
Seit einigen Wochen ist der Film „Der Magier im Kreml“ auch in den deutschen Kinos zu sehen. Ich habe ihn mir am vergangenen Wochenende angesehen. Ich mag ihn nicht. Und das nicht nur, weil darin der Aufstieg Putins recht unkritisch dargestellt wird. Hier meine Filmkritik.
Erstmal: Worum geht es in dem Film? Der Magier im Kreml ist nicht Wladimir Putin, wie manche vielleicht denken mögen, sondern Wadim Baranow, der an die reale Person Wladislaw Surkow, die graue Eminenz hinter Putin, angelehnt ist. Der Film beginnt damit, dass ein namenloser US-amerikanischer Journalist nach Moskau kommt, um in einem Sabbatical-Jahr die Biografie über eine historische russische Persönlichkeit – der Name fällt mir nicht mehr ein – zu schreiben. Daraufhin wird Baranow auf ihn aufmerksam und lädt ihn in sein Landhaus ein. Dort erzählt er dem Journalisten sein Leben, dass dann in Rückblenden gezeigt wird. Über die wilden 90er, über seine Arbeit am Theater, die ihm dann irgendwann zu klein wurde. Baranow wollte mehr. Er wollte Geschichte selbst gestalten. So trifft er später auf Beresowski, mit dem er zusammen später Putin zur Präsidentschaft mittels der Medien verhelfen will.
Mein Hauptkritikpunkt an dem Film ist ein sehr persönlicher. Wer mich kennt, weiß, dass ich ein starker Ukraine-Unterstützer bin. Umso mehr stört es mich dann, einen Film zu sehen, in dem recht unkritisch der Aufstieg Putins zur Macht dargestellt wird. Es ist die Sichtweise, wie sie vor 2022 noch weit verbreitet war in den Medien. Die harten 90er Jahre, Raubtierkapitalismus, Kriminalität auf den Straßen. Und da kommt Putin, der starke Mann, der für Ordnung sorgen will. Die Jugend Putins wird nicht angesprochen, auch nicht wirklich, wie sich Putin schon zu Zeiten als stellvertretender Bürgermeister von St. Petersburg mit seinen Osero-Freunden bereicherte. Putin, der von Jude Law so unsympathisch gespielt wird, wie man es sich nur vorstellen kann, wird von Anfang an als verbissener Machtpolitiker dargestellt.
Und diese Art Putin zu spielen, zieht Jude Law von Anfang bis Ende eiskalt durch. Da fallen dann auch die kleinen Unterschiede auf, wenn man Putins Werdegang gut kennt. Es gibt etwa dieses Fernsehinterview in den USA zu Beginn von Putins Präsidentschaft, in dem er über das Kursk-U-Boot-Unglück gefragt wird. Der Moderator fragt: Was ist mit dem U-Boot passiert? Und Putin antwortet, mit einem verschmitzten Grinsen auf seinem Gesicht: Es ist gesunken. Im Film spricht Jude Law die Worte ohne Grinsen aus.
Was mir bei dem Film auch eher negativ aufgefallen ist, dass die Geschichte Baranows bis er auf Putin das erste Mal trifft (das passiert gefühlt ungefähr nach 40-45 Minuten des zweieinhalbstündigen Films) sehr abgehakt erzählt wird. In einer Szene ist Baranow mit Freunden in einem Raum, im nächsten fahren sie mit dem Auto, in der nächsten Szene ist er plötzlich mit seiner damaligen Freundin wieder zu Hause. Es wirkt auf mich, als wollte der Regisseur sich vor allem auf die Screentime mit Putin konzentrieren und hechelt die Vorgeschichte einfach durch.
So schaffe ich es nicht, mich in irgendeiner Weise mit der Hauptfigur zu identifizieren. Ich bleibe die ganze Zeit auf Distanz. Ich muss auch zugestehen, dass mir die Motivation Baranows, warum er unbedingt Putin an die Macht bringen will, nicht so wirklich klar geworden ist. Es wird halt das Playbook abgespielt, wie man es schon so häufig in Putin-Biografien nachlesen konnte.
So entsteht auch kein richtiger Spannungsbogen, kein Ziel in diesem Film, auf das ich hinfiebere. Es wird Punkt für Punkt die wichtigen medial bekannten Ereignisse im Leben Putins nacherzählt. Immer wieder werden alte Fernsehaufnahmen in dem Film gezeigt. Was umso mehr zeigt, dass es sich zwar um eine fiktive Geschichte handelt, schließlich beruht der Film auf einen Roman und keinem Sachbuch, aber ihr die Realität nacherzählt wird.
Was mich zu der Frage bringt, wie der Autor der Romanvorlage, der italienische-schweizerische Schriftsteller und Politikwissenschaftler Giuliano da Empoli überhaupt dazu gekommen ist, so ein Buch zu schreiben. Ein Bewunderer Putins ist er garantiert nicht. Und es spielt schon eine Rolle, dass der Roman vor Beginn der russischen Großinvasion im Februar 2022 geschrieben wurde. Ob da Empoli den Roman auch danach noch geschrieben hätte, vermag ich nicht zu sagen. In einem Interview mit der Berliner Zeitung sagte er im Februar 2023, dass er die Romanform dem Sachbuch vorgezogen hatte, weil er so der Realität näherkomme. Der Autor wollte also ein Buch schreiben, in dem er Macht beschreiben kann, wie sie funktioniert und wie sie ausgeübt werden kann. Und hat in Putins Lebensweg zum Präsidenten die ideale Projektionsfläche gefunden.
Ansonsten bleibt zu sagen, dass der Film an sich gut gemacht ist. Trotz seiner Überlänge habe ich nicht allzu oft auf die Uhr geschaut und wirkliche Längen oder Hänger hat der Film auch nicht. Aber in der heutigen Zeit, mit dem Wissen, in welche Katastrophe Europa und vor allem die Ukrainer Putins Aufstieg geführt hat, fühlt sich dieser Film für mich desplatziert an. Er passt nicht in die heutige Zeit. Und so ist „Der Magier im Kreml“ für mich ein Film, den man nun wirklich nicht gesehen haben muss.
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