Liebe Freunde Osteuropas! Der Januar ist rum, Zeit wieder zurückzublicken, was alles neu auf dem Büchermarkt zum Thema #Osteuropa erschienen ist.

Als Stalin gestorben war und Chruschtschow die Tauwetter-Periode einleitete, konnte sich die ukrainische (aber auch sowjetische) Literatur und Kultur wieder entfalten. Intellektuelle widersetzten sich den offiziellen Dogmen und bekundeten die Freiheit des kreativen Ausdrucks. Anfang der 1960er Jahre erreichte ihr Bekanntheitsgrad ihren Höhepunkt und wurden deshalb die „Sechziger“ genannt. Da sie nicht in die offizielle Ideologie des Sowjetreichs passten, wurden sie zunehmend bedroht, mussten im Samisdat veröffentlichen bis Anfang der 1970er Jahre die Bewegung endgültig verschwand. Der ukrainische Historiker Radomyr Mokryk hat nun ein Buch über die Geschichte dieser Literatur- und Kulturgeneration vorgelegt.

Stepan Bandera ist wohl einer der bekanntesten und umstrittensten ukrainischen Persönlichkeiten. Der deutsch-polnische Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe hat 2014 zu ihm eine englischsprachige Dissertation vorgelegt, die nun in deutscher Übersetzung erschienen ist. Ilko-Sascha Kowalczuk hat zu dem Buch bereits eine gute Rezension verfasst, in der er kritisiert, dass es in dem Buch an Kontextualisierung zu den Ereignissen in der Ukraine fehlt und welche Rolle die Widerstandsbewegungen, die sich auf ihn berufen und von ihm gegründet wurden, eigentlich in der ukrainischen Geschichte spielen. Da es aber die erste deutschsprachige Biografie zu dieser Figur ist, sicher ein lesenswertes Buch.

Die Krimtataren hatten und haben ein hartes Schicksal. Davon berichtet Mustafa Dschemilew den beiden Journalisten Alim Alijew und Sewhil Musajewa im nun erschienenen Buch „Mustafa Dschwemileg: Gespräche mit einem Unbeugsamen“. 1943 geboren, 1944 mit seiner Familie nach Usbekistan deportiert, wird er später Mitgründer der Initiativgruppe zur Verteidigung der Menschenrechte in der Sowjetunion und sechs Mal zu Haftstrafen in Straflagern verurteilt. Nach 1989 konnte er auf die Krym zurückkehren – bis er 2014 wieder vertrieben wurde. In mehreren Gesprächen berichtet Mustafa Dschemilew von seinem Widerstand gegen die Diktatur in der Sowjetunion, über seinen Einsatz für die Rechte der Krimtataren, und von den neuerlichen Verbrechen, die Russland seit 2014 auf der ukrainischen Krym verübt.

Erst vor wenigen Tagen jährte sich die Befreiung von Auschwitz das 80. Mal. Fast zeitgleich sind die Erzählungen des polnischen Auschwitz-Überlebenden Tadeusz Borowski erschienen. In dem Buch „Bei uns in Auschwitz“ beschreibt er die Gräuel, die er in dem Konzentrationslager erleben musste.

Wer Martin Schulze Wessels Buch „Der Fluch des Imperiums“ noch nicht kennt, sollte spätestens jetzt einen Kauf erwägen, denn es ist nun in der günstigeren Taschenbuchausgabe erschienen. Der Historiker nimmt dabei die Geschichte der drei Länder Polen, Russland und die Ukraine in den Blick, wie sie sich in den vergangenen Jahrhunderten entwickelt und welche Beziehungen sie unter einander haben. Und wie sich diese Jahrhunderte alte Geschichte in Putins imperialer Politik widerspiegelt.

Zu dem Buch gibt es bereits eine Rezension von mir.

