Liebe Freunde Osteuropas! Im Januar ist wieder eine Vielzahl an Romanen aus (mittel)osteuropäischen Ländern ins Deutsche und Englische übersetzt worden.

Wie hat eigentlich die ukrainische Literatur auf den großen Invasionskrieg reagiert? Welchen Stellenwert hat das Schreiben in Kriegszeiten? Wird im Krieg überhaupt noch gelesen in der Ukraine? Auf jeden Fall! Christian-Daniel Strauch und Oksana Molderf haben in dem Band „Wiedergeburt in Waffen: Die ukrainische Literatur nach der Invasion“ viele aktuelle Texte ukrainischer Autoren versammelt. Und noch ein Hinweis: Bereits vor etwas mehr als vier Jahren ist der erste Band dazu mit dem Titel „Zwischen Apokalypse und Aufbruch: Der Donbas-Krieg in ukrainischer Krisenliteratur“.

Taras Schewtschenko ist der bedeutendste ukrainische Dichter – in Deutschland aber nur wenigen bekannt. Eine Auswahl seiner Gedichte liegen nun in deutscher Übersetzung in dem Buch „Nun gut, es waren scheinbar Worte nur…“ vor.

Im Jahr 2000 erstmals erschienen und nun in einer Neuauflage rausgekommen ist die Romanbiografie „Miluscha: Im Herzen die Heimat“ von Lother von Seltmann. Miluscha lebt mit ihren sechs Geschwistern in einem kleinen deutschen Dorf in der Ukraine. Ihr Vater ist Lehrer dort und angesehen. Doch die dunklen Schatten des kommunistischen Regimes liegen schwer auf der Familie.

Vom ukrainischen Schriftsteller Artem Tschech ist im Januar sein Roman „Rock, Paper, Grenade“ auf Englisch erschienen. Es geht um den fünfjährigen Tymofiy, seine kleine Familie, zu der sich der verwirrte und betrunkene Ex-Freund seiner Großmutter dazugesellt. Nicht unbedingt zur Freude Timofiys, der durch die Straßen seiner Heimatstadt irrt, auf der Suche nach Liebe und Schutz, nach einem besseren, glücklicheren Leben. Der Roman ist eine düstere, realistische Darstellung der Ukraine und der postsowjetischen Welt.

Der Roman ist bereits verfilmt worden und im April 2024 erschienen. https://www.youtube.com/watch?v=81EXF4T19N8

Und noch mehr Ukraine. Es geht um drei Geschichten vom jüdischen Leben in Wolhynien, die erstmals auf Deutsch zu lesen sind. Geschrieben vom jüdischen Autor Chaim Nachman Bialik sind sie nun unter dem Titel „Wildwuchs: Erzählungen aus Wolhynien“ erschienen. Die Erzählungen bieten viel mehr als Blicke in eine versunkene Welt, sie handeln in unvergesslichen tragischen und urkomischen Szenen von Feindschaft und verbotener Liebe, Stolz und Scham eines Heranwachsenden, von der Macht der Tradition und dem Traum vom verlorenen Paradies.

Aus dem Albanischen ist „Der Anruf“ von Ismail Kadare erschienen. Der Roman spielt in Moskau 1934. Der Anrufer ist Stalin, der Angerufene Pasternak. Der Diktator will von dem Schriftsteller wissen, ob er Mandelstams Stalin-kritisches Gedicht kenne. Ja oder Nein? Für Mandelstam geht es um Leben und Tod. Dieses dreiminütige Telefonat zog den Autor Kadare bei seinem Studium in Moskau in seinen Bann. „Das Telefonat, das er wie in einem Kriminalroman bis in die kleinsten Details seziert, spiegelt ihm sein Lebensrätsel wider“, heißt es im Klappentext.

