Liebe Freunde Osteuropas! Hier dann das letzte Monats-Update des Jahres 2025. Im Dezember war es mit den Neuerscheinungen aus und über #Osteuropa etwas ruhiger als sonst. Und ist fast nur sehr akademische Literatur.

Die wichtigste Neuerscheinung für mich im Dezember ist gleich ein akademisches Buch und mit fast 40 Euro nicht gerade günstig. Es ist „Lives Altered by War: Civilian Volunteering Amid the Donbas War in Ukraine“ von Nataliia Stepaniuk. Als Russland 2014 seinen Krieg gegen die Ukraine begonnen hat, gab es viele Freiwillige auf ukrainischer Seite, die sich gegen den Aggressor engagieren wollten. Stepaniuk hat diese Netzwerke, die sich damals in Charkiw, Dnipro und Odesa gebildet haben, genauer untersucht. „Das zivile Engagement stärkte die Loyalität der Freiwilligen gegenüber der Ukraine und veranlasste sie, sich radikal von Russland zu distanzieren“, steht es im Klappentext. Klingt auf jeden Fall extrem spannend.

Und noch ein interessantes Buch, im gleichen Uni-Verlag in Kanada erschienen, kostet aber unfassbare über 100 Euro. „Women in the Ukrainian Underground“ von Olena Petrenko. In ihrem Werk rückt die Erfahrungen von Frauen in der Widerstandsbewegung während des Konflikts mit dem sowjetischen Geheimdienst zwischen 1944 und 1954 in den Vordergrund. Petrenko beschreibt verschiedene Methoden und Wellen der Mobilisierung von Frauen in der OUN und der UPA und untersucht die Rolle von Frauen als Akteurinnen im Untergrundkampf. Das Buch befasst sich auch mit der weiblichen Sexualität als Machtinstrument und mit geschlechtsspezifischen Erfahrungen von Gewalt.

Mit 32 Euro in der Taschenbuchausgabe fast schon wieder günstig ist „Resources and Everyday Conflicts in Rural Ukraine: Theorizing Social Change“ von Deema Kaneff. In dem Buch geht es um eine ethnisch bulgarische Gemeinde im ländlichen Teil der Ukraine. „Auf der Grundlage ethnografischer Feldforschung beleuchtet Kaneff auf einzigartige Weise eine Reihe versteckter Konflikte und alltäglicher Spannungen sowie neue Allianzen und Solidaritäten, die sich aus der Umverteilung der Ressourcen nach der Unabhängigkeit der Ukraine ergeben haben“, heißt es im Klappentext.

Christina Schmidt hat für ihr Buch „Das Haus der Dreiseitels: Eine galizische Familiengeschichte“ durch Archive und Dokumente durchforstet und Zeitzeugeninterviews geführt. Die Dreiseitels zogen um 1800 von Mähren nach Ostgalizien (heutige Ukraine), gründete dort eine Brauerei gründete und waren Teil der deutschen Minderheit war – bis zur Umsiedlung und Vertreibung 1939. Dabei entsteht ein Panorama europäischer Geschichte im 20. Jahrhundert geprägt von Migration, Verlust, Neuanfang und dem Fortwirken transgenerationaler Traumata. Zugleich ist es die persönliche Erzählung einer Spurensuche – einer Annäherung an das eigene Erbe, an das Schweigen und die Brüche in einer Familie, deren Geschichte exemplarisch für viele steht.

Ebenfalls um Vertreibung geht es in dem Buch „„Die Leute waren von überall“: Zwangsmigration in Wewelsburg 1939-1955“. In dem kleinen westfälischen Dorf Wewelsburg wurden auf dem Gelände des Konzentrationslagers Niederhagen Menschen aus ganz Europa untergebracht. KZ-Häftlinge und „Volksdeutsche“ wurden Opfer der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus. Nach dem Krieg lebten zunächst ehemalige Zwangsarbeitende und später deutsche Geflüchtete und Vertriebene aus Osteuropa auf dem Lagergelände. In den Biografien dieser Männer, Frauen und Kinder zeigt sich wie unter einer Lupe die deutsche und europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ausgewählte Lebenswege werden in diesem Sammelband vorgestellt.

Serbien habe ich selten in den Monats-Updates. Der sicherheitspolitische Experte Miroslav I. Emejdi will in seinem Buch „Schlüsselland Serbien“ detailliert darauf eingehen, wie historische Fehleinschätzungen, politische Symbolpolitik und ein Mangel an strategischem Realismus den Einfluss der Europäischen Union und des Westens geschwächt haben; und das am Beispielland Serbien, das „weit mehr als ein geopolitischer Nebenschauplatz“ ist.

