Liebe Freunde Osteuropas! Wer den russischen Krieg gegen die Ukraine verstehen will, muss wissen, wie er damals 2014 begonnen hat. Ein beeindruckendes Buch mit vielen Augenzeugenberichten ist nun kürzlich im ibidem-Verlag erschienen.

Beim Lesen des Buches „Was bedeutete Russlands Besetzung der Krim? Zwölf Frauen berichten, wie sie 2014 den Beginn des Russisch-Ukrainischen Krieges erlebten“ stellte ich mir unweigerlich die Frage: Wieso erscheint so ein Buch erst jetzt? Wieso sind diese Erfahrungsberichte nicht schon viel früher dem deutschen Publikum zugänglich gewesen? Gut, Literatur über den Krieg im Donbas gab es schon früher, aber erst der große Invasionskrieg 2022 hat diese europäische Katastrophe so richtig in das Bewusstsein der Deutschen gehoben. So gibt es einiges aufzuholen. Mit dem neuesten Buch aus der Reihe Ukrainian Voices wird man direkt mit den Lebensrealitäten der Ukrainerinnen damals wie heute konfrontiert.

Zwölf Frauen berichten in dem Band, wie sie die Ereignisse 2014 auf der Krym erlebt haben. Etwa die ukrainische Journalistin Iryna Siedova. Sie beginnt ihren Text mit den Worten: „Für mich persönlich begann die Besetzung der Krim am 22. Februar 2014, als wir auf dem Platz von bezahlten Schlägern angegriffen wurden und eine aufgebrachte Menge uns unter „Russland“-Rufen lynchen wollte.“ Die Journalistin berichtete damals aus Kertsch, einer Stadt ganz im Osten der Halbinsel Krym. Sie sieht mit ihren eigenen Augen, wie die Russen ohne Hoheitsabzeichen auf die Krym kommen. Spricht mit ihnen. Erst haben die Soldaten keine Scheu zu erzählen, wer sie sind. Doch nach den ersten Berichten nehmen sie die russischen Kennzeichen von ihren Fahrzeugen und reden nicht mehr mit Journalisten. Und schon bald wird es für Siedova zu gefährlich.

Viele solcher Berichte sind in dem Buch. Das Ankommen der Russen war für die Menschen auf der Krym offen zu sehen. Und das hatte schnell direkte Konsequenzen. Schon sehr bald wurde nicht mehr mit Hrywnja, sondern mit Rubel bezahlt. In den Schulen sollte nun die russische anstatt der ukrainischen Nationalhymne gespielt werden. Violetta Kukuruza beschreibt, wie sie dies als Demütigung empfunden hat. Sie schreibt: „Ich wollte tief Luft holen, schreien, schubsen und weglaufen. Ich fühlte mich von meiner Lehrerin und meinen gehorsamen Klassenkameraden verraten.“

Für Kinder ist die Besatzung ein besonders schlimmes Trauma. Vor allem die der Krymtataren. Ein Text des Buches widmet sich diesen Kindern und den Familien. Absatz für Absatz, Zeile für Zeile werden Einzelschicksale beschrieben, Familien, bei denen die Väter oder sogar beide Elternteile verhaftet werden. Das, was Stalin den Krymtataren 1944 angetan hat, wiederholt sich nun unter Putin.

Besonders schmerzhaft zu lesen sind die Passagen, in denen ein Riss durch die eigene Familie oder Freundschaften gehen, zwischen pro-ukrainisch und pro-russisch. Dass die Elterngeneration etwas von Banderowzy redet und eine Mutter von der Krym ihrer Tochter, die in Kyjiw lebt, die russische Propaganda runterbetet und sich nichts anderes erzählen lassen will. Oder die herzzerreißende Geschichte einer Ukrainerin von der Krym, die für mehrere Jahre nach Russland geht – nicht, weil sie es will, sondern weil sie keine andere Wahl hat – und davon träumt, wieder in die Ukraine zurückkehren zu können, sich aber schämt und befürchtet, in der Ukraine nicht mehr willkommen zu sein. Spoiler: Sie wird dort mit offenen Armen aufgenommen.

Dieses Buch zeigt, wie der Krieg 2014 begann – und wie wenig davon hier lange wahrgenommen wurde. Nach der Lektüre bleibt kein Zweifel daran, was auf der Krym geschehen ist. Wer verstehen will, wie dieser Krieg wirklich begann, sollte diese Stimmen lesen.

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