
Liebe Freunde Osteuropas! Wir Deutschen haben mit der Ukraine mehr zu tun, als viele denken. Der Historiker Martin Schulze Wessel hat dazu das hervorragende Buch „Die übersehene Nation“ herausgebracht. Und beeindruckt mit großer Detailfülle und angenehmer Lesbarkeit.
Stellt euch vor, ihr wohnt am Rande eines Dorfes, direkt am Waldrand. Ihr geht oft in dem Wald spazieren, kennt die Wege und gefühlt fast jeden Baum. Und nach ein paar Jahren entdeckt ihr einen neuen Pfad, der euch nie aufgefallen ist und geht ihn zum ersten Mal. In diesem euch so vertrauten Wald entdeckt ihr plötzlich etwas ganz Neues. So hat es sich für mich angefühlt, das Buch „Die übersehene Nation: Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert“ des Historikers Martin Schulze Wessel zu lesen.
Wie der Titel schon sagt, geht Wessel mit uns die Beziehungen zwischen Deutschland und der Ukraine über die vergangenen zwei bis drei Jahrhunderte durch. Und da gibt es wirklich einiges zu erzählen. Vom 19. Jahrhundert, als noch Monarchien und autokratische Staaten in Europa das Sagen hatten und die Ukraine vor allem als ein Teil des russischen Zarenreichs gesehen wurde, aber mit einem eigenen Volk, dass man ermuntern konnte, unabhängig zu werden, um den „Koloss auf tönernen Füßen“ (Russland) kleinzukriegen.
Kein sehr erbauliches Kapitel ist das über den Zweiten Weltkrieg. Bekanntlich haben die Nazis in der Ukraine besonders schlimm gewütet. Was in dem Kapitel, aber auch immer wieder an anderen Stellen des Buches hervorsticht, sind die Bezüge zur Gegenwart. Etwa, als es um Stepan Bandera geht, nimmt Schulze Wessel Bezug auf das Interview von Tilo Jung mit Andrij Melnyk, das für Furore gesorgt hatte. Oder als es um die OUN geht, die ukrainischen Nationalisten, die mit den deutschen Nazis zusammengearbeitet haben, geht der Historiker auf die aktuellen Debatten und Fehlinterpretationen ein, die Organisation hätte mit den Nazis gemeinsame Sache gemacht. Wie so oft ist die Realität weitaus komplizierter und muss differenziert betrachtet werden.
Besonders erfreulich ist für mich, über den kulturellen und akademischen Austausch zwischen der Ukraine und Deutschland seit dem 20. Jahrhundert zu lesen, der mir bislang vollkommen unbekannt war. Oder hat von euch jemals was vom UWI gehört, dem 1926 in Berlin gegründeten Ukrainischen Wissenschaftlichen Institut? Schulze Wessel schreibt, dass das Institut eine bedeutende Publikationsleistung entwickelt hat und schreibt weiter, dass „die deutsche Osteuropa-Wissenschaft lange nicht an die Leistungen des UWI anknüpfen“ konnte.
Schulze Wessel erzählt aber nicht nur – extrem leserlich und spannend geschrieben – die einzelnen Episoden der beiden Länder chronologisch runter. Er stellt Verbindungen her und zeigt Linien und Kontinuitäten auf. Etwa, dass im Ersten Weltkrieg die Ukraine eigentlich als Kornkammer für das Deutsche Kaiserreich fungieren sollte, was schiefging. Man sich im Dritten Reich aber sehr gut daran erinnerte und es diesmal auf brutalere Weise wiederholte. Der Holodomor 1932/33, die von Stalin ausgelöste Hungersnot in der Ukraine, Kasachstan und Südrussland, der den Deutschen auch damals schon bekannt gewesen ist, war auch Vorbild für das Vorgehen der Nazis. Durch das gezielte Verhungern der Menschen konnte man eine Volksgruppe brechen.
Das Buch geht aber auch bis in die Gegenwart und die heutige Politik um Merkel und Scholz. Für aufmerksame und politisch interessierte Menschen steht nicht mehr so viel extrem Neues drin, aber es rundet dieses extrem gute Buch sehr gut ab.
Ich sage ja immer, ein Buch über Osteuropa ist gut, wenn ich daran etwas Neues gelernt habe. Selbst, wenn es nur ein kleines Detail ist. Bei „Die übersehene Nation“ habe ich so viel Neues dazugelernt, dass ich es in dieser Rezension gar nicht alles aufzählen könnte. Das Buch gibt einem so viele Details zur Geschichte, zu einzelnen Ereignissen oder Personen, bei ich direkt noch mehr erfahren wollte und will.
Für Ukraine-Interessierte ist dieses Buch ein Fest. Voller spannender Geschichten, Analysen, Querweisen. In meinem Monats-Update von November 2025, als das Buch erschienen ist, hatte ich geschrieben, dass es das ideale Buch für die „Was habe ich denn mit der Ukraine zu tun“-Fraktion ist. Das kann ich nach dem Lesen durchaus unterstreichen. Auch, wenn ich zugehen muss, wer solche Sätze sagt, interessiert sich grundsätzlich überhaupt nicht für die Ukraine.
Also: Wer sich für Geschichte interessiert und mehr über die deutsch-ukrainischen Beziehungen erfahren will, sollte sich das Buch unbedingt kaufen. Und wer lieber auf die Taschenbuch-Ausgabe wartet, die doch sicherlich bis Ende dieses Jahres kommen sollte, kann auch zu Schulze Wessels Vorgängerbuch „Fluch des Imperiums“ greifen. Da gibt es das Taschenbuch schon. Und auch eine Rezension von mir.
Hinterlasse einen Kommentar