
Liebe Freunde Osteuropas! Heute dann die Romane aus und über Osteuropa. Für Januar habe ich nur acht ausfindig gemacht. Es geht um die Ukraine, Polen und Finnland.

Der Roman „Babyn Jar: Roman eines Augenzeugen“ des ukrainischen Schriftstellers und Journalisten Anatoli Kusnezow dokumentiert das Massaker von Babyn Jar 1941, bei dem über 33 000 jüdische Männer, Frauen und Kinder ermordet wurden. Kusnezow erlebte als zwölfjähriger Junge Besatzung, Terror und Überleben aus nächster Nähe. Zensiert in der Sowjetunion, konnte der Text erst nach Kusnezows Flucht in den Westen vollständig erscheinen. Die Neuübersetzung macht das Werk in seiner ganzen Dringlichkeit zugänglich und wird durch ein Nachwort von Bert Hoppe sowie einen Essay von Kateryna Mishchenko ergänzt, der das Buch im Kontext des russischen Angriffskriegs 2022 neu liest. Jetzt ist die gebundene Ausgabe erschienen; die erste deutsche Ausgabe erschien 2001.

Der Erzählband „Was wir im Vorübergehen nicht sehen: Dreizehn Geschichten aus einem nahen Land“ des ukrainischen Schriftstellers und Journalisten Ruslan Horovyi versammelt dreizehn Miniaturen, die in ein Land und eine Zeit führen, wie es sie heute nicht mehr gibt. Im Mittelpunkt stehen Menschen mit ihren Träumen, Ängsten, Schwächen und kleinen Momenten von Hoffnung und Glück. Horovyi erzählt sensibel von tragischen Helden, deren Schicksale universelle Gültigkeit besitzen.

Die Gedichtsammlung „Antidespairant (Відчаєспинне)“ der ukrainischen Dichterin Natalka Maryanchak entstand in Charkiw während der ersten 365 Tage des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. In poetischer Tagebuchform verarbeitet sie das Leben unter Beschuss und verbindet dabei Verzweiflung, Widerstand und Hoffnung. Die Texte sind zugleich Gebet für das eigene Volk, Anklage gegen den Aggressor und Hommage an die Verteidiger der Ukraine. Ergänzt durch eindrucksvolle Grafiken von Kostiantyn Zorkin, bietet der Band ein schonungsloses, aber hoffnungsvolles Zeugnis menschlicher Standhaftigkeit unter extremen Bedingungen.

Der Roman-in-Versen „Nadezhda in the Dark“ der ukrainisch-amerikanischen Schriftstellerin und Dichterin Yelena Moskovitch entfaltet in einer Berliner Winternacht das innere Requiem einer Erzählerin, die gemeinsam mit ihrer russischen Freundin schweigend auf dem Bett sitzt – beide als Kinder aus der Sowjetunion geflohen. Aus der Stille heraus breitet sich ein vielschichtiges Panorama ukrainischer und russischer Geschichte aus, das queeres Leben im postsowjetischen Raum, jüdische Diaspora, Popkultur, Repression, Widerstand und persönlichen Verlust miteinander verknüpft. Der Text verbindet intime Liebesgeschichte und kollektives Gedächtnis und kreist um die Frage, was es bedeutet, an Nadezhda – Hoffnung – festzuhalten und ob das allein genügt. Jetzt ist das Taschenbuch erschienen; die Hardcover-Ausgabe kam bereits im September 2023 heraus.

Der Roman „Kälte“ des polnischen Schriftstellers und Journalisten Szczepan Twardoch schildert die existenzielle Lebensreise des ehemaligen russischen Revolutionärs Konrad Widuch, der unter der Herrschaft Stalins Glauben, Familie und Zukunft verliert und aus dem Gulag flieht. In der tödlichen Weite der Taiga kämpft er ums Überleben, begegnet gemeinsam mit anderen Geflohenen einem archaischen Volk im hohen Norden und wird immer wieder zur Weiterflucht gezwungen. Twardoch erzählt von Gewalt, Entwurzelung und Selbstüberwindung im Russland des 20. Jahrhunderts und stellt die Frage, wie oft ein Mensch sich selbst und andere besiegen kann, ohne seine Menschlichkeit zu verlieren. Im April 2025 ist das Hardcover erschienen, jetzt das günstigere Taschenbuch.

