Liebe Freunde Osteuropas! Aus der medialen Berichterstattung ist Georgien mittlerweile wieder verschwunden. Dass es sich aber lohnt weiter genauer hinzusehen, was mit dem Land passiert, zeigt das beeindruckende Buch von Gesine Dornblüth und Thomas Franke. Meine Rezension:

Ich habe mich bewusst entschieden, euch über die Literatur aus Osteuropa zu berichten, wissend, dass ein Mensch diesen gigantischen Raum unmöglich überblicken kann. Natürlich habe ich meine Schwerpunkte mit der Ukraine, Russland, Polen und vielleicht noch die Slowakei. Georgien ist da tatsächlich eher ein Land, dass bei mir unter ferner Liefen läuft. So hatte ich auch keine großen Vorstellungen über das neuste Buch über Georgien der beiden Journalisten Gesine Dornblüth und Thomas Franke. Dass sie sehr gute Bücher schreiben können, haben sie durch ihre Bücher „Putins Gift“ und „Jenseits von Putin“ (habe beide rezensiert) schon bewiesen.

Aber ich muss euch echt sagen, mit „Kampf um die Freiheit“ haben die beiden im vergangenen Herbst wieder ein richtig gutes Buch vorgelegt. Da kommt viel Gutes zusammen. Eine wahnsinnig große Expertise (die beiden sind bereits seit Jahrzehnten mit dem Land vertraut), viele Gespräche und Eindrücke von vor Ort (das wichtigste im Journalismus überhaupt, wie ich finde) und eine klare Haltung.

Dass mit einem Bibelzitat eingestiegen wird, hat mich zwar erstmal etwas irritiert, aber lest das Buch bis zum Ende. Da wird wieder drauf Bezug und man versteht es besser, warum das für Georgien eine besondere Bedeutung hat. Dornblüth und Franke gehen mit uns durch die Jahrzehnte nach dem Ende des Sowjetkommunismus, wie sich das Land entwickelt hat, welche politischen Schritte gegangen wurden und wie Russland immer seinen Einfluss auf das Land behalten möchte und mit dem Milliardär Iwanischwili leider immer mehr erhält.

Bei ihren Reisen durch das Land im Kaukasus kommen die beiden Journalisten mit vielen Menschen ins Gespräch. Mit Aktivisten, mit Künstlern und einfachen Bürgern des Landes. Sie alle eint der Wunsch, dass sich Georgien mehr Richtung Europa entwickelt. Von Russland hält man nicht viel. Obgleich ein paar auch die Gefahr sehen, es sich nicht zu sehr mit dem großen Nachbar zu verscherzen. Schlechte Erfahrungen haben die Georgier in den vergangenen Jahrzehnten genug gemacht.

So wunderte ich mich mit den Autoren, als nach den Parlamentswahlen Ende Oktober 2024 schnell von Wahlbetrug die Rede war, sich die Menschen danach aber kaum zu größeren Demonstrationen aufraffen konnten. Was ist mit den Georgiern los? Diese Frage stellen die Autoren auch Lascha Bakradse, der seinen Job als Direktor des Literaturmuseums in Tiflis verloren hat. Er argumentiert, dass viele Menschen frustriert sind und durch ständige Propaganda kaum noch Hoffnung auf grundlegende Veränderung haben. Das klingt erschreckend nah an russischen Verhältnissen.

Und doch: Ganz so einfach ist es nicht. Immer wieder gibt es Proteste, Menschen gehen auf die Straße, auch wenn es oft nur kleine Gruppen sind. Die Zivilgesellschaft ist nicht verschwunden.

In ihrem Buch „Jenseits von Putin“ von 2023 zeichnen Dornblüth und Franke noch ein sehr düsteres Bild der russischen Gesellschaft. Hoffnung auf Veränderung entsteht dort kaum. In „Kampf um die Freiheit“ fällt der Blick auf Georgien weniger pessimistisch aus. Gerade die Stimmen aus der Zivilgesellschaft, die die Autoren am Ende versammeln, zeigen: Die Probleme sind klar gesehen, aber aufgegeben hat man noch nicht.

Wer sich für Georgien interessiert, dem kann ich „Kampf um die Freiheit“ uneingeschränkt empfehlen. Das Buch bündelt die langjährige Expertise der Autoren, bietet einen guten Überblick über die jüngere Geschichte des Landes sowie über Politik und Gesellschaft. Es ist damit ein wichtiger Beitrag, damit das Schicksal Georgiens in Deutschland nicht aus dem Blick gerät.

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