
Liebe Freunde Osteuropas! Dass Russland sein Erdgas als Waffe benutzt, ist Experten schon seit vielen Jahren klar. Trotzdem hat die Bundesregierung bis zum Schluss an Wandel durch Handel geglaubt. Diesen Irrglauben demaskiert Frank Umbach hervorragend mit seinem Essay.
Die Großinvasion Russlands in die Ukraine im Februar 2022 war kaum vier Wochen her, da hat der Politikwissenschaftler und Energieexperte Frank Umbach einen 126-seitigen Essay mit dem Titel „Erdgas als Waffe: Der Kreml, Europa und die Energiefrage“ veröffentlicht. Vermutlich ist das kleine Büchlein in der Masse der Informationen, der vielen Interviews mit Russland-ExpertInnen und der allgegenwärtigen Kriegsberichterstattung etwas untergegangen. Denn wäre ich nicht zufällig in einer kleinen Buchhandlung in Aachen auf das Buch gestoßen und hätte mir gedacht „Hey, das ist doch was für dich!“, hätte ich wohl nie davon erfahren.
Jetzt habe ich mir mal die Zeit genommen, es zu lesen. Und ich muss sagen: Es ist ein echt verdammt gut geschriebener Essay. Natürlich schon akademisch und eher fachlich, aber es steckt so voller Informationen, die nicht nur Elfenbeinturmbewohner interessieren.
Umbach zeigt auf, wie Russland sein Gas längst nicht nur als Handelsware, sondern als politisches Druckmittel einsetzt. Nord Stream 1 und 2 waren für Russland (und damit ist natürlich in erster Linie Putin gemeint) nie rein wirtschaftliche Projekte, wie es Angela Merkel nicht müde wurde zu betonen, sondern immer klar als geostrategische Mittel zum eigenen Machterhalt und zum Machtausbau gedacht. Dass diese Pipelines teilweise sogar für Russland wirtschaftlich wenig Sinn machten, war sogar manchen Experten in Russland klar.
Besonders schmerzhaft zu lesen, aber jedem Ukraine- und Russland-Interessierten mittlerweile längst bekannt, ist die Tatsache, dass Putin Nord Stream nutzte, um die Ukraine umgehen zu können und somit nicht mehr auf das Land als Transitland angewiesen zu sein, wenn er seine machtpolitischen Interessen kriegerisch durchsetzen wird. Überraschend war für mich dann doch, wie früh die Ukraine begonnen hat, sich von russischem Gas und anderen Energieträgern unabhängig zu mache. Das geschah schon – man höre und staune – zu Janukowytsch-Zeiten, wie man in Umbachs Essay erfährt.
Umbach zeigt aber, dass es nicht nur um Pipelines geht, sondern um ein ganzes Geflecht geopolitischer Interessen. Er geht auf die strategischen Interessen der USA und der EU ein, räumt immer wieder mit falsch verstandenen Aussagen auf. Etwa mit der Behauptung, die USA wollen doch einfach nur nicht, dass Deutschland „günstiges russisches Gas“ kauft, weil sie ihr dreckiges Fracking-Gas verkaufen wollen. Die USA mag tatsächlich Interesse haben, das Gas an Europa zu verkaufen. Aber dazu muss man zwei Dinge bedenken: Erstens, Obama hat sich schon 2014 sehr kritisch zur Nord Stream-Pipeline geäußert. Zu dem Zeitpunkt wurde in den USA noch kein Fracking-Gas gefördert und das war damals noch nicht absehbar. Zweitens muss man hier zwischen Russland und den USA differenzieren. Der US-amerikanische Präsident kann nicht einfach Firmen vorgeben, sie sollen jetzt Fracking-Gas an Europa verkaufen. Die US-Firmen machen das nur, wenn es sich wirtschaftlich lohnt. In Russland wird das einfach von Putin bestimmt. Fertig, aus.
Wenn ich euch also für das Thema Erdgas und Russland interessiert, kann ich euch den Essay sehr ans Herz legen. Einiges, was darin steht, werdet ihr schon kennen, auch die abschließenden Gedanken sind zum Teil nicht wirklich neu. Aber ich habe durch das kleine Buch noch einige neue Dinge gelernt. Und Umbach hat wirklich eine klare Haltung, geht hart mit der deutschen Außen- bzw. Russlandpolitik ins Gericht. Dazu möchte zum Abschluss einen Satz aus dem Essay zitieren: „Die deutsche Russland- und insbesondere die Putin-Politik ist seit zwei Jahrzehnten von faktischem Wunschdenken, Best-Case-Szenarien und im Resultat von erheblichen kollektiven Fehlannahmen und Fehleinschätzungen geprägt.“
Also insgesamt schon ein spezielleres Thema, jetzt vielleicht nicht für die große Masse geschrieben, aber ich kann euch versprechen. Wenn euch das Thema interessiert, werdet ihr die Lektüre von Umbachs Essay sicher nicht bereuen.
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