Liebe Freunde Osteuropas! Im Dezember 2025 sind erstaunlich wenige #Osteuropa-Romane erschienen. Gerade mal drei.

Dafür haben wir ein absolutes Jahres-Highlight. Der Mauke-Verlag hat den Roman „Ein Zuhause für Dom“ von Victoria Amelina auf Deutsch herausgebracht. Die ukrainische Autorin hatte es sich nach der Großinvasion zur Lebensaufgabe gemacht, die russischen Kriegsverbrechen aufzuklären. Tragischerweise erlag sie wenige Tage nach einem Raketenangriff auf ein Restaurant in Kramatorsk ihren Verletzungen. In ihrem 2017 erstmals erschienenen Roman „Ein Zuhause für Dom“ geht es um eine sechsköpfige Familie in Lwiw der 1990er Jahre. Eine typische Sowjetfamilie, die mit den Turbulenzen der Zeit zu kämpfen hat. Das Besondere: Das Ganze wird aus der Perspektive eines Hundes erzählt.

Ein paar Erzählungen des russischen Autors Andrej Platonow (1889-1951) sind jetzt nochmal neu übersetzt ins Deutsche unter dem Titel „Der Staatsbewohner“ erschienen. Ich lasse hier mal den Klappentext für sich sprechen: „Während sich in diesem »Staatsbewohner« der Prototyp des zynischen Untertanen und Mitläufers ausbildet, tritt in der meisterhaften Reisenovelle »Zu Gute« ein enthusiastisch Suchender auf, der die Mängel, die er entdeckt, nicht verschweigen kann. Die Veröffentlichung dieses Textes, der Stalins Zorn erregte, war der Anfang vom Ende der schriftstellerischen Karriere Platonows. Bis zu seinem Tod 1951 konnte er nichts mehr von vergleichbarem Rang veröffentlichen.“

Und damit die Liste nicht allzu kurz ist, nehme ich „The Monet Family – Be Strong, My Pearl“ von Weronika Anna Marczak mit rein. Inhaltlich hat das Buch nix mit Osteuropa zu tun. Das Buch ist aber aus dem Polnischen übersetzt und bei den Polen wohl ziemlich 0beliebt. Der mittlerweile fünfte von sieben Bänden ist es. Da der Klappentext sehr knapp gehalten ist, hier in voller Länger: Was, wenn ein kleiner Fehltritt die Sicherheit deiner ganzen Familie aufs Spiel setzt? Camden Monet befindet sich in höchster Gefahr. Hailie will sofort etwas unternehmen, doch Vincent verbietet ihr einzugreifen. Das kann sie nicht auf sich sitzen lassen. Hailie ist längst nicht mehr das verängstigte Mädchen, das sie noch vor zwei Jahren war. Sie ist bereit, für ihre Familie einzustehen. Auch wenn das bedeutet, dass sie alles verlieren könnte. Der fünfte Band der Bestseller-Reihe über eine mysteriöse Familie voller Abgründe.“

Der Zuckerkreml von Wladimir Sorokin zeichnet in fünfzehn miteinander verbundenen Erzählungen ein düsteres Bild eines zukünftigen Russlands. Die Handlung spielt im Jahr 2028 in einem Staat, der technologisch zwar modern wirkt, gesellschaftlich jedoch in eine Art neues Mittelalter zurückgefallen ist. Gewalt, soziale Ungleichheit und staatliche Willkür prägen den Alltag. Sorokin führt den Leser durch verschiedene Milieus und lässt ganz unterschiedliche Figuren zu Wort kommen, darunter Hofnarren, Henker, Zwangsarbeiter, Bettler und Dissidenten. Ihre Perspektiven ergeben zusammen ein vielstimmiges Panorama einer Gesellschaft, in der Angst und Repression allgegenwärtig sind. Ein zentrales Symbol des Buches ist der titelgebende Zuckerkreml: Zu Weihnachten erhalten Kinder auf dem Roten Platz ein Modell des Kremls aus Zucker. Diese süße Devotionalie steht sinnbildlich für die propagandistischen Trostpflaster eines Systems, das seinen Bürgern wenig Hoffnung lässt. Während Russland seine Ressourcen ins Ausland verkauft, müssen selbst wohlhabendere Moskauer mit Holz heizen, und grundlegende Infrastruktur funktioniert nur eingeschränkt. In satirischen, oft grotesken Szenen zeigt Sorokin eine Welt, in der politische Rituale, Brutalität und absurde Traditionen ineinandergreifen. Wie schon in seinem Roman Der Tag des Opritschniks entwirft er damit eine anti-utopische Vision, die das heutige Russland in einem verzerrten Spiegel erscheinen lässt. Die gebundene Ausgabe von Der Zuckerkreml erschien bereits 2010 auf Deutsch, während nun eine Taschenbuchausgabe vorliegt.

