Liebe Freunde Osteuropas! Es kommt eher selten vor, dass ich das erste Buch eines mir neuen Autoren lese und er sofort zu eine meiner Lieblingsautoren aufsteigt. Der Ukrainer Ruslan Horovyj hat es mit „Was wir im Vorübergehen nicht sehen“ geschafft. Meine Rezension.

Der 1976 geborene ukrainische Schriftsteller Ruslan Horovyj hat schon eine beachtliche Anzahl an Büchern in seinem Heimatland veröffentlicht. Nun ist vor wenigen Tagen sein erstes Werk in deutscher Übersetzung im Mauke-Verlag erschienen. Es ist eine Sammlung von 13 Erzählungen, manche nur wenige Seiten lang, manche bis etwas mehr als 20 Seiten. Jede Geschichte ist anders und hat doch vieles mit den anderen gemeinsam.

Es sind Szenen aus dem Alltag der Menschen. Manchmal sind die Geschichten so kurz, bevor sie richtig anfangen, sind sie auch schon wieder vorbei. Und doch ist jede Erzählung für sich genommen rund, interessant geschrieben, packend und berührt mitunter das Herz. Da ist die junge Frau, die sich unbedingt ein Kind wünscht, und dann auch schwanger wird, und … mehr möchte ich nicht verraten. Ich verrate nur so viel: Das Ende ist nicht positiv. Diese kurze, traurige Geschichte über die junge Frau zeigt exemplarisch Horovyjs Fähigkeit, emotionalen Tiefgang in minimaler Länge zu erzeugen. Da ist der Großvater, der seinem Enkel von der Zeit erzählt, als die Nazis in die Ukraine kamen. Oder der junge Mann, der sich unsterblich in eine verheiratete Frau verliebt. Und die Geschichte über den Sohn, der ständig genervt ist, immer den mütterlichen Rat „Pass auf, pass auf“ zu hören.

Ich liebe es, Geschichten aus dem echten Leben zu lesen. Und genau das bietet dieses Buch. Dabei bleiben die Szenen oft minimalistisch. Der Fokus liegt auf den Figuren der Geschichte. In welcher Stadt die Geschichte spielt, zu welcher Zeit – all das lässt sich in den kurzen Erzählungen mehr erahnen, als dass es klar benannt wird. So entstehen Geschichten, die stark auf die Menschen ausgerichtet sind, und so besonders lebendig wirken. Ich habe ja auch das Buch „Drei Kuckucke und eine Verbeugung“, ein Erzählband des ukrainischen Schriftstellers Hryhir Tjutjunnyk (1931-1980), gelesen. Die Geschichten darin sind schon interessant, aber irgendwie plätscherten sie so vor sich hin, ohne dass sich für mich ein Spannungsbogen aufgebaut hätte. Horovyjs Erzählungen sind da ganz anders. Man wird ersten Sätzen sofort in die Geschichte reingezogen und will bei jedem Satz immer wissen, wie es nun weitergeht. Das ist wirklich ganz große Erzählkunst!

Eine zentrale Bewertung für mich persönlich darüber, ob ein Buch gut oder weniger gut ist, ist die Frage „Habe ich durch dieses Buch etwas Neues gelernt?“. Gut, bei fiktionalen Werken ist das etwas schwieriger als bei Sachbüchern. Bei Ersterem geht es nicht um Erkenntnisgewinn durch neue Informationen oder Meinungen und Sichtweisen, die einem bislang vielleicht nicht bekannt waren. Aber es gibt einem ein Gespür für Land und Leute. Und ukrainische Literatur kann es nie zu wenig in deutscher Übersetzung geben.

Und noch eine Beobachtung, die ich bei Tjutjunnyks Erzählungen – und auch bei Andrey Kurkovs frühen Werk „Picknick auf dem Eis“ – gemacht habe, aber bei Horovyj nicht. Bei Tjutjunnyk und Kurkow hatte ich beim Lesen das Gefühl, ich begreife die Geschichte nicht in seiner ganzen Bedeutung, weil mir als Deutscher einfach der Wissenshintergrund eines Menschen fehlt, der in der Ukraine aufgewachsen ist. Bei Horovyj war das nie der Fall. Auch ohne historisches Wissen über die Ukraine, sind die Kurzgeschichten klar zu erfassen. Auch der flüssig-packende Schreibstil trägt natürlich dazu bei.

Bleibt nur zu hoffen, dass das Buch viele Leser finden wird. Ich würde mich sehr freuen, wenn der Übersetzer des Buches, Jakob Wunderwald, auch noch ein weiteres Werk von Ruslan Horovyj ins Deutsche übersetzen kann. Das Lesen seines Buches macht auf jeden Fall Lust auf mehr.

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