Liebe Freunde Osteuropas! Mit „Muppets in Moskau“ ist Natasha Lance Rogoff ein wunderbares Buch über die Entstehungsgeschichte der Sesamstraße in Russland gelungen. Spannend geschrieben, bietet es interessante, lustige und ehrliche Einblicke in eine längst vergangene Zeit.

Als Nastasha Lance Rogoff Anfang der 1990er gefragt wurde, ob sie die Sesamstraße für Russland adaptieren würde, fühlte sie sich dafür vollkommen fehl am Platz. Sie hatte gerade einen Dokumentarfilm über Russland gedreht, der nur einen kleinen Teil des Budgets entsprach, der für die Adaption der Sesamstraße für die russischsprachige Welt vorgesehen war. Außerdem war mit ihren 32 Jahren Single und hatte keine Kinder. Wie sollte sie da eine der erfolgreichsten Kinderserien der USA erfolgreich in Russland entwickeln? Aber sie brauchte, nachdem sie „lange weiter wie eine Studentin gelebt“ hat, dringend etwas Festes. So ließ sie sich auf das Abenteuer ein.

Es geht also 1993 nach Russland, der alte Kontakt Leonid wird reaktiviert, der mit ihr die ersten Fußstapfen in der russischen Film- und Businesswelt geht. Und wie sich herausstellt, ist es gar nicht so leicht, die Serie in ein Land zu bringen, dass gerade damit beschäftigt ist, aus den Trümmern des Kommunismus etwas Neues aufzubauen und den richtigen Weg in einer ungewissen Zukunft zu finden.

Doch nach und nach baut sich ein Team auf, Geschäftspartner werden gefunden und wieder verloren. Sogar mit dem bekannten Oligarchen Boris Beresowski kommt Rogoff in Kontakt und er hat Interesse, die Serie auf seinem Sender auszustrahlen, bis eine Autobombe dem ganz schnell wieder ein Ende bereitet. Mit vielerlei Problemen müssen Rogoff und ihr Team in den verrückten 90ern in Russland klarkommen. Man erhält jetzt keinen extrem tiefen Einblick in die Lebenswelt der Russen in dieser Zeit, aber die Autorin beschreibt auf beeindruckende Weise, wie es sich in dieser Zeit als Ausländerin in dem Land lebt.

Auch sehr spannend ist der Umsetzungsprozess der Serie. Denn die russischen Autoren und Zeichner sind erstmal gar nicht angetan von den quietschbunten Puppen aus Amerika, die mal so gar nichts Russisches an sich haben. Auch die moderne Musik passe nicht. Viel lieber solle die große russische Klassik dort zum Einsatz kommen, etwa von Tschaikowski. Es kostet viel Mühe, die Autoren umzustimmen. Aber als die Russen – was Teil des Programms ist – in die USA reisen, um vor Ort zu erfahren, wie die Serie produziert wird und was genau das Ziel ihr Ziel ist, werden sie versöhnlicher. Trotzdem ist es immer wieder komisch, wie einzelne Details bei Figuren oder Sketchen besprochen werden, weil dort einfach zwei Welten aufeinanderprallen. Die ersten Szenen, die die Russen entwickeln, sind eher sehr melancholisch und traurig und haben so gar nichts mit der lustigen Art des Originals zu tun. Dementsprechend sind auch die ersten Figurenskizzen, die eher Baba Jaga nachahmen als Kermit der Frosch oder Ernie und Bert. Die sind natürlich auch in der russischen Variante vertreten, es gibt aber auch eigens für die russische Variante entwickelte Figuren.

Vier Jahre wird es dauern, Rogoff viele Nerven kosten – sie lernt in dieser Zeit aber auch ihren Mann kennen und bekommt zusammen mit ihm ein Kind – bis die Serie erfolgreich in Russland auf Sendung geht. Wenn man sich das heutige Russland allerdings ansieht, stellt sich die Frage, was diese Serie – die den Kindern ja Werte wie Demokratie und Gleichberechtigung beibringen sollte – gebracht hat. Rogoff schreibt selbst am Ende des Buches, dass sie 2020 nochmal nach Russland reiste und sich mit alten Freunden aus der „Uliza Sesam“-Zeit getroffen hat.

Ich kann nur sagen: Ich habe das Buch von der ersten bis zur letzten Seite geliebt. Es ist beschwingt, anekdotenreich und fesselnd geschrieben. Wie hier eine amerikanische Serie auf russische Lebensrealitäten prallt, gibt einem einen spannenden Einblick in die russische Welt der 1990er Jahre. Ich habe schon länger kein Buch mehr in der Hand gehabt, dass mir beim Lesen so viel Spaß und Freude bereitet hat.

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