
Liebe Freunde Osteuropas! Die russische Schriftstellerin Natalja Kljutscharjowa hat sich von Anfang an gegen den Krieg gestellt und musste deshalb aus ihrer Heimat fliehen. Über das Ankommen in einem fremden Land und das innere Zerrissensein schreibt sie in ihrem neuen Buch.
Ich gebe es zu. Auch ich erwische mich öfters bei den wütenden Gedanken über „die Russen“, die all das Unglück über die Ukraine und irgendwie auch über Europa gebracht haben, durch ihren Krieg, den sie 2014 gegen die Ukraine begonnen und 2022 vollkommen eskaliert haben. Dabei gibt es auch Russinnen und Russen, die gegen den Krieg sind, die so denken, wie wir in Deutschland. Die Putin verteufeln. Eine davon ist die Schriftstellerin Natalja Kljutscharjowa.
Vor zwei Jahren hat sie bereits ein Buch mit dem Titel „Tagebuch vom Ende der Welt“ veröffentlicht. Das spielt noch komplett in Russland und lässt uns hautnah mitfühlen, wie es ist, gegen den Krieg zu sein, gegen das Putin-Regime, aber eben in Russland zu leben. Kljutscharjowas neues Buch „Woher kommst? Tagebuch einer Geflüchteten“ beginnt in Russland. Die Autorin inszeniert noch Theaterstücke, doch sie wird bereits beobachtet und was sie auf die Bühne bringt, wird teilweise argwöhnisch beobachtet. Im Internet gibt es Denunzianten. Es wird zu gefährlich für sie. Mit den Kindern verlässt sie das Land und geht nach Deutschland.
Doch Abstand von dem Ganzen findet sie nicht. In der Schlange für Lebensmittel steht sie hinter Ukrainerinnen aus Mariupol. Sofort schämt sie sich, will gar nicht erst, dass man merkt, dass sie Russin ist. Auf die Frage „Woher kommst du?“ gewöhnt sie sich später an, zu antworten: „Meine Muttersprache ist russisch.“ So sagt sie direkt die Wahrheit und umschifft das Unangenehme, zugeben zu müssen, aus dem Land zu kommen, dass so unfassbares Leid über die Ukrainer gebracht hat.
Ukrainern lässt sie in ihrem Tagebuch auch immer wieder Raum. Sie berichtet von Einzelschicksalen, von denen sie im Internet oder in Deutschland erfährt. Etwa von Weronika Koschuschko, eine 18-jährige Künstlerin aus Charkiw, die im August 2024 bei einem russischen Bombenangriff getötet wurde. Oder von Wolodymyr Vakulenko und Victoria Amelina. Sie nennt die drei nicht beim Namen, doch wer genauer verfolgt, was in der Ukraine alles geschieht, kennt die Geschichten dieser drei Künstler.
Es geht natürlich ebenso um Kljutscharjowas Ankommen in Deutschland. Was ihr auffällt in den Städten, ihr Besuch der Migrationskurse, in der sie immer wieder den gleichen Satz vervollständigen soll: „Im neuen Land werde ich nie…“ Die Gedanken darüber, was für sie Heimat ist. Am Ende ist es vor allem ihre Sprache.
Ich muss zugeben, bei der Lektüre des Buches hatte ich weniger Mitgefühl mit Kljutscharjowa als bei ihrem vorigen Buch „Tagebuch vom Ende der Welt“ von 2023. Denn man muss sich das auch erstmal vorstellen. Ich bin Deutscher, lebe in Frieden. Wer bin ich, den Russen Vorhaltungen zu machen, wenn ich selbst nicht in Russland lebe. Wie würde ich denn dort reagieren? Für ein paar Minuten mit einem Plakat auf einem Platz stehen, nur um dann für Jahre hinter Gittern zu landen? Doch warum habe ich nun weniger Mitgefühl? Ich denke, je länger dieser Krieg dauert, desto mehr stumpfe ich ab. Das Leid der Ukrainer ist mittlerweile so unermesslich groß, dass das Schicksal der Russen mich nur noch mit den Achseln zucken lässt. Dabei ist das sicher nicht der richtige Weg.
Kljutscharjowa liefert wieder ein Buch ab, in das sie uns ganz tief in ihre Gefühlswelt eintauchen lässt. Wie fühlt es sich an Russin zu sein und mit all dem klarkommen zu müssen, was das eigene Volk gegen den Nachbarn anrichtet? Wer sich dieser Welt nicht ganz verschließen will, dem sei das Buch wärmstens empfohlen.
Hinterlasse einen Kommentar