Liebe Freunde Osteuropas! Nach dem Buch „Wie der Krieg uns verändert“, das das Leid der Ukrainer sichtbar machte, hat die ukrainischen Journalistin Olha Volynska mit „Art against Artillery“ den nächsten Interviewband publiziert. Und zeigt wieder, dass sie eine Meisterin ihres Fachs ist.

Der große russische Vernichtungskrieg gegen die Ukraine dauert nun bald schon vier Jahre an. Der Krieg ist Alltag geworden, kaum ist er noch eine große Schlagzeile in den Medien wert. Dabei ist es wichtig, weiter hinzuschauen. Genau das macht die ukrainische Journalistin Olha Volynska. In ihrem Buch „Wie der Krieg uns verändert“ (2023) hat sie mit einer Vielzahl an Menschen, etwa einer Ärztin aus Butscha, einem Familienvater aus Mariupol und einer Helferin, die mit in die befreiten Gebiete im Osten gegangen ist, interviewt und hat damit ein erschütterndes Werk vorgelegt, dass direkt und ohne Filter zeigt, was dieser russische Krieg für die Ukrainer konkret bedeutet. In all seiner Brutalität, in all seiner Hässlichkeit.

Gut zwei Jahre später, im Dezember 2025, ist nun ihr neues Buch „Art against Artillery“ in deutscher Übersetzung erschienen. Diesmal legt sie den Fokus auf die Künstlerinnen und Künstler in der Ukraine. Volynska redet etwa mit einem Fotografen, einem Kulturregisseur, einem Künstler, einer Bildhauerin und einer Verlegerin und vielen weiteren Kulturschaffenden in der Ukraine. Sie zeigt auf beeindruckende Weise, wie sehr einerseits der Krieg wirklich alle Facetten des Lebens der Menschen in dem Land durchdringt – auch und vor allem die Kulturlandschaft – aber auch, wie die Künstler diesen Krieg nutzen, ihn verarbeiten, ihn dokumentieren und so für die Nachwelt festhalten.

Wie Volynska auf die Idee gekommen ist, ein Buch über Kultur zu schreiben, erzählt sie im Vorwort. Viele Schriftsteller, Maler, Künstlerinnen haben die Russen bereits ermordet, sei es in den von den Russen okkupierten ukrainischen Gebieten oder weil sich diese Menschen selbst als Soldaten gemeldet haben und an der Front getötet wurden. Sie berichtet dann von dem Historiker Oleksiy Patalakha, der von den Russen gefangen genommen und misshandelt wurde. Wieso haben die Russen ihm das angetan. „Weil du ein Intellektueller und Schriftsteller bist. Wegen deiner Bücher“, zitiert Volynska die Antwort. Da war der Autorin klar, sie muss ein Buch über die ukrainischen Künstler im Krieg schreiben.

Denn Kunst und Kultur, Opern, Romane, Skulpturen, Museen, das sind mehr als nur Objekte. Es gibt der Ukraine seine Identität. Eine Identität, die die Russen aktuell auslöschen wollen. Und das hat in den ukrainischen Künstlerinnen und Künstlern umso mehr den Drang entwickelt, diese Kunst zu retten, zu bewahren, weiterzuentwickeln. Die kulturelle Szene erlebt gerade zu einem Boom in diesem Krieg. Künstler versuchen neue Formen aus, in der Bildgestaltung, im Theater. Die Verlegerin Yuliya Orlova berichtet von einem gesteigerten Interesse für ukrainische Literatur, auch und vor allem für die Klassiker. Bücher, die noch vor 2014 ein absolutes Randthema, selbst für überzeugte Ukrainer, gewesen sind.

Wie schon in ihrem vorherigen Buch lässt Volynska vor allem die Interviewten ausführlich zu Wort kommen. Sie zeigt dabei viel Empathie, fragt nach und gibt dabei einen tiefen Einblick in die Seelenwelt dieser Menschen. Was motiviert sie, trotz des Krieges weiterzumachen? Wie hat der Krieg sie verändert? So wird Volynskas Buch zu einem Kaleidoskop der Emotionen, gesellschaftlicher Verantwortung, von Mut, Tapferkeit und Hoffnung.

Ein wichtiger Aspekt – und für mich ehrlich gesagt die größte Stärke des Buches – ist es, dass die Journalistin den deutschen Leserinnen und Lesern die Ukraine, ihre Menschen und ihre Welt fühl- und nahbar macht. An ihrem Buch zerschellen jegliche Behauptungen, dass das nur ein Streit zwischen zwei Brudervölkern ist, dass es nur um ein paar Territorien geht, dass sich viele Ukrainer doch eigentlich als Russen sehen. Nein, davon ist in dem Buch nichts zu lesen. Es ist das exakte Gegenteil. Die Ukraine hat ihre eigene Identität. Und spätestens durch die russische Großinvasion im Februar 2022 ist das auch dem letzten Ukrainer klar geworden. Die drohende Vernichtung schweißt die Ukrainer zusammen. Und Poesie und Kunst hilft den Menschen, diese schwere Zeit zu überstehen. Genau auf diese Frage, ob Poesie und Kunst seelische Wunden heilen können, antwortet der Musiker Marian Pyrih: „Natürlich, genau das beobachten wir. Unser Land ist, wie sich zeigt, ein poetisches Land. Wir erleben einen Aufschwung unterschiedlicher Formen, und darin liegt etwas wie Rettung.“

Die ukrainische Journalistin Olha Volynska ist ein absoluter Glücksfall für den deutschsprachigen Buchmarkt. Kaum eine andere Autorin vermag es, mit vergleichbarer Empathie die Gefühlswelt der Ukrainer in diesem fürchterlichen Krieg so eindringlich zu vermitteln.

Wer sich aufrichtig für das Leben der Ukrainer interessiert, sollte dieses Buch lesen. Es ist ein wertvoller Beitrag zum Verständnis dessen, was dieser Krieg für die Menschen in dem Land bedeutet – und es macht Hoffnung, dass diese Welt, dieser Kulturraum, diese Identität auch nach dem Krieg Bestand haben und gestärkt daraus hervorgehen werden.

Avatar von thomasleurs

Published by

Categories:

Hinterlasse einen Kommentar