Es sind erfreuliche viele Werke von ukrainischen Autoren in diesem Jahr 2024 auf Deutsch erschienen. Hier gebe ich euch einen Überblick.

In der günstigeren Taschenbuchausgabe ist der Roman „Das Zeitalter der roten Ameisen“ der ukrainischen Schriftstellerin Tanya Pyankova erschienen. Der Roman spielt im ukrainischen Dorf Matschuchy 1933. Es ist die Zeit des Holodomor. Die junge Jawdocha versucht verzweifelt, sich und ihre Familie am Leben zu halten. Doch nicht nur für sie geht es ums nackte Überleben.

Ebenfalls in der Taschenbuchausgabe ist „Radio Nacht“ von Juri Andruchowytsch erschienen. Die Handlung: Der Musiker Josip Rotsky tötet den Diktator seines Landes in einem Schweizer Hotel und zieht nach seiner Haft in die heimatlichen Karpaten. Dort ist er nicht sicher und flieht weiter nach Griechenland, bis er auf der Gefängnisinsel am Null-Meridian seine letzte Station findet.

Und die Autorin Erin Litteken legt nach ihrem Debütroman „Denk ich an Kiew“ nach. In „Wären wir Vögel am Himmel“ geht es in den Sommer 1941. Lilija wünscht sich frei und unbeschwert leben zu können, wie die Vögel am Himmel. Doch es herrscht Krieg, die Wehrmacht rückt auch in der Ukraine vor. Unversehens befindet sich Lilija, ihr Cousin Slavko und der zwölfjährige Halya im Viehwagon nach Leipzig. Litteken erzählt ihr eine bewegende, persönliche Reise in die ukrainische Geschichte.

Vor nicht einmal einem Jahr ist das erschütternde Buch „Gespräch über die Trauer“ von Olga Martynova erschienen. Jetzt bringt sie ein Gedichtband mit dem Titel „Such nach dem Namen des Windes“ heraus. Darin geht es um Trauer und Krieg, um Wut, aber auch um Alltägliches und die Bewunderung der Welt.

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Wer über den Euromajdan mal in Form eines Romans etwas lesen will, dem sei „Kämpferinnen“ von Olena Sachartschenko empfohlen. Der Roman spielt am 19. Februar 2014, Katja will eigentlich nur ihren Sohn Danylo von der Schule abholen und gerät mitten hinein in die Woge aus Protest und Gewalt. Die Autorin erzählt den Euromajdan konsequent aus Perspektive der Frauen.

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In die Gegenwart geht es in „Meine Wunde Ukraine: Erzählungen“ der Ukrainerin Anastasiya Maria Savran. Sie lebt in Lviv und durchlebt den Angriffskrieg auf vielen Ebenen. Sie erzählt vom Kriegsalltag ukrainischer Zivilist*innen, Kriegsüberlebenden und Vertriebenen.

Gedichte von 16 ukrainischen Autorinnen, darunter die am 1. Juli 2023 gestorbene Victoria Amelina, bietet das Buch „Den Krieg übersetzen“.

Ein Erzählband eines ukrainischen Schriftstellers ist im April auf Deutsch erschienen, was ja leider viel zu selten passiert. Hryhir Tjutjunnik (1931-1980) hat Geschichten über kleine Welten geschrieben, in denen das Leben fragil erscheint vor der Übermacht der Umstände. Trotzdem sind seine Figuren von unhintergehbarer Würde und unvergesslicher Schönheit, heißt es im Klappentext. Und dort wird sogar mit dem Zitat einer echten Prominenz beworben. Selenskyj selbst hat über den Autor gesagt: „Eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der ukrainischen Literatur.“ Na dann bin ich ja gleich noch doppelt so gespannt auf die Lektüre. Drei Kuckucke und eine Verbeugung: Erzählungen

Und noch ein Roman ist in der günstigeren Taschenbuchausgabe im Jahr 2024 erschienen. In dem Buch „Sommer in Odessa“ von Irina Klimnik geht es in die jüngere ukrainische Geschichte. Die Handlung spielt im Sommer 2014, eine Zeit des Umbruchs. Olga studiert des Großvaters wegen Medizin, Freunde helfen ihr, den öden Uni-Alltag zu überstehen. Alles scheint gut zu sein, bis David, ein alter Freund des Großvaters, kommt und ein lang gehütetes Geheimnis mitbringt.

