Liebe Freunde Osteuropas! Heute stelle ich euch die neu erschienenen Romane & Gedichtbände aus und über Osteuropa vor. Es ist diesmal eine ganze Menge, und erfreulicherweise Vieles auf Deutsch. Einiges aus der Ukraine, aber auch aus Polen, Tschechien, der Slowakei, Russland, Serbien …

Und wie immer geht es erst mit der Ukraine los. Der Erzählband „Sieben Pralinen aus Heidelberg“ von Hanna Osadko entstand während ihres Aufenthalts als Stipendiatin in Heidelberg im Jahr 2023. In sieben miteinander verbundenen Geschichten verarbeitet die Erzählerin den Tod ihres Mannes, der im Juli 2022 im Krieg gegen Russland gefallen ist. Jede Erzählung ist symbolisch mit einer handgefertigten Praline verbunden und steht für eine besondere Erinnerung aus ihrem gemeinsamen Leben – etwa an Reisen, den Familienalltag mit ihren Kindern oder kleine, glückliche Momente des Zusammenlebens. Die Pralinen werden so zu Trägern von Erinnerungen, die zugleich zerbrechlich und kostbar sind. Durch diese Rückblicke versucht die Erzählerin, ihre Trauer zu bewältigen und die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden. Das Buch zeigt, wie persönliche Erinnerungen helfen können, Verlust zu verarbeiten und die Liebe zu einem verstorbenen Menschen lebendig zu halten.

Den Gedichtband „Dasein: Verteidigung der Präsenz“ von Yaryna Chornohuz hat der Mauke-Verlag im Februar rausgebracht. Dieser versammelt 35 Gedichte, in denen die ukrainische Autorin ihre Erfahrungen mit dem Krieg und dessen Auswirkungen auf das persönliche Leben verarbeitet. Chornohuz schreibt aus unmittelbarer Nähe zum Verteidigungskampf der Ukraine und beschreibt in klaren, oft schonungslosen Bildern den Alltag an der Front, den Verlust von Freunden, die ständige Präsenz von Gewalt und die psychische Belastung des Krieges. Gleichzeitig geht es in den Gedichten auch um Liebe, Erinnerung und die Frage, wie sich menschliche Nähe und Identität unter extremen Bedingungen behaupten lassen. Anstatt heroische Kriegsbilder zu zeichnen, richtet sich der Band gegen jede Form von Verklärung und besteht auf einer ehrlichen Darstellung dessen, was Krieg für die Menschen bedeutet, die ihn erleben. Die Gedichte wirken dadurch konzentriert und hart, als seien sie selbst durch die Realität des Krieges geprägt und gehärtet.

Und noch eine Ukrainerin hat sich mit dem russischen Krieg gegen ihr Land beschäftigt. In ihrem Buch „41515 Wörter/слов: Reise durch die Stille zwischen Erinnerung und Krieg“ versammelt Vera Martynov autobiografisch geprägte Notizen, die sich stellenweise zu einem Theatertext verdichten und dann wieder in tagebuchartige Reflexionen übergehen. Darin setzt sich die Autorin mit ihrer Biografie zwischen Russland und der Ukraine auseinander: Ihre Familie stammt aus dem Donbass, sie selbst wuchs in der Südukraine auf und lebte lange in Moskau. Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs beschreibt sie den Verlust ihrer bisherigen Lebenswelt und die Suche nach einer neuen Orientierung zwischen Erinnerung, Identität und politischer Realität.

Und dann haben wir noch den neuen Roman der ukrainischen Ärztin, Journalistin und Schriftstellerin Iryna Fingerova. Ihr Roman „Zugwind“ erzählt vom Leben der jungen Hausärztin Mira Zehmann, die aus Odesa stammt und mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Deutschland lebt. Als in ihrer Heimat der Krieg ausbricht, gerät ihr Leben aus dem Gleichgewicht: In ihrer Praxis betreut sie viele ukrainische Geflüchtete und wird mit deren Sorgen, Trauer und Hoffnungen konfrontiert, während sie selbst mit Schuldgefühlen, Wut und Heimweh ringt. Schließlich wächst in ihr der Wunsch, nach Odesa zurückzukehren, um ihre Familie wiederzusehen und einen Weg zu finden, mit der Situation umzugehen.