Der nur sehr kurz gehaltene Wikipedia-Artikel über Michail Kusmin (1872-1936) lässt vermuten, dass der russische Schriftsteller wohl nur wenigen Deutschen ein Begriff ist (mich eingeschlossen). Jetzt ist ein kleines Buch mit dem Tiel „Der Engel der Verwandlung ist zurück“ erschienen. Darin enthalten sind Gedichte des homosexuellen Mannes. In „Lazarus“ geht es um ein verhängnisvolles Liebesfünfeck unter Beteiligung von drei Geschwistern und in „Die Forelle bricht das Eis“ geht es um den Verlust eines Geliebten an eine Frau.

In einem „Tataren-Lager“ bei Berlin waren während des 1. Weltkriegs gut 18.000 russisch-muslimische Kriegsgefangene untergebracht. Ziel der Deutschen war es, mittels Propaganda, sie für ihre Kriegszwecke zu gewinnen. Doch die Gefangenen wussten sich dem zu entziehen. Die beiden Autoren Gerdien Jonker und Markus Schlaffke haben in Archiven und vor Ort recherchiert und wollen in ihrem Buch „Wie man Imperium buchstabiert: Das ›Tatarenlager‹ Weinberge 1914-1918“ zeigen, „wie rassenhygienische Auslese, antikolonialer Befreiungskampf und die Krisenerfahrungen der Moderne im Lager aufeinanderprallten und wie die Kategorien der Identifikation sich verhedderten“.

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Als die Nazis am 1. September 1939 Polen überfallen hatten, gab es eine Gruppe, die besonders privilegiert waren – Deutsche polnischer Staatsangehörigkeit. Was für ein Netz deutscher Organisationen und Institutionen dafür geschaffen wurde, um den dort lebenden Deutschen von der vermeintlichen Notwendigkeit einer rücksichtslosen Separierung und Ungleichbehandlung der einzelnen Bevölkerungsgruppen zu überzeugen, hat die deutsche Osteuropahistorikerin Isabel Röskau-Rydel in ihrem neu erschienenen Buch „Deutsche im Distrikt Krakau 1939–1945: Minderheit, Volksgemeinschaft, Besatzer“ recherchiert.

Gustav Pietsch (1893-1975) war Veteran der Kaiserlichen Marine und nichtjüdischer Zionist. Mit seiner Frau leistete der Seemann politischen Widerstand in der Freien Stadt Danzig. Später half er vielen Juden bei der Flucht aus dem Land in das britische Mandatsgebiet Palästina. 1938 musste er selbst mit seiner Familie dorthin fliehen. Ende der 1950er lebte er kurz in Deutschland und dann in Australien. Die Autorin Susanne Zeller hat in einem 250-seitigen Buch nun die Geschichte dieses Menschen aufgeschrieben.

Die östereichisch-australische Beraterin Stefanie unterstützte mehr als 80 Kolleginnen und Kollegen in ihrem Unternehmen, die sich während des russischen Einmarschs in der Ukraine befanden. Zwei Jahre lange dokumentierte sie die persönlichen Geschichten ihres Teams und deren Familien. Herausgekommen ist daraus nun das Buch „Woven by War: A Team`s Experience of Russia`s War in Ukraine“, dass aus erster Hand den Lesern eine ergreifende Reflexion über das oft übersehene menschliche Gesicht des Krieges bieten soll, das in der schnellen Abfolge der täglichen Nachrichten nur allzu leicht untergeht.

Der Russlandexperte Jonathan Fink hat für sein Buch „The Dark Heart of Russia“ eine Vielzahl an namhaften Interviewpartnern gewinnen können, darunter Bill Browder, Fiona Hill, John Sweeney und Mark Galeotti. In den Gesprächen will er „das wahre Herz Russlands“ entdecken. Dieses Buch soll zeigen, dass man sich die Taten des Kremls ansehen und seine Worte in der Regel ignorieren muss, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen.