Der erstmals 1997 mit dem Titel „Logiergäste“ des bosnischen Autors Nenad Veličković erschienen Roman ist jetzt nochmal – geringfügig verändert – unter dem Titel „Nachtgäste“ erschienen.  Er handelt von der 18-jährigen Maja, die während des Krieges in Sarajevo im Keller eines Museums ausharrt, zusammen mit ihrer esoterischen Mutter, ihrer Großmutter, Halbbruder samt schwangerer Frau, dem Vater, zwei Partisanen und einem Hund. Das Buch nimmt dem Krieg jede Heroik und setzt Sarajevo, der Heimatstadt des Autors zugleich ein Denkmal.

Die deutsche Theatermacherin Ines Habich-Milović hat mit „Dein Vater hat die Taschen voller Kirschen“ ihr Debütroman vorgelegt. Die Handlung: Vater Miko verschwindet. Seine Frau Rieke erzählt ihrer Tochter Maja von ihm, denn sie soll wissen, wer ihr Vater ist. Der Klappentext verspricht eine „wilde Reise von einem montenegrinischen Dorf bis ins Deutschland der Achtziger, vom katholischen Viertel Sarajevos bis ins funkelnde Stroboskoplicht der Bochumer Discos.“ Und nach und nach erfährt der Leser bzw. die Leserin alles über die große Liebe, die zu Majas Existenz führte, und über Mikos rätselhaftes Verschwinden.

Die österreichische Schriftstellerin mit slowakischen Wurzeln Susanne Gregor, hat ihr mittlerweile fünftes Buch geschrieben. In „Halbe Leben“ geht es um die Beziehung zwischen Klara und Paulína, einer Slowakin, die Klara eingestellt hat, damit sie sich um ihre Mutter kümmern kann. Klara hat wieder Zeit für ihre Karriere, ihr Mann genießt seine Freizeit. Und Paulínas Kinder sind bei der Schwiegermutter in der Slowakei. In einer klaren, unprätentiösen Sprache – heißt es – widmet sich Susanne Gregor den großen Themen, die uns alle betreffen, und erzählt von der Ungleichheit – zwischen zwei Frauen, zwischen zwei Leben.

Und aus Tschechien ist im Januar auch etwas dabei. In „Sonntagnachmittag“ der Autorin Viktorie Hanišova geht es um eine Familie mit Geheimnissen. Und Ereignisse, die das Leben aller Familienmitglieder beeinflussen, obwohl oder vielleicht weil nicht darüber gesprochen wird. Teo, der in einer Welt voller langweiliger Regeln und religiöser Beeinflussung durch eine Sekte aufwächst, wird sich immer mehr von dieser Familie entfernen. Warum verschwindet etwa der Vater jeden Sonntag? Egal. Die Autorin widmet sich in ihrem neuesten Roman den komplexen Beziehungen in Familien, wobei diese Familiengeschichte vor allem zeigt, wie einsam Menschen sein können, die durch irgendetwas „anders“ sind, und wie fatal es ist, nicht miteinander zu reden.

Aus dem Polnischen ist diesmal nichts auf Deutsch, aber auf Englisch erschienen. Die Erzählung „Confidential“ wird beworben als düster-komisches Porträt einer jüdischen Familie im heutigen Polen, die angesichts einer Vergangenheit, die nicht vergessen werden kann und will, um ihre Liebe füreinander ringt. Der Großvater ist Arzt, ein Überlebender des Holocausts, der sich geschworen hat, nur noch zum Vergnügen zu leben. Sein Sohn, der zu Beginn des Krieges geboren wurde, wird ein angesehener Physiker, sieht sich aber aus emotionalen Gründen nicht in der Lage, an den medizinischen Konferenzen in Deutschland teilzunehmen, obwohl dies seiner Karriere zugutekäme. Die Mutter ist liebevoll, aber streng, obwohl sie die heimliche Angewohnheit hat, an Beerdigungen von Fremden teilzunehmen, um zu weinen. Das Buch behandelt Themen wie Erinnerung und Fürsorge, Trauma und Gedächtnis sowie anhaltenden Antisemitismus mit unvergesslicher Kraft, emotionaler Komplexität und Grynbergs typischem schwarzen Humor.