MDR Kultur hat ein längeres Interview mit der Autorin zu ihrem Buch geführt. https://www.mdr.de/kultur/podcast/trifft/iryna-fingerova-audio-100.html

Und nochmal Ukraine. Der Autor Yevgeniy Breyger stammt aus Charkiw, sein Langgedicht „hallo niemand“ spielt jedoch in Deutschland und Österreich. Darin erzählt er von einem absurden Roadtrip: Ein Erzähler fährt in einem roten Audi A6 von Österreich nach Deutschland mit dem Ziel, Bundeskanzler zu werden. Auf seiner Reise hält er an Raststätten und Parkplätzen, gerät in Demonstrationen und begegnet unterschiedlichen Figuren – von Geistlichen bis zu realen Politikerinnen und Politikern wie Gregor Gysi, Olaf Scholz und Alice Weidel. In satirischen und zugleich poetischen Szenen verbindet das Buch politische Beobachtungen mit Fragen nach Identität, Religion und Sexualität und zeichnet so ein groteskes Panorama der deutschen Gegenwart.

Der ukrainische Schriftsteller und Literaturhistoriker Tymofiy Havryliv wurde schon mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Jetzt hat er ein 72 Seiten schmales Buch im Eigenverlag veröffentlicht. Der Erzählband „Kaska und die Metapher“ versammelt acht Geschichten, in denen Schreiben selbst zur Naturgewalt wird – Zwang, Rettungsleine, Fluch und zugleich einzige Form von Freiheit. Die Figuren bewegen sich zwischen Provinzhotels, Lesesälen, Poesiefestivals und Behörden und geraten in den Sog von Sprache, Ruhm, Erinnerung und der stillen Angst, spurlos zu verschwinden.

Und die deutsche Autorin Ulrike Almut Sandig hat für ihren neuen Roman als Schauplatz die Ukraine gewählt. Ihr Roman „Im Orkan“ spielt in der fiktiven ukrainischen Küstenstadt Wolnopol. Über Nacht verwandeln künstlich anmutende Stürme die Stadt in eine existenzielle Bedrohung, die wie ein Symbol für politische und gesellschaftliche Gewalt wirkt. Im Zentrum steht Maksym, der als Dealer synthetischer Drogen Karriere macht, während sein Großvater Bohdan, ein Gulag-Überlebender, und seine Mutter Nadia, Herzchirurgin, versuchen, ihn vor den Spuren der sowjetischen Diktatur zu bewahren. Während die Stadt im Chaos versinkt, gerät auch die Familie in eine Spirale aus Macht, Abhängigkeit und Gewalt. Sandig nutzt diese Geschichte, um existenzielle Fragen über Freiheit, Solidarität und die Folgen historischer Gewalt zu verhandeln.

Der Band „Die Flucht der Bärin“ von Joanna Bator versammelt 16 unheimliche, miteinander verflochtene Geschichten. Sie erzählen von verlorener Liebe, geheimnisvollen Orten wie dem leerstehenden Hotel Sudeten und seltsamen Begegnungen, bei denen Realität und Zwischenwelt oft ineinander verschwimmen. Die Figuren tauchen in wechselnden Perspektiven auf, sodass der Leser nach und nach ihre Geschichten entdeckt, sich dabei aber gleichzeitig immer tiefer in ein labyrinthartiges, zwielichtiges Spiegellabyrinth aus Wahrheit, Traum und Irritation verliert. Auch wenn die Handlung nicht direkt in Osteuropa spielt, ist der Band stark geprägt von ostmitteleuropäischer Mentalität, Kultur und literarischer Tradition: Bators klare, dichte Erzählweise, ihre Beschäftigung mit Traum, Trauma und verlassenen Orten sowie die psychologische Vielschichtigkeit der Figuren spiegeln typische Themen der osteuropäischen Literatur wider.

Der Roman „Das schönste aller Leben“ von Betty Boras erzählt die Geschichten zweier Frauen, deren Leben durch die Banater Erde verbunden sind. Kurz nach dem Sturz der Diktatur flieht Vio mit ihren Eltern aus dem rumänischen Banat nach Deutschland, wo sie sich anpassen und ihren Platz in der Gesellschaft finden muss. Jahre später wird ihre Tochter bei einem Unfall verletzt, was Vio vor existenzielle Selbstzweifel stellt. Parallel dazu lebt im 18. Jahrhundert Theresia, die einen hohen Preis dafür zahlt, begehrenswert zu gelten, und von einer Keuschheitskommission entrechtet und verschleppt wird. Boras verwebt so historische und moderne Perspektiven, um Herkunft, Mutterschaft, Schönheitsideale und die kulturelle Prägung durch das Banat zu thematisieren und zeigt, wie Schmerz und Schönheit über Generationen hinweg verbunden bleiben.

