
Liebe Freunde Osteuropas! Und es geht gleich weiter mit dem November-Update. Auch im vergangenen Monat sind einige sehr spannenden Bücher erschienen.

Andrej Kurkow gehört zu den wichtigsten Gegenwartsautoren der Ukraine. Vor zwei Jahren erschien sein „Tagebuch einer Invasion“, in der er die Ereignisse in der Ukraine von Ende 2021 bis Juli 2022 festgehalten hat. Jetzt ist ein weiteres Tagebuch erschienen, das nahtlos an das andere anschließt. In „Im täglichen Kriege“ sind Kurkows journalistische Texte, Notizen und Tagebucheinträge von August 2022 bis Februar 2024 gesammelt. Kurkow schreibt von den unscheinbaren Momenten, über Luftalarm, Freundschaft und Sorge, Identität, von einem Kampf der Worte und Kulturen, über die Einigkeit und Vielseitigkeit eines Landes; er schreibt über das Leben im Krieg.

Die finnische Journalistin Jessikka Aro hat ein neues Buch mit dem Titel „Moskaus Schattenkrieg“ herausgebracht. Darin hat sich nochmal genau nachrecherchiert, was damals bei dem Absturz der polnischen Regierungsmaschine nahe Smolensk passiert ist. Ako hat Beweise gesammelt, die zeigen sollen, dass es ein russischer Terroranschlag gewesen ist. Und das sei nur ein Beispiel für de hybride Kriegsführung, die Russland gegen den Westen führt. Aro analysiert, wie der Kreml durch geheime Militäreinsätze, Fake News und gezielte Propaganda westliche Demokratien systematisch untergräbt und skrupellos politische Interessen durchsetzt.

Feuerdörfer. So werden die Orte in Belarus genannt, an denen die Nazis im Zweiten Weltkrieg unfassbare Gräuel begangen haben. Drei belarussische Schriftsteller – Ales Adamowitsch, Uladsimir Kalesnik und Janka Bryl – hatten noch mit Augenzeugen gesprochen und ihre Sammlung 1975 unter dem Titel „Ich bin aus deinem verbrannten Dorf“ veröffentlicht. Jetzt ist dieses Buch mit dem Titel „Feuerdörfer: Wehrmachtsverbrechen in Belarus – Zeitzeugen berichten“ auch in deutscher Sprache erschienen.

Der britische Historiker Mark Galeotti hat ein neues Buch herausgebracht. In „Forged in War: A military history of Russia from its beginnings to today“ (auf Deutsch: Geschmiedet im Krieg: Eine Militärgeschichte Russlands von den Anfängen bis heute) ist Galeottis These, dass die russische nationale Identität im Schmelztiegel des Krieges geschmiedet wurde. So lässt sich auch Putins Machterhalt erklären. Russland hat keine natürlichen Grenzen und musste sich immer wieder mit anderen Militärmächten messen. Und das immer auf dem Rücken seiner Bevölkerung. So hat der Krieg – und die Notwendigkeit, ihn führen zu können – das Land bis heute geprägt.

Der gebürtige Ukrainer und Historiker Eugene Finkel schreibt in seinem Buch „Intent to Destroy: Russia’s Two-Hundred-Year Quest to Dominate Ukraine“ (zu Deutsch: Die Absicht zu zerstören: Russlands zweihundertjähriges Streben nach Vorherrschaft in der Ukraine) nicht nur über den brutalen russischen Krieg seit Februar 2022, sondern setzt das Ganze in einen größeren Kontext. Um den Krieg zu verstehen, konzentriert er sich auf die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung. Sein Argument ist, die russische Gewalt, die wir jetzt sehen, ist eine direkte Fortsetzung der Vorgehensweise des Kremls im Umgang mit der in- und ausländischen Opposition. Finkel befasst sich mit den Herausforderungen der historischen Erinnerung, der Rechenschaftspflicht für die von Russland begangenen Verbrechen und den Voraussetzungen für eine Versöhnung zwischen künftigen Generationen von Ukrainern und Russen.

Hätte es in der Ukraine und anderen postsowjetischen Staaten keine Revolutionen und pro-demokratischen Massenproteste gegeben, gäbe es heute auch keinen Krieg? Diese und weitere Fragen versuchen viele Autorinnen und Autoren in dem Band „The End of the Soviet World?: Essays on Post-communist Political and Social Change“. Darunter bekannte Namen wie Olga Onuch und Oskana Sabuschko.