Die promovierte Literaturwissenschaftlerin Bettina Storks hat ein Faible für Familiengeheimnisse. In ihrem neuen Roman „Die Schwestern aus Krakau“ erfährt Edith erst beim Tod ihres Vaters 2016 in Paris von ihren deutsch-polnischen Wurzeln. Auf der Suche nach der Geschichte ihres Vaters und ihrer Großmutter findet sie ihre Cousine Tatjana bei Stuttgart. Die Suche nach Antworten führt die beiden nach Krakau.

Der jüngste Roman des russischen Schriftstellers Sergej Lebedew ist nun schon mal auf Englisch erschienen. In „The Lady of the Mine“ geht es um eine mystische Wäscherin, die besessen von der Reinheit ist. Es spielt im Donbas im Jahr 2014. Die Wäscherin bewacht einen versiegelten Schacht in einem Kohlebergwerk, der schreckliche Wahrheiten verbirgt. Die Leichen toter Juden, die in den Tiefen des Schachts liegen, scheinen noch mehr Verbrechen der Gegenwart anzuziehen. Denn wieder, wie im Zweiten Weltkrieg, marschieren die Russen ein. Und dann regnet es Leichen vom Himmel, als ein Passagierflugzeug über dem Land abgeschossen wird und neben den sterblichen Überresten auch Luxusgüter verstreut werden. Lebedew beleuchtet die Bruchlinie, an der der Nationalsozialismus auf den Sowjetkommunismus traf und sich zum neuen Faschismus des heutigen Russlands entwickelte.

Die Werke des russischen Schriftstellers Juri Felsen (1894-1943) sind nahezu vergessen. Sein Erstlingswerk von 1930 ist jetzt unter dem Titel „Getäuscht“ auf Deutsch erschienen. Es handelt von einem namenlosen Erzähler im Paris der Zwanzigerjahre, wo er sich nach der Russischen Revolution als Emigrant wiederfindet. Auf Bitten einer Bekannten lernt er die schöne, kluge und gesellige Ljolja kennen, die ebenfalls gerade aus Russland geflohen ist. Was als lockere Freundschaft beginnt, verwandelt sich schnell in Faszination und Besessenheit, da sie uneindeutige Signale sendet und anderen Männern nachstellt.

Für die recht jungen Leser ist auch etwas erschienen. In dem Wendebilderbuch „Am Ende der Welt“ von der russischen Autorin Anna Desnitskaya hat es zwei Jugendliche ans Ende der Welt verschlagen – Vera an die Küste der russischen Halbinsel Kamtschatka, Lukas auf die andere Seite des Pazifiks an einen kleinen Küstenort in Chile. Mehr als alles andere sehnen sie sich nach einem Freund. Und mit ein wenig „magischem Realismus“ begegnen sie einander aus der Ferne quer über das weite Meer hinweg.

Der Roman „Gepäck im Sand“ der polnisch-jüdischen Autorin Anna Langfus (1920-1966) erscheint nochmal in einer limitierten Auflage für stolze 48 Euro pro Buch. Es geht um Maria, die ziellos durch die Großstadt irrt. Ihr Alltag ist gefüllt mit den Toten ihrer ermordeten Familie, selbst die anderen Menschen verwandeln sich in geisterhafte Erscheinungen. Verlust, Erinnerung und Überleben sind die Themen des ursprünglich auf Französisch erschienenen Romans.

Sind die Gedichte der russischen Autorin Galina Rymbu bei dem Titel auch etwas für Männer? Erstmals kommen sie nun in deutscher Übersetzung in dem Buch „Meine Vagina“ heraus. Rymbus Gedichten wohnt etwas Utopisches inne, ohne dass sie sich einer konkreten gesellschaftlichen Utopie verschreiben: Widerständig in ihrer Zartheit, kritisch in ihrer Hinwendung, provozieren sie ein Umdenken ausgetretener Gedankenpfade, heißt es im Klappentext.

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