Und aus Serbien ist im Februar auch etwas dabei. Der Roman „Uppercut“ von Maja Iskra erzählt die Emanzipationsgeschichte einer jungen Frau, die heute in Wien lebt, sich aber an ihre Kindheit im Belgrad der 1990er Jahre erinnert. Der Krieg im Hintergrund ist nur als Rauschen spürbar, doch das Leben auf der Straße, in der Schule und zu Hause ist hart und von Gewalt geprägt. Gleichzeitig lernen die Mädchen, einander zu respektieren, zu unterstützen und nicht aufzugeben. In einem telegrafischen, energiegeladenen Stil voller popkultureller und literarischer Referenzen zeichnet der Roman den Weg einer ganzen Generation, die sich trotz schwieriger Umstände behauptet.

Und aus der Slowakei: Der Kurzgeschichtenband „Alles in Ordnung, Liebe überall“ von Michal Tallo versammelt Geschichten, die zwischen Realität und Traum angesiedelt sind. Tallo erzählt von Orten und Situationen, die gleichzeitig konkret und surreal wirken: eine sterbende Siedlung, seltsame Konstruktionen in der Nacht, eine Konditorei, in der Männer weinen, oder ein Gassigang, der zum Anfang vom Ende wird. Mit dichter, körpernaher Sprache zeigt er Erschöpfung, Überforderung und existentielle Grenzerfahrungen des modernen Lebens. Die Geschichten tragen die Leser:innen in Räume, aus denen man nicht entkommen kann, weil sie innerlich verankert sind, und machen deutlich, warum Tallo zu den markantesten Stimmen der slowakischen Gegenwartsliteratur zählt.

In Tschechien war es 2025 das Debüt des Jahres, jetzt ist es ins Deutsche übersetzt worden. Der Roman „Pfingsten: Erinnerungen an ein Ende der Welt“ von Miroslav Hlaučo spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts in St. Georg, einem Ort, an dem Wunder zum Alltag gehören: Menschen sprechen mit Heiligen, gehen über Wasser und zerbrechen Steine mit einem Pfiff. Als der totgeglaubte Odysseus nach fünfzehn Jahren zurückkehrt, geraten Ordnung, Glaube und Erinnerung ins Wanken, während die stille Julia sowohl an ihm als auch an seinem Bruder interessiert scheint. Hlaučo verwendet Motive des magischen Realismus, um eine Welt an der Schwelle zur Moderne zu zeigen, in der das Mystische auf das Mechanische trifft. Alte Wunder funktionieren noch, doch die Zeit drängt, und Franz Rechnitz, ein junger K.u.K.-Notar, will St. Georg „ordnungsgemäß“ ins neue Jahrhundert führen. Der Roman ist vielstimmig, reich an Details, humorvoll und reflektiert den Übergang von Tradition zu Moderne.

Ebenso aus Tschechischen übersetzt ist der Band „Mit Wittgenstein in der Schwulensauna“ von Vratislav Maňák. Er verbindet soziologische Analyse und literarische Essays, um Aspekte schwulen Lebens im heutigen Mitteleuropa zu untersuchen. In sieben Texten reflektiert Maňák über Identität, Begehren, Körpererfahrungen und Grenzen von Männlichkeit. Er besucht dafür sogenannte gay spaces in Städten wie Berlin, Wien und Budapest und bezieht sich auf Denkfiguren wie Ludwig Wittgenstein, Didier Eribon oder Claudio Magris, um männliche Homosexualität jenseits von Stereotypen zu beleuchten.

