Liebe Freunde Osteuropas! Für Menschen, die in der Sowjetunion aufgewachsen sind und ihren Zerfall erlebt haben, ist der Begriff Heimat ein besonderer. Genau dieser Erfahrung nähert sich die Philosophin Oksana Timofeeva in ihrem Essay. Ein interessantes Buch – mit einem Aber.

Ich komme aus Koževnikovo. Ich komme aus Ču. Ich komme aus Surgut. Mit diesen Sätzen beginnen die ersten drei Kapitel des Essays „Heimat. Eine Gebrauchsanweisung“ der russischen Philosophin Oxana Timofeeva. Die wiederholte Selbstverortung markiert dabei weniger geografische Gewissheit als biografische Brüche. Schon zu Beginn macht der Text deutlich, dass Heimat in diesem Essay kein stabiler Ort ist, sondern ein fragiles Konstrukt.

In Koževnikovo, einem Dorf in Sibirien, haben sich Timofeevas Eltern kennengelernt und ist die Autorin geboren, in Ču, einem Städtchen in Südkasachstan, hat sie ihre ersten Kinderjahre verbracht und mit sieben ging es weiter nach Surgut, eine Stadt im westsibirischen Tiefland. Im sowjetischen Schulunterricht wird der 1978 geborenen Autorin gelehrt, dass es zwei Heimaten gibt, eine kleine und eine große. Die kleine ist das Dorf, in dem man lebt, die große ist das Vaterland, also eher eine symbolische Heimat oder wie Timofeeva es ausdrückt man ist „als Bürger gewissermaßen symbolisch mit einem bestimmten territorialen Ganzen verbunden“. Doch dieses territoriale Ganze verpufft und es bleibt Russland, das sie jetzt lieben soll. Und da diese Liebe mit Gewalt erzwungen werden muss, steckt in ihr schon der Keim des Krieges. So fällt es Timofeeva selbst schwer auf die Frage zu antworten, wo ihre Heimat eigentlich liegt.

Ich habe den Essay mit Interesse gelesen, doch so richtig übergesprungen ist der Funke bei mir nicht. Sie erzählt von ihren jungen Jahren, eben jenen drei Orten, an denen sie gelebt hat, beschreibt das Leben dort und erzählt, dass sie unbedingt ihre alte Heimat wiedersehen will. Was sie dann auch tut.

Später wird es dann mehr und mehr philosophisch, wie könnte es anders sein – bei einer Philosophin. Sie zitiert Philosophen und Schriftsteller, die sich zum Thema Heimat geäußert haben und verwebt es mit ihrem Text. Und ich frage mich beim Lesen: Und weiter? Was genau soll aus diesen Bezügen folgen?

Ich weiß nicht. Vielleicht fehlt mir etwas der Zugang zu diesem Thema. Als Deutscher, der komplett westlich aufgewachsen ist, und der das Sowjetimperum weder (von weitem) erlebt noch später sich intensiv damit beschäftigt hat. Vielleicht ist das ein Buch, dass ich erst einmal sacken lassen muss. Und in ein paar Wochen oder Monaten nehme ich es nochmal zur Hand. Wenn man den Inhalt bereits kennt, dann ist der Blick beim Lesen ja oft ein anderer. Und mit knapp 120 Seiten ist das Buch auch überschaubar im Umfang.

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