Bereits im April 2022 erschienen und nun in der günstigeren Taschenbuchausgabe zu haben ist „Stalking the Atomic City: Life Among the Decadent and the Depraved of Chornobyl“ des ukrainischen Schriftstellers Markiyan Kamysh. Auch nach bald vierzig Jahren zieht einige Menschen die verseuchte Zone von Tschornobyl in ihren Bann. Sie nennen sich Stalker und ist einer von ihnen. Was er in der „Atomstadt“ erlebt hat, hat er für dieses Buch aufgeschrieben.

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Der estnische Dokumentarfilmer und Schriftsteller Vahur Laiapea ist während des großen Invasionskrieges mehrmals in der Ukraine gewesen. Dabei trag er viele Menschen, die direkt vom Krieg betroffen sind. Die Angehörige verloren haben oder verstümmelt wurden. Nur diejenigen, die dem Krieg sehr nahe sind, verstehen sein Wesen, heißt es im Klappentext. In Laiapeas Buch „Diaries form Ukraine“ geht es um eben diese Menschen.

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Seit bald drei Jahren verteidigen sich die Ukrainer gegen die russischen Aggressoren. Das machen sie vornehmlich mit Waffen, es schlägt sich aber auch in ihrer Kunst wieder. Darum geht es in dem Buch „The Arts of War: Ukrainian Artists Confront Russia: Year Two“. Die dort vorgestellten Geschichten aus dem zweiten Kriegsjahr sollen zeigen, wie die Ukrainer die Bedeutung ihres Landes und ihrer Kultur durch die Kunst erforscht haben und wie die Kunst und ihre Schöpfer die Ukrainer befähigt haben, sich den russischen Invasoren entgegenzustellen.

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Durch den russischen Krieg gegen die Ukraine beginnen manche wieder in das Denken und Verhalten aus der Zeit des Kolonialismus und des Kalten Krieges zurückzufallen. Doch die Ukraine ist keine Verfügungsmasse von Großmächten. Sie ist ein Land von Tapferkeit, Widerstandfähigkeit, Flexibilität und einer positiven Lebenseinstellung. In „Ukrainians Beyond Borders“ geht es um den Lebensweg von neun Ukrainern aus Kiew, Charkiw, Lemberg, Odesa, Poltawa und einem Österreicher, der sich entschieden hat, Ukrainer zu sein. Das Buch befasst sich mit der komplexen Wahrnehmung der Grenze als historisches Gebilde, das für die Ukrainer immer ein zweischneidiges Schwert war: eine ständige Bedrohung, aber auch eine Chance – ein Raum für Kommunikation, Handel und kulturellen Austausch.

Die Ukraine kämpft nicht nur für ihre Sicherheit, sondern für die ganz Europas. In Zeiten einer zweiten Amtszeit Trumps steht ohnehin die Sicherheitspolitik in Europa auf wackligen Füßen. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Richard Rose schreibt in seinem Buch „European Security: From Ukraine to Washington“, vor welchen Herausforderungen Europa steht, den Wiederaufbau der Ukraine zu finanzieren, er fragt nach den Bedingungen, unter denen die Europäische Union und die NATO die Ukraine als Mitglied aufnehmen könnten, und er legt dar, wo Großbritannien als NATO-, aber nicht als EU-Mitglied seinen Platz findet.

Die E-Book-Vairante ist bereits im August 2024 erschienen, jetzt kann man „Writing Ukraine“ von Myrna Kostash auch als Buch kaufen. Die kanadische Schriftstellerin meditiert über ihre Arbeit und Identität inmitten des russisch-ukrainischen Krieges. In diesem Essay, der auf ihrer „Writer-in-Residence“-Vorlesung an der Athabasca University basiert, reflektiert Kostash selbstkritisch über ihr bisheriges Schreiben und überlegt, wie ihre Besuche in der Ukraine und der andauernde Krieg ihr Schreiben über und ihr Verständnis von ukrainisch-kanadischer Identität verändert haben.

