
Liebe Freunde Osteuropas! Im Juni 2023 wurde die ukrainische Schriftstellerin Victoria Amelina allzu früh aus dem Leben gerissen. Vor einigen Wochen ist ihr Roman „Ein Zuhause für Dom“ auf Deutsch erschienen. Und bringt mit einer originellen die Idee dem Leser das Leben in den 1990ern nahe.
Denn es hat natürlich etwas, die Geschichte eine Familie im westukrainischen Lwiw in den schweren Zeiten der 1990er Jahre aus der Sicht eines Hundes zu erzählen. Das gelingt der Autorin auch sehr gut. Denn ein Hund Dominik – von allen nur Dom genannt – hat andere Eigenschaften als ein Mensch, zum Beispiel einen sehr guten Geruchssinn. So kann er praktisch die Geschichte der Stadt Lwiw erschnüffeln, was Menschen ohne lokale Geschichtskenntnisse entgeht. Der Hund ist aber auch als Erzähler der Geschichte an manchen Stellen gefühlt allwissend.
Am Anfang stellt er die einzelnen Familienmitglieder vor. Da ist der Großvater, ein pensionierter Oberst der sowjetischen Luftwaffe, seine Ehefrau Lilja – Großmutter Ba genannt – die ursprünglich aus Aserbaidschan stammt, deren Töchter Olja und Tamara, beide geschieden, mit deren Töchtern Marusja und Mascha. Alle leben sie zusammen in einer kleinen Altbauwohnung. Sie erleben zusammen die Umbruchzeiten, wie der Unterricht etwa Anfang der 1990er auf Ukrainisch umgestellt wird, die Lehrpläne sich ändern, die Familienmitglieder müssen zeitweise in einem Kiosk arbeiten, um über die Runden zu kommen.
Der Roman hat einen sehr schönen Erzählton und man kann durch die gute Übersetzung von Jutta Lindekugel erspüren, welches Talent die Ukraine durch den russischen Angriffskrieg verloren hat. Im Juni 2023 ist eine russische Rakete in ein Restaurant in Kramatorsk eingeschlagen, in dem sich auch Victoria Amelina befand. Sie wurde so stark verletzt, dass sie wenige Tage an ihren Verletzungen gestorben ist.
Doch so schön sich der Roman auch liest, so ruhig plätschernd ist teilweise die Handlung. Die ersten gut 150 Seiten habe ich mich gefragt, wohin der Roman eigentlich will. Es baut sich kaum ein Spannungsbogen auf. Es wird das Leben der Familie im Lwiw der 90er Jahre gezeigt – nicht mehr, und nicht weniger.
Eine der spannendsten Figuren ist für mich die kleine Mascha. Sie ist mit fünf Jahren erblindet und kann die Stadt Lwiw also nicht so erkunden und „sehen“, wie die anderen in der Familie. So wird Dom ihr inoffizieller Blindenhund, auch wenn er dafür nicht ausgebildet ist und Dom sich selbst auch als eher schlechten Blindenhund bezeichnet. Aber auch der Großvater, der einige Geheimnisse mit sich herumträgt, aber darüber dann doch recht schweigsam ist.
Auf der Plattform Goodreads bekommt das ukrainische Original größtenteils sehr gute Rezensionen. Was den Ukrainerinnen und Ukrainern an dem Roman anscheinend gefällt, ist, dass sie sich selbst und ihre eigene Familiengeschichte wiederfinden. Die Großeltern, die über die Vergangenheit lieber schweigen, die Generation danach, die in diesen Zeiten des Umbruchs versucht zu überleben und auch dafür das Land verlässt. Und die ganz junge Generation, die ganz unbedarft in diese Welt hineinwächst und mit kindlichen Augen auf diese Welt blickt ohne den Ballast der Vergangenheit.
So ist das Buch sicherlich eine wertvolle Bereicherung für den deutschsprachigen Buchmarkt, um den Menschen hier die Ukraine näherzubringen. Doch wie bei anderen ukrainischen Romanen vorher habe ich auch hier das Gefühl, vieles zu überlesen und nicht so zu erfassen, wie ich es sollte, weil mir der ukrainische Background als „Westler“ fehlt. Sicher ein Buch, dass ich ein paar Jahren, wenn mein Verständnis und Wissen über die Ukraine noch größer geworden sind, wieder lesen werde.
Also kurz gesagt: Ist kein extrem spannend erzählter Roman, aber durchaus sehr schön geschrieben und für Literaturliebhaber definitiv einen Griff ins Bücherregal wert. Vor allem, wenn ihr mehr über die Ukraine lernen wollt.
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