Der Roman „Die Wasserwandler“ von Sabine Zaplin erzählt von Siedlern aus dem Schwarzwald, die im späten 18. Jahrhundert auf Holzschiffen über die Donau in das damalige Ungarland auswandern, um eine bessere Zukunft zu finden. Die Rahmenhandlung verbindet die Geschichte des jungen Sami, der von Mobbing geplagt wird, mit den Erzählungen einer alten Frau über ihre Vorfahrin Anna und deren beschwerliche Reise als Donauschwäbin. Dabei werden Gefahren auf dem Fluss, harte Lebensbedingungen und Durchhaltevermögen thematisiert. Der Roman schlägt so einen Bogen von historischen Migrationserfahrungen der Donauschwaben bis zu aktuellen Migrationsgeschichten, und hat damit einen klaren Osteuropa-Bezug.

Und ja, es werden noch Romane russischer Autor:innen ins Deutsche übersetzt. Etwa den der Roman „Eisen“ von Gusel Jachina. Er ist eine literarische Biografie von Sergej Eisenstein, dem berühmten sowjetischen Filmregisseur. Die Geschichte beginnt 1924, als Eisenstein erstmals einen Schneideraum betritt und in einem Russland, das an allem Mangel hat – Drehbüchern, Regisseuren und Filmmaterial –, beginnt, Filme zu „sowjetisieren“, die aus Deutschland und den USA importiert werden. Eisenstein entwickelt schnell meisterhafte Techniken, schafft sowohl furchtbare Propagandafilme als auch weltberühmte Kunstwerke. Zugleich begleitet den Leser seine innere Zerrissenheit zwischen kreativer Vision, politischen Anforderungen und persönlicher Unsicherheit. Der Roman ist damit sowohl eine detaillierte Charakterstudie als auch ein Panorama der sowjetischen Filmgeschichte und der komplexen Beziehung zwischen Kunst und Macht.

Der Roman „Text“ von Dmitry Glukhovsky ist ein Gesellschaftsroman und Psychothriller zugleich. Im Herbst 2016 kehrt Ilja nach sieben Jahren Straflager nach Moskau zurück und muss feststellen, dass sich sein Leben vollständig verändert hat: Seine Mutter ist gestorben, seine Freundin mit einem anderen zusammen. In seiner Verzweiflung tötet er im Affekt den Fahnder, der ihn damals zu Unrecht eingesperrt hatte. Durch das Handy des Opfers stößt Ilja auf dessen verstörende Vergangenheit und beginnt, Nachrichten an dessen Angehörige zu schreiben. Dabei verschmilzt seine Identität zunehmend mit der des Getöteten. Der Roman behandelt Themen wie Macht, Korruption, Schuld und die Fragilität der eigenen Identität.

Der Erzählband „Ein zweites Leben“ des russischen Schriftstellers Gaito Gasdanow (1903-1971) versammelt Geschichten über Menschen im Exil, deren Identität durch neue, ungewohnte Umgebungen und Lebensumstände erschüttert wird. Gasdanows Prosa behandelt Schicksale, die sich unerwartet verändern, Umkehr und Neuausrichtung erfahren oder im Rückblick in neuem Licht erscheinen. Die Texte erzählen von einem Opernsänger, der von einer tropischen Krankheit überrascht wird, einer schönen Rumänin, die nach dem Krieg in Italien ein neues Leben beginnt, und einem reichen Mann, der den Wunsch verspürt, arm zu sein und aus seiner Villa auf die Straße zieht. Alle Geschichten kreisen um Umschwünge im Leben, die Identität, Sehnsüchte und Anpassung herausfordern.

Die Anthologie „Defiant Voices“ wurde vom russischen Schriftsteller Sergei Lebedev zusammengestellt und versammelt Kurzgeschichten aus zwei Jahrhunderten russischer Literatur. Sie fokussiert sich auf Exil, Widerstand, Ungehorsam und Überleben und zeigt, wie russische Schriftsteller:innen trotz Zensur, Krieg und Unterdrückung ihre Stimme erhielten. Die 864 Seiten starke Sammlung ist in fünf literarische Stränge gegliedert: klassische russische Literatur, Exilliteratur, zensierte und unzensierte sowjetische Literatur sowie post-sowjetische Texte. Die Geschichten stammen aus Samisdat, Gefängniszellen, Exil und direkter Konfrontation mit Repression, vom Zarenreich über Stalins Säuberungen bis zu Putins Propaganda.