Dieses Seil, das mich an die Erde bindet von Lorina Bălteanu erzählt aus der Perspektive eines neugierigen Mädchens vom Leben in einem abgelegenen Dorf der Moldauischen Sowjetrepublik in den 1960er- und 1970er-Jahren. Während sie ihre Umgebung beobachtet, entsteht ein vielschichtiges Bild des Dorflebens mit seinen Bewohnern, Traditionen und den stillen Spuren einer schmerzhaften Vergangenheit unter sowjetischer Herrschaft. Beeinflusst von den Büchern der Bibliothekarin Nana Raia und den Besuchen ihrer exzentrischen Tante Muza beginnt das Mädchen von einer anderen Welt zu träumen. Statt des festgefügten Dorflebens sehnt sie sich nach Freiheit und einem Leben jenseits der Enge ihrer Heimat – etwa nach Paris. Der poetische Roman schildert sensibel Kindheit und Erwachsenwerden in einem totalitären System und den starken Wunsch nach einem „Anderswo“.

Sankya von Sachar Prilepin erzählt die Geschichte des jungen Aktivisten Sascha, genannt Sankya, der Mitglied einer militanten oppositionellen Gruppe in Russland ist. Getrieben von Wut und Verachtung gegenüber der politischen Elite und der von ihm als lethargisch empfundenen Gesellschaft beteiligt er sich an Protestaktionen und gewaltsamen Auseinandersetzungen mit dem Staat. Nach schweren Krawallen in Moskau gerät Sankya ins Visier der Sicherheitsbehörden. Schließlich wird er verhaftet und im Gefängnis brutal verhört und misshandelt. Doch trotz der Repression hält er an seinen radikalen Überzeugungen fest. Der Roman zeichnet das Porträt eines jungen Mannes, der zwischen politischem Idealismus, Wut und Selbstzerstörung schwankt, und stellt zugleich die Frage, ob politische Radikalität Ausdruck von Protest, Flucht oder Lebenssinn ist.

Idas Trauma und die Liebe zu Russland von Verena Regina Keller erzählt von Ida Lack-Fischer, deren Leben durch einen plötzlichen Schicksalsschlag aus der Bahn gerät. Auf einer Zugfahrt von Basel nach Berlin versucht sie, ihre Gedanken zu ordnen und einen Weg zurück zu sich selbst zu finden. Während der Reise liest sie auf ihrem Laptop alte Aufzeichnungen über ihre Russlandreisen, die von den 1970er-Jahren bis in die Gegenwart reichen. Erinnerungen an Orte, Begegnungen und Gespräche tauchen wieder auf und lassen sie über ihre eigene Vergangenheit, aber auch über das Verhältnis zwischen Russland und Europa nachdenken. Der Roman verbindet persönliche Traumabewältigung mit Reflexionen über Geschichte, Kultur und die Möglichkeit von Verständigung und Versöhnung – getragen von der Hoffnung, dass echtes Verstehen sowohl im eigenen Leben als auch zwischen Gesellschaften heilend wirken kann.

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