Russland versucht nicht erst seit Februar 2022 die Ukraine niederzuringen. Nur hat das im Westen nur wenige interessiert. In dem nun erschienenen Band „Unrecognized War: The Fight for Truth About Russia’s War on Ukraine“ bieten die Autorinnen und Autoren eine aufschlussreiche Perspektive auf die westliche Reaktion auf Russlands Auftreten als Schurkenstaat. Die scharfsinnigen Argumente der Autoren nehmen den Glanz aus dem geschliffenen politischen Gebaren der westlichen Führer und entlarven deren unangemessenes und unverantwortliches Handeln, heißt es im Klappentext. Die Autoren argumentieren, dass in der Ukraine nicht nur ein Territorium auf dem Spiel steht, sondern der historische Weg für die Demokratien der Welt.

Viele reden heutzutage von Frieden, wenn es um den russischen Krieg in der Ukraine geht. Doch nur die wenigsten können sagen, wie das gelingen soll. Antworten auf die Frage bietet möglicherweise das Buch „Understanding Contemporary Russian Militarism: From Revolutionary to New Generation Warfare“ des ukrainischen Soziologen Olexander Hryb. Aus russischer Sicht war der Untergang der Sowjetunion eines „angelsächsischen“ geheimen Informationskriegs gegen Russland geschuldet, auf den Russland reagieren musste. Einen Frieden unter für beide Seiten akzeptablen Bedingungen hält Hryb für nicht unmöglich. Diese könnten auf der Theorie des gerechten Krieges beruhen, die in den christlichen Werten wurzelt, zu denen sich Russland als Quelle seiner moralischen Überlegenheit gegenüber dem Westen bekennt.

Im Jahr 2007 brachte die damals 84-jährige Franceska Michalska auf Polnisch ein Buch über ihr Leben heraus. Michalska kam 1923 nahe der polnisch-sowjetischen Grenze zur Welt. Sie erlebte die besetzte Ukraine durch die Sowjets, sie erlebte den Holodomor. Später wurde sie Ärztin in Polen, dessen Staatsbürgerschaft sie erhalten hatte. 2016 starb sie im hohen Alter von 93 Jahren. Nun sind ihre Memoiren unter dem Titel „Stubborn Life: Hardship and Hope in Ukraine, Kazakhstan, Poland“ zumindest schon mal auf Englisch erschienen. Ob eine deutsche Übersetzung folgt?

Und noch ein Buch, bei dem ich mich frage: Warum gibt es davon keine deutsche Übersetzung? Die ukrainische Wissenschaftlerin Kateryna Zarembo hat den Donbas oft bereit und mit vielen Menschen dort gesprochen. In ihrem Buch „Ukrainian Sunrise: Stories of the Donetsk and Luhansk Regions from the Early 2000s“ zeichnet Zarembo ein ganz anderes Bild der Region als das, das oft in den Medien zu sehen ist: Donezk und Luhansk haben ihre sowjetische Vergangenheit abgelegt und sich bis zur Invasion 2014 wieder als ukrainisch etabliert. Wir erfahren von Teilen der Region, die die meisten von uns nie zu Gesicht bekommen werden. Die Autorin verleiht den Stimmen der Einheimischen Gehör, deren Handlungsfähigkeit in der Vergangenheit zunächst durch den sowjetischen Mythos des Donbas und dann durch die politischen Eliten der Ukraine verleugnet wurde. Seit der russischen Invasion 2014 und vor allem seit dem umfassenden Krieg ist die Region zum Schauplatz der heftigsten Kämpfe geworden, und viele der in diesem Buch erwähnten Orte sind heute nur noch Ruinen. Dieses Buch ist eine unverzichtbare Lektüre, um den ukrainischen Osten und seine Menschen kennenzulernen, die sich durch die russische Invasion für immer verändert haben, heißt es im Klappentext.

Der evangelische Theologe Max Hartmann lernte in Lwiw die Kunstszene Nowa Ikona kennen und dadurch den ukrainischen Künstler Danylo Movchan. Danylos Bruder Mikhailo ist 2023 in Bachmut gefallen. In Bildern verarbeitet der Künstler seinen Schmerz und den Krieg. Hartmann hat sich mit ihm getroffen. Die Gespräche geben Einblick in seine Erfahrung der Zeit der Sowjetukraine, dem Trauma der Geschichte der Ukraine, der Unabhängigkeit des Landes, dem Beginn des Krieges, aber auch über seinen Werdegang zum Künstler und dem Verständnis seiner Arbeit.