Polen ist im Februar auch vertreten. Der Roman „Bergvögel“ von Zofia Nałkowska spielt in einem Sanatorium in den Schweizer Alpen zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Dort begegnet die polnische Erzählerin Gästen aus ganz Europa: einer sprachbegeisterten Engländerin, armenischen Geflüchteten, einem geheimnisvollen französischen Paar und den skeptischen Dorfbewohnern. Die Figuren pflegen ihre Gesundheit, führen Gespräche und versuchen, die majestätischen Bergvögel anzulocken. Nałkowska beschreibt die Alpenwelt und die Atmosphäre der Zeit virtuos und schafft ein beinahe traumhaftes Bild Europas zwischen den Kriegen.

Der Roman „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ von Judith Hermann folgt den Spuren von Hermann Großvater, der während des Zweiten Weltkriegs in Radom, Polen, für die SS stationiert war. Die Autorin verknüpft ihre literarische Arbeit mit dieser lange verleugneten Familiengeschichte und reist von Polen weiter nach Neapel, um das Erinnern und Vergessen innerhalb der folgenden Generationen zu erkunden. Hermann legt den Fokus auf das Verdrängte und die Leerstellen in der Gesellschaft, schildert mit feiner Erzählkunst, wie fragile Lebenswelten gestaltet werden, und zeigt zugleich die Schönheit und Magie, die sich trotz dieser Brüche in persönlichen und kollektiven Geschichten entfalten kann.

Der Roman „Geordnete Verhältnisse“ von Lana Lux ist nach zwei Jahren nun in der Taschenbuchausgabe erschienen. Das Buch erzählt die Geschichte von Faina, die ihre Heimat verlassen muss und in einer deutschen Kleinstadt landet. Dort lernt sie den Jungen Philipp kennen, der ihr Deutsch beibringt und ihr den Umgang mit der neuen Umgebung erklärt. Jahre später steht Faina als schwangere, verschuldete Frau vor Philipps Tür, der nun ein anderes Leben führt. Der Roman behandelt Themen wie Migration, Integration, Machtverhältnisse, Wut, Obsession und weibliche Selbstbestimmung, und zeigt, wie sich persönliche Beziehungen unter Druck von gesellschaftlichen und finanziellen Umständen entwickeln.

Und aus Belarus: Der Band „Wörterbuch einer Nomadin“ von Volha Hapeyeva ist ein poetisches, persönliches und politisches „Wörterbuch“ über die Nomadenjahre der Autorin zwischen Belarus, Deutschland, Kreta und Japan. Einzelne Wörter dienen als Ausgangspunkte für Reflexionen über Sprache, Identität, Zugehörigkeit und Freiheit. Hapeyeva behandelt Fragen nach Heimat und Fremdsein, nach Geschlecht und Patriarchat sowie nach den Grenzen, die Pässe, Staaten und gesellschaftliche Zuschreibungen dem Leben setzen. Ihr Buch ist damit ein experimentelles, poetisches Nachdenken über das Menschsein in einer globalisierten Welt.

Und vom belarusischen Autoren Sasha Filipenko gibt es gleich zwei Bücher. Einmal der Roman „Die Elefanten“, in dem es um eine Stadt geht, in der plötzlich Elefanten aus dem Nichts auftauchen und mitten unter den Menschen leben. Die Bevölkerung reagiert darauf mit Gleichgültigkeit und geht ihrem Alltag nach, als hätte sich nichts verändert. Einzig der Stand-up-Comedian Pawel weigert sich, die Situation zu ignorieren. Er fordert die Menschen auf, sich der Realität zu stellen, und setzt dabei sein Leben, seine Freiheit und seine Liebe zu Anna aufs Spiel. Der Roman arbeitet allegorisch und behandelt Themen wie Leugnung, Mut, individuelle Verantwortung und Widerstand gegen gesellschaftliche Gleichgültigkeit.

Und passend dazu ist Filipenkos 2023 in Deutsche übersetzte Roman „Kremulator“ als Taschenbuch erschienen, Das Buch erzählt die Geschichte von Pjotr Nesterenko, dem Direktor eines Moskauer Krematoriums in der Stalin-Zeit. Nesterenko kennt den Tod aus nächster Nähe: Er hat Abweichler, angebliche Spione und einstige Revolutionshelden eingeäschert, die den stalinistischen Säuberungen zum Opfer fielen. Er ist überzeugt, selbst nicht sterben zu können, nachdem er so oft knapp dem Tod entronnen ist. Doch als der Tag seiner eigenen Verhaftung kommt, steht er erneut vor der Frage, ob er diesmal entkommen wird. Der Roman verbindet historische Ereignisse mit existenzieller Spannung und wirft einen Blick auf Macht, Schuld und Überleben in totalitären Zeiten.