Der Historiker und Militäranalyst Christopher A. Lawrence hat schon zu einigen Schlachten und Kriegen Bücher geschrieben. In seinem neuesten Werk geht es um die Schlacht um Kyjiw am Anfang der russischen Großinvasion im Februar 2022. Er untersucht die erste Phase des Krieges, in der russische gepanzerte, mechanisierte und luftbewegliche Truppen auf Kyjiw vorstießen, Tschernihiw umzingelten, zweimal Cherson einnahmen und die Existenz des ukrainischen Staates bedrohten. Das Buch behandelt auch alle Kämpfe um Sumy, Charkiw, Mykolaiw und die belagerte Hafenstadt Mariupol. Es behandelt die militärischen Operationen vor Ort, die Zerstörung der Gebäude und der ukrainischen Infrastruktur, das Leiden der Zivilbevölkerung und den täglichen Überlebenskampf.

Vor einem Jahr erstmals erschienen und nun als Taschenbuch ist „The Counterfeit Countess“ von den Autorinnen Elizabeth B. White und Joanna Sliwa. In dem Buch geht es um die unbekannte Geschichte der „Gräfin Janina Suchodolska“, einer Jüdin, die mehr als 10.000 von den polnischen Nazibesatzern inhaftierte Polen rettete. In Wirklichkeit hieß die Polin Pepi Mehlberg. Die Autorinnen haben auf der Grundlage des Manuskripts von Mehlbergs unveröffentlichten Memoiren, ergänzt durch umfangreiche Recherchen, die vollständige Geschichte dieser bemerkenswerten Frau aufgedeckt. Mit List, Schmeichelei und stählerner Beharrlichkeit überredete die „Gräfin Suchodolska“ die SS-Beamten, Tausende von Polen aus dem Konzentrationslager Majdanek zu befreien. Sie erwirkte die Erlaubnis, Lebensmittel und Medikamente – und sogar geschmückte Weihnachtsbäume – für weitere Tausende von Häftlingen des Lagers zu liefern. Gleichzeitig schmuggelte sie persönlich Vorräte und Nachrichten an Widerstandskämpfer, die in Majdanek inhaftiert waren, wo 63.000 Juden in Gaskammern und Erschießungsgruben ermordet wurden. Unglaublicherweise entging sie der Entdeckung, überlebte den Krieg und emigrierte in die USA.

Nach dem Ersten Weltkriegs kam es in den Dörfern Mittel- und Osteuropas zu einem Aufstand. Angeführt von einer schattenhaften Bewegung von Armeedeserteuren griffen die Bauern vielerorts diejenigen an, die sie für die Missstände während des Krieges und die jahrelange Ausbeutung verantwortlich machten – Großgrundbesitzer, Beamte und Kaufleute, die häufig Juden waren. Gleichzeitig versuchten die Bauern, ihre bäuerlichen Visionen von einer wiedergeborenen Gesellschaft zu verwirklichen, indem sie eine lokale Selbstverwaltung einrichteten oder versuchten, Einfluss auf die neuen Staaten zu nehmen, die auf den Trümmern des österreichisch-ungarischen und des russischen Reiches errichtet wurden. In „The Last Peasent War“ legt Jakub Beneš die erste umfassende Geschichte dieser dramatischen und weitgehend vergessenen Revolution vor und zeichnet ihre Auswirkungen auf die Politik der Zwischenkriegszeit und den Verlauf des Zweiten Weltkriegs nach.

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Und zum Schluss noch was sehr Akademisches. Die Slawistin Anna Artwinska hat unter Mitarbeit von Agata Roćko ein Lehrbuch zur polnischen Literatur im 19. Jahrhundert veröffentlicht. Es soll eine moderne Literaturgeschichte der polnischen Literatur für Studierende anbieten. Anhand exemplarischer Analysen und Interpretationen wird die Entwicklung der polnischen Literatur von der Romantik bis zur Moderne verständlich erläutert.

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