Wegen der Wahlen schauen die Medien gerade etwas genauer auf Rumänien. Zu einer prägenden Figur des Landes ist nun ein Buch erschienen. Der Autor Dejan Popa schreibt über Gheorghe Gheorghiu-Dej (1901-1965), rumänischer Politiker und von 1961 bis zu seinem Tod Staatsüberhaupt der damaligen Volksrepublik Rumänien. In Armut aufgewachsen brachte er es als einfacher Arbeiter zum Anführer der kommunistischen Partei und dann des Landes selbst. Popa „beleuchtet dabei die Komplexität seiner Persönlichkeit und seine politischen Strategien, die gleichermaßen von ideologischem Eifer und pragmatischem Kalkül geprägt waren“.

Raider heißt jetzt Twix, sonst ändert sich nix. An diesen Spruch musste ich denken, als mir „Der junge Stalin“ des britischen Historikers Simon Sebag Montefiore untergekommen ist. Das Buch ist schon 2008 erschienen, damals im Fischer-Verlag. Jetzt bringt es – der Seitenzahl nachgehend – wohl unverändert der Clett-Kotta-Verlag neu heraus.

Ihr habt es ja sicher auch schon alle mitbekommen. Angela Merkel hat ihre Autobiografie herausgebracht. Besonders großen Anklang scheint es nicht gefunden zu haben. Wäre natürlich trotzdem interessant zu lesen, was Merkel nach fürchterlichen Angriffskrieg Russlands so zu ihrer Russlandpolitik zu sagen hat und wie das damals alles so abgelaufen ist. Also mich interessiert das Buch schon, ist aber echt ne Menge Holz.

Es ist im November aber auch ein kritisches Buch zu Merkel erschienen. Einmal vom Historiker Klaus-Rüdiger Mai. Der Titel sagt es schon („Angela Merkel: Zwischen Legende und Wirklichkeit – Eine kritische Biografie“) geht Mai mit der ehemaligen Bundeskanzlerin hart ins Gericht, will sie mit seinem Buch aber nicht Dämonisieren. Wie viel Osteuropa in dem Buch steckt, wage ich nicht zu sagen, aber es hilft vielleicht mehr, Merkels Politik zu verstehen, als die Autobiografie.

Die Befreiung von Auschwitz jährt sich am 27. Januar 2025 zum 80. Mal. Das bringt es wohl mit sich, dass zu dem Thema vermehrt Bücher erscheinen. Drei sind mir im November aufgefallen. Einmal das Werk „Kaltes Krematorium: Bericht aus dem Land namens Auschwitz“ des ungarischen Schriftstellers Joszéf Debreczeni (1905-1978). Er wurde als Jude 1944 nach Auschwitz deportiert und schrieb kurz nach seiner Befreiung seinen Bericht: „eine gnadenlose Anklage von höchster literarischer Qualität“. 1950 erschien sie erstmals auf Ungarisch. Und jetzt nun endlich auf Deutsch.

Dann hat der Journalist Sebastian Christ. Er schreibt über Otto Küsel, der in Polen als Held gilt, in Deuschland aber nahezu unbekannt ist. In dem Buch „Auschwitz-Häftling Nr. 2“ erzählt Christ die Geschichte dieses deutschen „Berufsverbrechers“. Küsel kommt im Mai 1940 nach Auschwitz und rettet dort Hunderten von polnischen Häftlingen das Leben. 1942 gelingt ihm die Flucht aus dem KZ und er lebt neun Monate im Untergrund. Nach dem Krieg wurde ihm die polnische Staatsbürgerschaft ehrenhalber angeboten.

Maria Genitheim ist die Tochter einer Frau, die nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 ins Deutsche Reich deportiert wurde. Damals 14-jährig lebte diese noch junge Frau namens Janina Tarasek auf einem Bauernhof in Tirol, verliebte sich in den Hoferben und gebar ihm eine Tochter, eben jene Maria Genitheim. Doch Janina musste den Hof mit ihrem Kind verlasse. Maria Genitheim, Autorin des Buches „Ich war das Kind einer Zwangsarbeiterin“ hat ihren Lebensweg ausgeschrieben. Sie wurde von eine liebevollen Pflegefamilie aufgezogen, litt aber unter der Diskriminierung als „lediges“ Kind und fand später ihre Mutter in Polen wieder.

Der deutsche Autor Louis Pawellek beschäftigt sich schon lang mit dem Holocaust und hat mit vielen KZ-Überlebenden gesprochen. Für sein Buch „Es gab mehr als nur Auschwitz: Gedenkorte, die niemals in Vergessenheit geraten dürfen“ ist er durch ganz Europa gereist und hat 17 weniger bekannte Gedenkorte dieses Verbrechens besucht. In dem Buch berichtet er über seine Eindrücke und die Geschichte der einzelnen Orte.