Der Band „Die Liebe kommt immer zu spät: Drei Reisen“ von Karl-Markus Gauß versammelt drei Reiseerzählungen zu den Rändern Europas. In Bosnien sucht Gauß die Spuren einer multikulturellen Welt und erinnert an seinen verstorbenen Freund Dževad Karahasan. In Slowenien verfolgt er die Lebenswege zweier außergewöhnlicher Frauen – einer Anwältin, die zwischen den Geschlechtern lebte, und einer kleinwüchsigen Schriftstellerin, deren Werke weltweit gelesen wurden. Die dritte Reise thematisiert historische und kulturelle Verbindungen zwischen Orten wie Bruck an der Mur, Beloiannisz und dem Peloponnes und zeigt, wie sich europäische Geschichten, Geschichte und Identität über Ländergrenzen hinweg verflechten.

Mehr als 30 Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen auf Deutsch hat der Unionsverlag den Roman „Unter dem Sternbild der Trauer“ des russisch- und tschuktschischsprachigen Schriftsteller Juri Rytchëu in einer Neuausgabe herausgebracht. Der Roman spielt 1934 auf der abgelegenen Wrangelinsel im Arktischen Ozean, wo eine sowjetische Forschergruppe ihr Lager aufschlägt. Unter der rücksichtslosen Leitung des Expeditionschefs gerät das Leben der Inselbewohner in Gefahr. Der Schamane Analko erlebt, wie seine Familie und seine Gemeinschaft unter den Veränderungen leiden, die die Fremden bringen. Mit dem nahenden Winter und knapper Nahrung droht die Situation zu eskalieren. Rytchëu schöpft für den Roman sowohl aus den Erzählungen seiner Stammesgenossen als auch aus Akten eines damaligen Moskauer Prozesses. Daraus entsteht ein intensives Porträt des Zusammenpralls zweier Kulturen, das die Spannungen zwischen den indigenen Menschen der Arktis und der sowjetischen Macht eindringlich zeigt. Es ist eine Geschichte über Überleben, kulturelle Identität und die Auswirkungen kolonialer Strukturen in extremen Lebensumständen.

Der Roman „Wir Töchter“ von Oliwia Hälterlein erzählt die Geschichte von drei Generationen von Frauen: der Großmutter Marianna, die am Ende des Zweiten Weltkriegs als Bäuerin aufwächst, ihrer Tochter Róza, die Polen Ende der 1980er Jahre verlässt, und der Enkelin Waleria, die im wiedervereinigten Deutschland aufwächst. Der Roman verbindet Alltag, Erinnerung, Körper und Sprache und thematisiert die Fragen von Herkunft, Muttersprache, Familienverpflichtungen und verlorenen Geschichten, insbesondere die von Frauen, die oft ungesagt bleiben. Hälterlein zeigt poetisch, wie die Erfahrungen und Schicksale der Frauen über Generationen hinweg miteinander verbunden sind.

Der Roman „Das gute Leben“ von Nadine Schneider erzählt die Geschichte von vier Generationen von Frauen und handelt von Abschied, Neuanfang und der Arbeit des Lebens. Im Spätsommer erbt Christina das Haus ihrer Großmutter Anni in einem kleinen Dorf bei Nürnberg. Anni war Mitte der 1960er Jahre aus Rumänien nach Deutschland geflohen, hat ihr Kind und Enkelkind alleine großgezogen und beim Quelle-Versand gearbeitet, um Armut, Einsamkeit und Fremdsein zu überwinden. Während Christina sich von Anni und dem Haus verabschiedet, taucht sie in Erinnerungen ein, besucht das inzwischen verlassene Versandzentrum und erkennt nach und nach, welche Freiheit und welches Lebensverständnis sie ihrer Großmutter verdankt. Der Roman reflektiert über Familie, Herkunft, die Kraft der Generationen und die Suche nach dem Ort, an dem das „gute Leben“ wirklich zu Hause ist.

