschaft und gewinnt langsam Anerkennung.

In „Georgien gehört dir, nur dir!: Poesie des Protestes“ versammelt Besik Kharanauli politische Lyrik aus dem Kontext der georgischen Protestbewegung seit 2023. Die Gedichte reagieren auf Demonstrationen gegen eine autoritäre Regierung und den Einfluss Russlands und werden teils direkt auf der Straße oder in sozialen Medien als Slogans aufgegriffen. Kharanauli, eine prägende Figur der georgischen Literatur, verbindet persönliche poetische Sprache mit politischem Widerstand und gibt dem Protest eine literarische Stimme.

In „Räume zum Verschwinden“ erzählt Stuart Nadler die Geschichte einer jüdischen Familie, die durch Krieg, Exil und Geschichte über mehrere Generationen und Länder verstreut wird. Die Handlung folgt einzelnen Familienmitgliedern in verschiedenen Zeitebenen zwischen 1966 und 2016, darunter auch im postkommunistischen Prag. Im Zentrum stehen Erinnerung, Verlust und die Frage nach Herkunft und Identität, die sich über unterschiedliche Orte und Lebensgeschichten hinweg zieht.

In „Fuchs zu Dame“ verbindet Jiří Kratochvil Spionageroman und Groteske vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs. Im Zentrum stehen ein tschechoslowakischer und ein sowjetischer Geheimagent, die im Westen aufeinandertreffen – sie mit einer absurden Vergangenheit als zur Frau umgewandelte Füchsin aus einem stalinistischen Experiment. Ihre gemeinsame Flucht führt sie durch eine überzeichnete, teils parodistische Welt aus Geheimdiensten, Ideologien und Gewalt, bis die Vergangenheit sie einholt. Der Roman greift Motive realsozialistischer Systeme auf und reflektiert sie im Stil einer politischen Groteske mit Blick auf autoritäre Logiken und ihre Nachwirkungen bis in die Gegenwart.

In „Der Vorhang“ lässt Ondřej Hübl eine wohlhabende Prager Unternehmerfamilie in ein inszeniertes „Kommunismus-Erlebnis“ der 1950er Jahre geraten. Auslöser ist die Festnahme der Tochter wegen angeblich linksextremer Aktivitäten. Der Vater nutzt daraufhin ein touristisches Reenactment-Angebot, das die stalinistische Zeit der Tschechoslowakei nachstellt. Was als kontrolliertes Experiment beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einem realen Macht- und Angstsystem, das die Familie psychologisch und sozial unter Druck setzt.

In „Die Reise“ rekonstruiert Ida Fink die Erfahrungen zweier jüdischer Schwestern im Polen des Jahres 1942 während der nationalsozialistischen Verfolgung. Unter falscher Identität fliehen sie aus dem Ghetto und versuchen, sich als polnische Zwangsarbeiterinnen im Deutschen Reich zu verstecken. Der Roman schildert ihre ständige Bewegung zwischen verschiedenen Einsatzorten, die Angst vor Entdeckung sowie die existenzielle Unsicherheit des Lebens im Versteck. Im Zentrum stehen Überleben, Identitätsverlust und die Erinnerung an die Shoah-Erfahrung im besetzten Osteuropa.

Ein Jahr später nun in der Taschenbuchausgabe erschienen ist „Der Gärtner und der Tod“ von Georgi Gospodinov. Darin erzählt der Autor in sehr persönlicher Form von seinem Vater, einem leidenschaftlichen Gärtner. Der Roman verbindet Erinnerungen, Erzählungen und Abschiedsszenen zu einer Hommage an den Vater, dessen Leben und Sterben eng mit Natur, Pflanzen und Geschichten verknüpft sind. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Vater und Sohn sowie die Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit, Erinnerung und dem Versuch, durch Sprache und Erzählen etwas vom Leben festzuhalten.

Nach zwei Jahren auch als Taschenbuch zu haben ist „Innerstädtischer Tod“ von Christoph Peters. Der Autor verknüpft hier eine Familien- und Künstlergeschichte mit den politischen Spannungen der Gegenwart. Die Handlung spielt am 9. November 2022 in Berlin während der Eröffnung einer Kunstausstellung und ist vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine angesiedelt. Im Zentrum stehen ein junger Künstler, seine Unternehmerfamilie und ein Onkel aus dem Umfeld der Neuen Rechten, wodurch wirtschaftliche Interessen, politische Ideologien und persönliche Ambitionen aufeinandertreffen.

In „Vorläufige Stille“ von Adolf Jens Koemeda entwickelt sich ein dialogischer Roman zwischen zwei Museumswächtern in München, die über ihre Lebenswege, Familiengeschichten und politische Erfahrungen sprechen. Eine der Figuren ist ein tschechischer Exilant, der seine Vergangenheit im kommunistischen Tschechien reflektiert und damit einen direkten Bezug zur Geschichte Osteuropas herstellt. Im Austausch mit seinem Kollegen entsteht ein generationenübergreifendes Gespräch über Erinnerung, politische Systeme und persönliche Brüche zwischen Ost und West.

In „My Dreadful Body“ erzählt Egana Djabbarova in der Ich-Perspektive die Geschichte einer jungen Frau aus einer traditionellen aserbaidschanischen Gemeinschaft in Russland. Sie leidet an einer schwer diagnostizierbaren neurologischen Erkrankung, die ihren Körper und ihre Sprache stark beeinträchtigt, und beschreibt ihre körperliche Erfahrung kapitelweise entlang einzelner Körperteile. Vor dem Hintergrund patriarchaler Normen, familiärer Erwartungen und sozialer Zuschreibungen entwickelt sich ihre Wahrnehmung von Krankheit, Identität und Selbstbestimmung.

In „Mother Russia“ von Robert Littell spielt die Handlung in Moskau und ist klar im späten sowjetischen bzw. von Überwachung und Paranoia geprägten Staatssystem verortet. Im Zentrum steht der Kleinkriminelle Robespierre Pravdin, der in ein politisch-literarisches Komplott hineingezogen wird, als er einer mysteriösen Frau namens „Mother Russia“ bei der Suche nach einem angeblichen literarischen Betrug hilft. Der Roman verbindet Spionage- und Thriller-Elemente mit einer satirischen Darstellung eines repressiven Überwachungsstaats in der Sowjetunion.

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