Die russischen Vollinvasion hat die Welt grundlegend verändert. Der Assistant Professor Paolo Pizzolo hat sich in seinem Buch „War in the Borderland“ eingehender damit beschäftigt. Putins Russland hat beschlossen, außerhalb der Regeln zu agieren, die im Weltordnungssystem nach 1945 und nach 1991 festgelegt wurden. Pizzolo sieht zwei Enden für realistisch: entweder die Bestätigung der hegemonialen Rolle des von den USA geführten Westens oder das Entstehen einer zentrifugalen multipolaren Welt. In seinem Buch will der Autor die Gründe für den Ausbruch des russisch-ukrainischen Krieges untersuchen und hebt vier mögliche Interpretationen hervor. Konkret zielt das Buch darauf ab, anhand einer Untersuchung der Bereiche Geopolitik, Geostrategie, Geoökonomie und Ideologie zu ermitteln, inwiefern diese Variablen eine wichtige Rolle beim Ausbruch dieses grausamen Konflikts gespielt haben.

Wieder sehr akademisch wird es in „Maniera Greca in Europe’s Catholic East: On Identities of Images in Lithuania and Poland (1380s–1720s)“ von Giedre Mickunaite. In ihrer Studie untersucht Mickunaite, wie byzantinische Bildstile („griechische Manier“) in Ost- und Ostmitteleuropa übernommen, umgedeutet und verändert wurden. Sie zeigt, dass dieser Stil nicht nur eine ästhetische Kategorie war, sondern durch religiöse Erzählungen, Kulte und lokale Frömmigkeit geprägt wurde. Tradition erscheint dabei nicht als unverändert, sondern als Ergebnis von Wiederholung, Vereinfachung und Vergessen. Am Ende bleibt das „griechische Bild“ vor allem als stereotypes Ikonenbild der Gottesmutter erhalten.

Die Bukowina ist eine historische Landschaft, die heute zu Teilen in der Ukraine und in Rumänien liegt. Cristina Florea zeichnet in ihrem Buch „Bukovina: The Life and Death of an East European Borderland“ die Geschichte der Bukowina nach und zeigt, wie dieses Grenzgebiet, einst Puffer zwischen Christentum und Islam, an die Spitze moderner Staatsbildungs- und Regierungsprojekte rückte, die sich schließlich auf den Rest Europas ausweiteten. Begegnungen, die sich in Grenzgebieten abspielen, haben sich als entscheidend für die Entwicklung moderner Staatsambitionen und Regierungspraktiken erwiesen.

Warum eskalieren manche internationalen Krisen zwischen Großstaaten zu Kriegen, andere hingegen nicht? Damit beschäftigt sich John A. Vasquez in seinem Buch „Crises, War, and Diplomacy: Lessons for World Politics“. Vasquez untersucht fünfzehn Krisen im Zeitraum von 1815 bis heute, darunter den Krimkrieg, den Deutsch-Französischen Krieg, die Kubakrise und den Krieg zwischen Russland und der Ukraine im Jahr 2022. Jedes Kapitel ordnet die jeweilige Krise in ihren historischen Kontext ein, liefert eine Darstellung der Ereignisse mit Schwerpunkt auf den beteiligten Entscheidungsträgern, analysiert das Ergebnis des Falls theoretisch vor dem Hintergrund aktueller Forschungsergebnisse und zieht induktiv einige Lehren aus dem Fall, die sowohl für Wissenschaftler als auch für politische Entscheidungsträger von Bedeutung sind.

Und für die an Religion Interessierten unter euch gibt es noch „Streit um das Kyjiwer Erbe: Religion und Kirchen im russisch-ukrainischen Krieg“ von Andriy Mykhaleyko. Der Band analysiert, wie historische Narrative, kirchlich geprägte Identitätskonstruktionen und religiöse Akteure zur Eskalation und Deutung des russischen Angriffskrieges beitragen. Besonderes Augenmerk gilt der Russisch-Orthodoxen Kirche, der kirchlichen Pluralität in der Ukraine und der ambivalenten Rolle des Vatikans unter Papst Franziskus.

Vor zwei Jahren erstmals erschienen und jetzt als Taschenbuch ist „If We Burn: The Mass Protest Decade and the Missing Revolution: ‚as good as journalism gets’“ von Vincent Bevins. es geht um die großen Proteste auf der Welt von 2010 bis 2020.  Vom sogenannten Arabischen Frühling und dem Gezi-Park in der Türkei über den Euromaidan in der Ukraine bis hin zu Studentenunruhen in Chile und Hongkong. Bevins will die Frage beantworten: Wie konnten so viele Massenproteste zum Gegenteil dessen führen, was sie forderten?

Und noch ein zwei Jahre altes Buch ist jetzt als Taschenbuch zu haben. In „Z Generation: Into the Heart of Russia’s Fascist Youth“ schreibt Ian Garner über das Russland in den 2020er Jahren: ein Land voller performativer Wut und nationalistischer Unwahrheiten, in dem Heuchelei und gebrochene Versprechen zum Alltag gehören und eine apokalyptische Denkweise die Russen von morgen erfasst.

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