„Gestern ist nicht vorbei: Eine Familiensaga“ von Gisela Frey erzählt die Geschichte von Cornelius Regier, der 1743 in Westpreußen als viertes Kind einer mennonitischen Familie geboren wird – und als erstes überlebt. Die Familie gehört einer evangelischen Freikirche an und erlebt immer wieder Unterdrückung und Verfolgung. Cornelius verliebt sich früh in Greta, wird Prediger und später Ältester der Gemeinde. Die Saga spannt sich über die historischen Auswanderungen der Mennoniten: Unter Katharina der Großen folgt Cornelius der Aufforderung, nach Russland, in das heutige Gebiet der Ukraine, auszuwandern. Die Umsiedlung bringt große Herausforderungen mit sich, und Cornelius muss sich schwierigen Entscheidungen stellen, um seine Familie und die Gemeinde zusammenzuhalten.

„She Made Herself A Monster“ von Anna Kovatcheva, einer in Bulgarien geborenen Autorin, spielt in dem fiktiven osteuropäischen Dorf Koprivci. Yana, eine erfahrene Vampirjägerin, kommt ins Dorf, das seit Jahren von einem Fluch heimgesucht wird. Anka, deren Eltern in der Nacht ihrer Geburt starben, gilt als Ursache des Unglücks. Doch Anka steht zudem vor einem erzwungenen Heiratszwang, der ihre Freiheit bedroht. Als Leichenteile von Tieren und blutgefüllte Eier auftauchen, steigt die Panik unter den Dorfbewohnern. Yana und Anka schließen widerwillig Bündnis, um sowohl Anka als auch das Dorf vor dem drohenden Schicksal zu retten. Doch der Plan entwickelt ein eigenes, unheimliches Leben. Der Roman verbindet düstere Fantasy, Horror und feministische Themen, während er die Spannungen und Traditionen eines osteuropäischen Dorfes aufgreift.

Osteuropa-Bezug hat der neue Roman „Die Dachgeber“ der österreichischen Schriftstellerin Isabella Maria Kern nur am Rande. Sie erzählt die Geschichte von Hermine, die 1940 als Achtjährige ihre Mutter verliert und deren Vater sowie ältere Brüder im Zweiten Weltkrieg fallen. Als Waisenkind wird sie bei entfernten Verwandten aufgenommen, flieht jedoch, als „Onkel Heinrich“ Interesse an ihr zeigt, und findet Aufnahme auf einem großen Bauernhof. Nach Kriegsende hofft Hermine weiterhin auf die Rückkehr ihres jüngsten Bruders Josef, der 1948 aus russischer Gefangenschaft flieht und sich zu Fuß über Polen und die Tschechoslowakei zurück nach Oberösterreich begibt. Die Geschichte basiert teilweise auf Erzählungen des Onkels der Autorin und steht exemplarisch für das Schicksal vieler Waisenkinder und Frauen in dieser Zeit. Das Buch ist eine Mischung aus historischen Ereignissen und persönlichen Schicksalen und vermittelt trotz des schweren Hintergrunds eine Botschaft der Hoffnung.

Der Kriminalroman „Wenn Ende gut, dann alles“ von Volker Klüpfel ist jetzt auch als Taschenbuch zu haben. Der Roman ist der Auftakt der Reihe „Svetlana und Tommi ermitteln“. Die Geschichte beginnt, als Tommi, ein junger angehender Bestsellerautor, und seine ukrainische Putzfrau Svetlana, die russische Literatur liebt, ein kleines Mädchen am Waldrand finden. Ihre unkonventionelle und teils tollkühne Suche nach der Mutter des Kindes führt sie auf die Spur eines schrecklichen Verbrechens und bringt sie selbst in große Gefahr. Der Roman verbindet Spannung, Situationskomik und schwarzen Humor und präsentiert ein Duo, das durch seine unterschiedlichen Hintergründe und Persönlichkeiten sowohl emotional als auch witzig agiert.

Der Thriller „Das Riga-Komplott“ von Thomas Wörtche ist ein politischer Agentenroman, der im Kontext des neuen Kalten Krieges und der postsowjetischen Spannungen spielt. Die Handlung folgt Ari Falk, einem CIA-Offizier in Riga, und Maya Chou, der Tochter eines russisch-amerikanischen Multimilliardärs, die zusammen durch Europa und schließlich nach Moskau reisen, um Verschwörungen, Machtspiele und kriminelle Machenschaften aufzudecken.

Avatar von thomasleurs

Published by

Categories:

Hinterlasse einen Kommentar