Liebe Freunde Osteuropas! Kaum ein Argument wird öfter als Rechtfertigung für den russischen Krieg angeführt als die Nato-Osterweiterung. Mary Elise Sarotte hat genau zu dem Thema ein phänomenales Buch geschrieben. Unfassbar detailreich und liest sich extrem spannend.

Nicht einen Schritt weiter nach Osten. Das soll angeblich der US-amerikanische Außenminister James Baker 1990 Michail Gorbatschow versprochen haben und soll damit gemeint haben, dass die Nato sich nicht über das Gebiet Deutschlands ausdehnen wird. Aber dieses Versprechen soll gebrochen worden sein, wie Putin in seinen Jahren als russischer Präsident nicht müde wurde, zu betonen.

Die US-amerikanische Historikerin Mary Elise Sarotte, die selbst sehr gut Deutsch spricht, hat genau dieses Zitat ihrem Buch gegeben, das 2021 zuerst auf Englisch und zwei Jahre später auf Deutsch erschienen ist. Darin zeichnet sie fast schon minutiös die politischen Entscheidungen nach, die seit dem Mauerfall bis zum Abschluss der Nato-Erweiterung im Jahr 2004 getroffen wurden. Ich hatte erst befürchtet, dass sich das Ganze vielleicht etwas trocken liest, aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Und auch, wenn’s wie ne abgedroschene Phrase klingt, ich sag’s euch: Es liest sich teilweise spannend wie ein Krimi.

Vieles wird heute ja sehr verkürzt wiedergegeben bezüglich der Osterweiterung. Und im Kern stimmt zwar vieles auch. Ja, Genscher war von Anfang an gegen eine Nato-Osterweiterung über Deutschland hinaus. Ja, die USA und vielleicht auch Deutschland haben es die Sowjetunion bzw. Russland spüren lassen, dass sie als Gewinner aus dem Kalten Krieg hervor gegangen sind. Aber die Realität ist natürlich komplexer, als die Social Media-Posts der Russentrolle.

Stück für Stück legt Sarotte für uns frei, was genau seit dem Mauerfall passiert ist. Wie Kohl die Einheit als sein wichtigstes Ziel festlegte und mit seinem 10-Punkte-Plan sowohl im Bundestag als auch auf der Welt alle überraschte. Der Hintergrund: Gorbatschow hatte sich noch nicht genau dazu geäußert, wie es mit Deutschland nach dem Mauerfall weitergehen sollte. Und da die Bundesrepublik ein zweites Jalta verhindern wollte, hat Kohl als Erstes seinen Hut in den Ring geworfen.

Was die USA angeht: Sie wollten von Anfang an, dass Gesamtdeutschland Mitglied der Nato bleibt. Das ist Fakt. Das beschreibt Sarotte auch ausführlich in ihrem Buch. Ein wichtiger Punkt der Amerikaner war aber auch, dass auf beiden Seiten (USA und Sowjetunion) die Atomsprengköpfe reduziert werden, um für eine sichere Welt zu sorgen. Interessant ist zu erfahren, wie man Gorbatschow dazu bringen wollte, dieser Wiedervereinigung mit Nato zuzustimmen. Das Argument der USA: Wenn Gorbatschow darauf beharrt, dass Deutschland neutral bleiben soll, dann besteht die Gefahr, dass das wiedervereinigte Deutschland das machen will, was Hitler nicht geschafft hat: sich atomar zu bewaffnen.

Ein weiterer Punkt, der gerne verkürzt wiedergegeben wird: Die USA und Deutschland haben sich die Wiedervereinigung erkauft. Das stimmt nur halb. Ja, Deutschland hat 12 Milliarden DM (Gorbatschow wollte sogar zuerst 36 Milliarden DM) an die Sowjetunion gezahlt, um den Abzug der sowjetischen Truppen und deren Neuansiedlung in Neubauten in der SU zu finanzieren. Und auch die USA haben Gorbatschow und später Jelzin mit Milliarden von Dollars geholfen. Das geschah aber nicht aus Machtbestreben. Denn wirklich großen Einfluss auf die inneren Entwicklungen Russlands hatten die USA ohnehin kaum. Die Motivation der USA war vor allem, Chaos in Russland zu verhindern. Kohl wollte unbedingt, dass Gorbatschow an der Macht bleibt und hat deshalb finanzielle Unterstützung gegeben, weil er wusste, dass ohne Gorbatschow die Einheit nicht zu machen ist. Und die USA hatten der Stabilität wegen Jelzin geholfen. Aber als das Geld schnell in irgendwelche windigen Kanäle verschwunden ist, waren die USA später nicht mehr so stark in Spendierlaune.

Einen wichtigen Punkt nehmen natürlich auch die ostmitteleuropäischen Staaten, allen voran Polen, die (damals noch) Tschechoslowakei und Ungarn, ein, die so schnell wie möglich in die Nato wollten. Das wurde wohl von Gorbatschow als auch später Jelzin nicht gerne gesehen. Lech Wałęsa benutzte sogar einen ähnlichen Trick wie Kohl, um ihn von seinem Vorhaben zu überzeugen. Kohl versuchte den Sowjetherrscher mit der Wiedervereinigung zu überzeugen, indem er Gorbatschow sagte, ob er nicht meine, dass das deutsche Volk selbst darüber entscheiden sollte. Kohl war erst kürzlich in Dresden, und die ihm zujubelnde Menge hatte in dem Bundeskanzler die Überzeugung gebracht, die Wiedervereinigung schnell voranzutreiben. Und Wałęsa fragte Gorbatschow, ob er nicht finde, dass Polen ein souveränes Land sei. Da konnte er auch nichts anderes als Ja sagen.

Zur Kohl vielleicht ein Wort. Ich hatte bislang keine genaue Meinung über ihn. Als seine Kanzlerschaft endete war ich 12, habe ihn also selbst als Politiker nicht bewusst miterlebt. In Sarottes Buch erfahre ich dann, was Kohl alles für Anstrengungen unternommen hat und wie geschickt er vorgegangen ist, um die Wiedervereinigung Deutschlands umzusetzen. Davor habe ich einen Heidenrespekt.

Oh, und noch eine Sache: Ich glaube in einem Interview hat Sarotte auf die Frage, was Sie bei der Recherche am meisten überrascht hat, gesagt, dass die Ukraine schon so früh Thema bei der Nato-Osterweiterung gewesen ist. Da zu Beginn ja nicht klar war, wie groß die Nato werden sollte, war die Option einer Ukraine in der Nato immer mal wieder Gesprächsthema.

Sarotte hat mit „Nicht einen Schritt weiter nach Osten“ wirklich ein geniales Buch geschrieben. Ich würde sogar sagen: Wer das Buch gelesen hat, weiß alles über die Nato-Osterweiterung, was man wissen muss.

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Eine Antwort zu „Nr. 86: „Nicht einen Schritt weiter nach Osten“ von Mary Elise Sarotte”.

  1. Avatar von colorsoftly6d5c98111a
    colorsoftly6d5c98111a

    Hallo Thomas,ich würde gerne eine Seite auf meiner Hompepage machen, mit Literarurempfehlungen von dir. Was hälst du davon? Liebe Grüße, Sabine 

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