Babyn Jar steht für die Vernichtungspolitik der Nazis gegen Juden. 33.000 Menschen töteten die Nazis im September 1944 dort innerhalb weniger Tage. Die ukrainische Lyrikerin Marianna Kijanowska hat 67 Gedichte zu diesem Thema veröffentlicht, fiktive Selbstaussagen von Kiewer Bürgern.

Ein Buch über den Krieg, das sich an Jugendliche richtet. In „Elektrizität und Himmelsfische“ der Autoren Andrej Bulbenko und Marta Kajdanowskaja (beides Pseudonyme) geht es um die 14-jährige Marzia, die nach einem plötzlichen Raketenbeschuss mit ihrer Familie die Stadt verlassen muss. Auf der Flucht zur Grenze erlebt sie Gewalt, Not, Willkür und Demütigung. Da alles schreibt sie in einem Tagebuch auf und übergibt es dem Schriftsteller Andrej Bulbenko. Er darf es erst lesen, wenn sich das Mädchen eine Woche nicht gemeldet hat. Bulbenko beginnt zu lesen…

Es gehört zu der traurigen Wahrheit, dass die meisten Deutschen wohl viel mehr russische Autoren aus dem Stand benennen könnten, als ukrainische. Doch gegen diese Wissenslücken kann man etwas tun. So ist jetzt „Dichtung der Verdammten: Eine Anthologie ukrainischer Dichtung, ausgewählt und übertragen von Oswald Burghardt (Jurij Klen)“ erschienen. Burghardt alias Klen war ein Deutsch-Ukrainer, geboren 1891 im Russischen Kaiserreich, gestorben 1947 in Augsburg. Er wollte seinen ukrainischen Schriftsteller-Kollegen wie etwa Maksym Rilskyj, Pawlo Fylypowytsch, Mykola Serow und Mychajlo Draj- Chmara mit einer Anthologie ein Denkmal setzen. Durch die Editionsarbeit von Nataliia Kotenko-Vusatyuk und Andrii Portnov ist das Werk aus Burghardts Nachlass zweisprachig (deutsch-ukrainisch) erschienen.

Wer sich für ukrainische Literatur interessiert, der sollte einen genaueren Blick auf „weil die Wunden Vögel werden: Landschaften der Ukraine“ werfen. Viele Gedichte und Erzählungen von in Deutschland größtenteils unbekannten ukrainischen Autorinnen und Autoren befinden sich in diesem Band. Sie schreiben über das Leben an der Front, sie schreiben aber auch über Augenblicke jenseits von Gewalt und Tod. Sie fotografieren alltägliche Szenen, in denen, mögen sie sich auch im Westen des Landes abspielen, der Krieg fast unentwegt anwesend ist.

Ein ganzes Jahrhundert ukrainischer Geschichte umspannt die Autorin Sofia Andruchowytsch. Der dritte Teil ihres Amadoka-Epos ist nun erschienen. Im ersten Teil „Die Geschichte von Romana“ geht es um die Archivarin Romana, die in einem namenlosen Soldaten, der 2014 schwerverletzt aus dem Krieg im Donbas zurückkehrt, glaubt ihren verschollenen Ehemann Bogdan wiederzuerkennen. Im zweiten Teil „Die Geschichte von Uljana“ geht es dann um die Großmutter von Bogdan, die sich während des Zweiten Weltkriegs in den Juden Pinkhas verliebt und ihn vor den Nazis versteckt. Und im nun erschienen dritten Teil „Die Geschichte von Sofia“ geht es um Sofia, die Frau des Dichters Mykola Zerow (den gab es wirklich). Zerow wird 1934 verhaftet und 1937 von Stalins Schergen erschossen. Dabei spielt Sofias Geliebter, der sowjetisch-deutsche Doppelagent Wiktor Petrow eine zwielichtige Rolle. In diesem Band soll sich auch Bogdans wahre Identität enthüllen – die eng mit seiner Heimatstadt Mariupol, der Geschichte des Agenten Petrow und dem Massaker von Babyn Jar verknüpft ist.

