
Liebe Freunde Osteuropas! Der Journalist Artur Weigandt hat sich seit der russischen Großinvasion so tiefgründig damit beschäftigt, wie nur wenige. Warum er mit dem Pazifismus gebrochen hat und er mit der Waffe sein Land verteidigen würde, erklärt er in seinem neuen Buch.
Mehr als dreieinhalb Jahre dauert der große russische Krieg gegen die Ukraine an und immer noch ist kein Ende in Sicht. Mittlerweile bestimmen Schlagzeilen von Drohnensichtungen im Deutschland und anderen Staaten und Drohnenangriffe auf Polen die Schlagzeilen. Der Krieg scheint schrittweise immer näherzurücken, die Notwendigkeit der Verteidigung immer dringlicher. In Deutschland wird hitzig über das Thema Wehrpflicht diskutiert. Ein Schüler sagt in einer Sendung, er würde lieber unter Putins Herrschaft leben, als zu kämpfen.
Bei all den Diskussionen um Kriegstüchtigkeit und Wehrpflicht erscheint Artur Weigandts neues Buch „Für euch würde ich kämpfen“ genau zum richtigen Zeitpunkt. Man könnte sagen, es das Buch der Stunde. Denn während für uns in Deutschland der Krieg immer noch etwas sehr Abstraktes, Fernes ist, ist es für die Ukrainer schon jahrelang Realität. Und diese Diskussionen, wie wir sie hier in Deutschland führen, haben in der ukrainischen Realität keinen Platz.
Aber von Anfang: Artur Weigandt legt hier ein sehr persönliches Buch vor. Er erzählt von seiner Kindheit, wie er sich wegen seiner Herkunft aus Kasachstan gegen Mobbing zur Wehr setzen muss und lernt, dass statt reden manchmal doch die Faust entscheiden muss. Er berichtet von seiner Studienzeit, in der er noch russischen Propagandamärchen auf den Leim geht und die Nato als Bedrohung sieht und seinen Freunden zustimmt, wenn sie die Aggressionen Putins 2014 mit Krym-Annexion irgendwie schon verständlich fanden. Zur Maidan-Revolution schreibt er: „Für mich war es nur ein Schlagwort, ein Plot in der großen Erzählung vom bösen Westen und missverstandenen Russland. Ich hatte Videos gesehen, Posts gelesen, die behaupteten, die Ukraine sei ein Marionettenstaat der USA, voller «Nazis» und «Provokateure». Ich glaubte das, weil es in meiner Peergroup bequem war.“
Doch die Großinvasion Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022 „zertrümmerte meine Illusionen“, wie Weigandt weiter schreibt. In seiner Rolle als Journalist fährt er immer wieder in die Ukraine, um zu berichten. Er arbeitet als Dolmetscher – sogenannter Sprachmittler – bei Übungen in Deutschland und übersetzt für die ukrainischen Soldaten ins Russische. Und ist somit der Realität des Krieges, wie sie die Ukrainer erleben, so nah wie nur wenige Deutsche.
Weigandt macht sich viele Gedanken über den Krieg, über Verteidigung, über die endlosen Debatten in Deutschland, ob man der Ukraine überhaupt Waffen schicken sollte. Eskaliert das die Situation nicht noch weiter? Weigandt dazu: „Vielleicht ist das das eigentliche Dilemma: Dass die einen den Krieg erleben und keine Zeit haben für Debatten – die anderen die Debatten führen, ohne den Krieg zu erleben.“
Doch während die Debatten in Deutschland im Fernseher und den Kommentarspalten der Sozialen Medien heiß laufen, regnet es jeden Tag Raketen und Drohnen auf ukrainische Städte. Dinge, über die im Frieden gesprochen wird, machen im Krieg möglicherweise keinen Sinn mehr. Weigandt: „[…] vielleicht ist genau das der wahre Unterschied zwischen Frieden und Krieg: Dass Frieden einem erlaubt, das Risiko zu kalkulieren. Und Krieg einem irgendwann keine Wahl mehr lässt.“
Weigandts Buch führt dem Leser klar vor Augen, was der russische Krieg für die Ukraine und Ukrainerinnen und Ukrainer konkret bedeutet. Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan brachte es mal auf den Punkt: „wir haben keine große Wahl: entweder standhalten in diesem Krieg oder vernichtet werden. Alles andere funktioniert einfach nicht.“ Und je tiefer man durch Weigandts Buch in die ukrainischen Realitäten eintaucht, wie die Soldaten fühlen, was sie denken, desto mehr entrückt es einen von der seltsamen Welt in Deutschland, die die Tragweite der russischen Aggression wohl noch immer nicht erfasst haben. Weigandt schreibt dazu passend: „Und wer heute von «Nie wieder» spricht, aber Panzerlieferungen ablehnt, Wehrpflicht als Zumutung empfindet und «Frieden» als Ausrede benutzt, den Mördern ihren Willen zu lassen – hat nichts verstanden.“
Das schmerzhafteste und ungewöhnliche lange Kapitel ist Weigandts Gespräch mit der eigenen Mutter. Verständlicherweise will sie nicht, dass er in den Krieg zieht. Und Weigandt will das eigentlich auch nicht. Er schreibt: „Würde ich kämpfen? Ich weiß es nicht.“ Je näher der dem Krieg kommt – und durch seine Arbeit als Journalist ist er dem Krieg in der Ukraine schon sehr nahe gekommen – desto mehr Angst hat er.
Weigandt hat mit seinem Buch eine Lücke gefüllt. Ein wichtiger Debattenbeitrag über den russischen Krieg gegen die Ukraine und wie wir Deutschen damit umgehen sollten. Ich habe mir beim Lesen auch die Frage gestellt, wie Weigandts Buch wohl auf Menschen wirkt, die komplett der gegenteiligen Meinung des Autors sind. Die ganzen Ole Nymoens, Wagenknechts und Varwicks unserer Republik. Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich an diesen tschechischen Film, den Martina Winkler auf Bluesky vorgestellt hat. Zwei Tschechen und eine Tschechin, die russische Propagandalügen verbreiten und – nachdem sie für eine Doku in die Ukraine gebracht wurden und das Ausmaß der russischen Verbrechen mit eigenen Augen sehen – weiter bei ihrer Weltsicht vom bösen Westen bleiben. Ob Weigandt seine „Gegner“ mit dem Buch umstimmen kann, ist also schwer zu sagen. Doch der Autor sein Buch auf die beste Weise geschrieben, um solche Menschen zu erreichen. Nicht vorverurteilend, nicht mit dem Finger zeigend, sondern empathisch, lebensnah, lebend, teilweise sehr romanhaft, und klar in dem, was der russische Krieg für die Ukrainer bedeutet. Absolute Leseempfehlung!
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