
Liebe Freunde Osteuropas! Die Slowakei wird oft auf Robert Fico reduziert. Doch das Land ist viel mehr. Michal Hvorecky zeigt das in „Dissident“ – mit einer persönlichen Geschichte und einer starken Stimme gegen den Rechtsruck.
Hvorecky ist in der Slowakei kein Unbekannter. Seit zwei Jahrzehnten ist er eine feste Größe in der literarischen Welt des Landes. Zudem tritt er öffentlich auf und äußert sich regelmäßig zur Politik in der Slowakei und prangert Populismus und Korruption in seinem Land an. Nach mehreren Romanen, die auch ins Deutsche übersetzt wurden, hat er nun vor wenigen Wochen ein Sachbuch mit dem Titel „Dissident“ herausgebracht.
In Hvoreckys Buch geht es zum einen um die Lebensgeschichte des Autors. Er beschreibt am Anfang, wie er als 13-Jähriger den Untergang des Sowjetimperiums erlebt hat und ebenfalls von der Hoffnung getragen war, dass nach dem Fall des Eisernen Vorhangs eine Zeit der Demokratie und Blüte für sein Land kommen wird. Doch es sollte anders kommen. Gleich im nächsten Kapitel springt er direkt in die Gegenwart, beschreibt die aktuelle Lage der Slowakei und wie die Kulturministerin des Landes, Martina Šimkovičová, nicht nur die Kultur, sondern auch ihn massiv unter Druck setzt. Er hatte sie in einem Artikel als „Neofaschistin“ bezeichnet, was mir auf den ersten Blick als etwas hart klang, aber Hvorecky beschreibt auch, wie hart die Kulturministerin in der Kulturszene aufräumt und die Posten mehr nach Parteitreue, denn nach fachlicher Eignung, vergibt. So schreibt Hvorecky: „Martina Šimkovičová vertritt völkische Ideologien, ein hierarchisches Weltbild, sie verbreitet Verschwörungsmythen wie den Großen Austausch und ist eine Putinversteherin.“
Die Beschreibung, wie schlimm es um die Demokratie in der Slowakei bestellt ist, ist ein Aspekt des Buches. Ein weiterer noch interessanterer ist die eigene Familiengeschichte des Autors und seiner Eltern und Großeltern. Denn sie spielten in der damaligen tschechoslowakischen Sowjetrepublik keine unwichtige Rolle. So ist einer seiner Großväter während des Zweiten Weltkrieges im Widerstand aktiv und brachte es später bis zum angesehenen Wirtschaftsprofessor.
Hvorecky holt in seinem Buch auch den etwas über die Slowakei unkundigen Leser ab. So beschreibt er den Werdegang Robert Ficos, des heutigen linkspopulistischen Ministerpräsidenten. Natürlich spielt auch die Ermordung des Journalisten Jan Kuciak und seiner Verlobten eine Rolle.
Der Autor bietet in seinem knapp 160 Seiten langen Buch einen Abriss über die Geschichte seines Landes und das politische System über die Sowjetzeit, die Umbrüche nach dem Untergang der Sowjetunion bis heute. So erhält der Leser einen guten Überblick über das Land.
Gleichzeitig zeigt Hvorecky klare Kante, äußert sich politisch klar und deutlich. Wie in so vielen Ländern des ehemaligen Ostblocks grassierte auch in der Slowakei die Korruption, wenige wurden sehr reich, währen die einfache Bevölkerung verarmte. In der slowakischen Gesellschaft kam es dann aber zu einem erneuten politischen Aufbruch. Dazu schreibt der Autor: „Den Tiefpunkt des politischen und wirtschaftlichen Verfalls um das Jahr 1995 halte ich nicht nur für eine historische Wende, sondern auch für einen Paradigmenwechsel in der slowakischen Identität. Danach wurden wir jemand anderes. Wir übernehmen Verantwortung.“ Eine Eigenschaft, die sich in der Bevölkerung in der Slowakei bis heute fortsetzt, wenn man sich die immer wieder aufkommenden großen Demonstrationen vor Augen führt.
Eine der wichtigsten Fragen, die ich mir vor dem Lesen des Buches stellte, war: Ist das Buch eher nur für Slowakei-Interessierte etwas oder geht es darüber hinaus? Das Buch richtet sich zwar stark an Leserinnen und Leser mit Interesse an der Slowakei, überschreitet diesen Rahmen aber deutlich. Gerade weil Themen wie Populismus, politische Polarisierung und der Umgang mit demokratischen Institutionen nicht auf ein Land begrenzt sind, entfaltet es seine Wirkung auch darüber hinaus. Für alle, die sich für die Entwicklung demokratischer Gesellschaften in Europa interessieren, ist es daher eine lohnende Lektüre.
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