Anna Melikova ist in der Ukraine geboren und auf der Krym aufgewachsen. Seit 2017 lebt sie in Berlin. Jetzt legt sie ihr Debütroman vor. In „Ich ertrinke in einem fliehenden See“ geht einmal um die Geschichte der Ich-Erzählerin, die eine Liebesbeziehung mit einer nur drei Jahre älteren Dozentin führt, von der sich die Ich-Erzählerin durch ein Studium in Moskau versucht zu entziehen. Zugleich sorgt ihre pro-ukrainische Haltung ab dem Maidan zu Problemen mit eben dieser Dozentin, aber auch ihrem russlandtreuen Vater. Klingt nach spannendem Lesestoff über ein sehr aktuelles Thema.

Die Veröffentlichung seines Buches „Ich verwandle mich…: Aufzeichnungen unter russischer Besatzung“ hat der Ukrainer Volodymyr Vakulenko nicht mehr erlebt. Im März 2022 geriet er in seinem Heimatdorf unweit Isjum unter russische Besatzung. Er schrieb auf, was er erlebte und vergrub diese Notizen in seinem Garten, ehe die Russen ihn mitnahmen und töteten. Die Schriftstellerin Victoria Amelina, die durch die Russen mit einer Rakete getötet wurde, fand die Notizen und brache sie als Buch heraus.

Die Autorin Sasha Vasilyuk, US-Amerikanerin mit russischen und ukrainischen Wurzeln, hat einen großen Familienroman geschrieben, der auf einer wahren Geschichte beruht. In „Der gute Name unseres Vaters“ geht es um Yefim. Seine Frau Nina findet 2007 einen Brief von ihm an den KGB. So findet sie nach dem Tod ihres Mannes heraus, dass er nicht der Kriegsheld war, der er vorgab zu sein. Der Roman wird als hochaktuell und gleichzeitig zeitlos beworben, der die Zerrissenheit der Ukraine greifbar mache.

In „Wo der Wind ist“ von Ljubko Deresch geht es um einen rebellischen Schriftsteller, der in einer Krise steckt. Zugleich ist sein Land im Krieg. Kurzerhand zieht er mit einer Rockband aus Erstsemesterstudenten durch die Ukraine, um seine Inspiration wiederzufinden. Doch durch die Reise muss er unwissentlich Antworten auf die Fragen suchen, vor denen er so verzweifelt davonläuft.

Von der ukrainischen Schriftstellerin Yevgenia Belorusets ist bereits vor gut anderthalb Jahren das wirklich empfehlenswerte Buch „Anfang des Krieges: Tagebücher aus Kyjiw“ über ihre Eindrücke in der ukrainischen Hauptstadt zum russischen Großinvasionsbeginn erschienen. Tierisch geht es in ihrem neuen Werk „Über das moderne Leben der Tiere“ zu. Darin enthalten Berichte und Erzählungen von Begegnungen zwischen Tier und Tier sowie Tier und Mensch.

Einer der bekanntesten Schriftsteller der Ukraine kämpft bereits selbst an der Front. In diesem Jahr ist ein weiterer Gedichtband von Serhij Zhadan erschienen. In „Chronik des eigenen Atems: 50 und 1 Gedicht“ sollte Lyrik über die östliche Landschaft im Winter, den nahenden Schnee, die Stimmen in der Luft, die Weinberge entstehen. Doch die Großinvasion brach die Zeit, verstummte die Poesie. Erst Monate später kehrte die Sprache zurück: „Zeit neue Gedichte zu schreiben / Bei den alten weint niemand mehr.“

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