Der Roman „Dämmerung“ des finnlandschwedischen Schriftstellers und Journalisten Kjell Westö spielt in Helsinki während des finnisch-russischen Winterkriegs und der Zeit des sogenannten Zwischenfriedens 1940/41. Im Zentrum stehen die Schauspielerin Molly, die unter Kriegstrauma und einer künstlerischen Krise leidet, und der Journalist Henry, der von seinen Erfahrungen als Kriegsreporter gezeichnet ist und mit einer Redaktion ringt, die seine schonungslosen Berichte nicht veröffentlichen will. Ihre fragile Liebesbeziehung gewinnt inmitten von Unsicherheit und moralischen Konflikten an Tiefe, bis Finnland erneut in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen wird. Westö verbindet eine melancholische Liebesgeschichte mit einem eindringlichen Porträt einer Stadt im Ausnahmezustand.

Der Roman „Stahlkörper“ der polnischen Schriftstellerin und Journalistin Anna Cieplak spielt in der Industrie- und Bergbauregion Schlesien ab den 1970er Jahren. Im Zentrum stehen Ewa, Ula und Zygmunt, die am Bau der Stahlhütte Katowice mitwirken – einem der größten Hüttenkombinate Europas – und die Umbrüche der kommunistischen Ära hautnah erleben. Sie durchleben Arbeit, Liebe, Verrat, politische Opposition und den Kriegszustand ab 1981. 50 Jahre später ziehen sie Bilanz, während ihre Kinder eigene Wege gehen. Cieplak erzählt ein halbes Jahrhundert polnischer Geschichte vor dem Hintergrund von gesellschaftlichem Aufstieg, technologischem Wandel und weiblicher Solidarität.

Der Roman „Im Paradies“ der polnischen Schriftstellerin und Journalistin Dorota Masłowska untersucht auf scharfsinnige und zugleich mitfühlende Weise die auseinanderdriftenden Realitäten der modernen Gesellschaft. Masłowska erzählt von Figuren wie einem Macho-Banker, einem Werbefilmer im Rausch, einem angelnden Jungen und einer Schwimmerin in Seenot sowie einer Frau in totaler Selbstentblößung – alle gefangen zwischen Schein und Einsamkeit. Mit komischer Schärfe und sprachlicher Präzision spürt sie kulturellen Mustern und Klischees nach, enthüllt eine künstliche Welt und macht sie gleichzeitig auf schmerzliche und tröstliche Weise erkenntnisreich erlebbar.

Ein Buch habe ich übersehen. Die bulgarische Autorin Rene Karabash hat 2018 mit „Остайница“ einen gefeierten Debütroman vorgelegt, der nun auch auf Englisch mit dem Titel „She Who Remains“ erschienen ist. In dem Queer-Roman geht es um Bekija, die in einem albanischen Dorf lebt. Dort herrscht bis heute der Kanun von Lekë Dukagjini – eine Sammlung archaischer Gesetze. Im Zentrum steht Bekija, die sich aus innerer Not und gesellschaftlichem Druck dazu entschließt, eine „sworn virgin“ (albanisch: Burrnesha) zu werden – also als Frau fortan sozial als Mann zu leben und auf Ehe sowie Sexualität zu verzichten. Diese Entscheidung setzt eine schmerzhafte und gewaltsame Kette von Ereignissen in Gang, die eine Familie zerbrechen lässt und eine innige Beziehung zerstört. Zugleich legt der Roman offen, wie tief patriarchale Strukturen in das individuelle Leben eingreifen – und wie eng Geschlecht, Begehren und soziale Rolle miteinander verwoben sind. Das Buch hat bereits mehrere Preise erhalten, aktuell wird an ner Verfilmung gearbeitet und der Mauke-Verlag hat so wie es aussieht die Rechte für die deutsche Übersetzung. Wollen wir hoffen, dass es dieses Jahr dann auch in deutscher Sprache erscheint.
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