Der promovierte Historiker Jacob Nuhn beschäftigt sich mit Stadt- und Raumgeschichte. Während die alternative Szene im früheren Westdeutschland gut erforscht ist, gibt es in der Ex-DDR, Polen und weiteren Ländern des ehemaligen Ostblocks noch große Lücken. Diese will Nuhn mit seinem Werk „Alternative Szenen in der (post-)sozialistischen Stadt: Räume und Verortungen in Dresden und Wroclaw vor und nach 1989“ füllen. Er nimmt Polen und die DDR genauer in den Blick. „Er fragt nach den Spielräumen für alternative Raumnahmen im Realsozialismus und befasst sich mit den Auswirkungen des Systembruchs von 1989 sowie den Anpassungsprozessen an Kapitalismus und liberale Demokratie in den 1990er Jahren“, heißt es im Klappentext.

In „Brief an meinen Diktator“ verarbeitet der rumänische Journalist Eugène Meiltz seine schwierige Beziehung zu Ceauceşcu, dem früheren Alleinherrschers Rumänien. Meiltz wurde in Rumänien 1969 geboren, seine Eltern flohen in die Schweiz und holten ihn mit sechs Jahren nach. Verdutzt verfolgt er 1989 am Fernsehen den Volksaufstand in Bukarest, die Prozessfarce gegen den gefallenen Diktator und dessen brutale Hinrichtung. Erst mit fünfzig erfährt er von seiner Mutter, dass er sein Leben dem Diktator verdankt; denn ohne Ceauceşcus striktes Abtreibungsverbot von 1969 hätte sie die Schwangerschaft nicht ausgetragen. Eugène findet, er sei Ceauceşcu also etwas schuldig. Diese »irritierende Schuld« will er mit einem offenen Brief abtragen. »Brief an meinen Diktator« ist eine von Humor, Wut und Menschlichkeit geprägte Auseinandersetzung mit den Vernarbungen einer Diktatur.

Wenn Leute im Internet die gesamte Ukraine als Nazi-Staat verunglimpfen wollen, kommt dann relativ schnell das Argument Asow. Doch wer sind die Leute eigentlich, die dieser Brigade damals angehörten? Wie hat sich Asow entwickelt, welche Rolle spielte sie eigentlich. Dazu ist jetzt ein Band mehrere Autoren unter dem Namen „In the Eye of the Storm: Origins, Ideology, and Controversies of the Azov Brigade, 2014-2023“ erschienen.

Was hat der große Invasionskrieg eigentlich bislang mit den Ukrainern als Gesellschaft gemacht? Die zwei ukrainischen Soziologen Volodymyr Paniotto und Anton Grushetsky haben sich das genauer angesehen und nun ihr Buch „War and the Transformation of Ukrainian Society (2022–23): Empirical Evidence“ herausgebracht. Der Band sei nicht nur eine unschätzbare Quelle für Daten zur öffentlichen Meinung, sondern bildet auch eine Grundlage für die weitere Analyse der Nachkriegsrealität, heißt es in der Buchbeschreibung.

Den Gulag gibt es schon länger nicht mehr, Prosa darüber aber jede Menge. Die Professorin Polly Jones hat sich genauer mit dieser Belletristik auseinandergesetzt und nun das Werk „Gulag Fiction: Labour Camp Literature from Stalin to Putin“ herausgebracht. Sie analysiert Prosatexte aus dem 20. und 21. Jahrhundert durch das Prisma von Schlüsselthemen der zeitgenössischen sowjetischen Geschichtsschreibung und der Holocaust-Literaturwissenschaft: Selbstsein und Überleben, Täterschaft und Verantwortung, Erinnerung und Nacherinnerung.

Viele wurden in Stalins Repressionsapparat unschuldig verhaftet. Und viele glaubten durch ein falsches Geständnis ihr Leben zu retten. Einer, der sich der Willkürjustiz nicht beugen wollte, war der Ukrainer Oleksandr Shumskyi. Unter dem Titel „Stalin’s Liquidation Game: The Unlikely Case of Oleksandr Shumskyi, His Survival in Soviet Jail, and Subsequent Arcane Assassination“ ist jetzt ein Werk über sein Leben und auch seine ukrainischen Intelligenzgenossen erschienen, die zu dieser Zeit ebenfalls verhaftet wurden.

Der polnisch-israelische Journalist und Schriftsteller Roman Frister (1928-2015) überlebte den Holocaust, lebte bis 1957 in Polen und emigrierte dann nach Israel. 1997 erschien seine Autobiografie „Die Mütze oder Der Preis des Lebens: Erinnerungen eines KZ-Überlebenden“, die wegen seiner schonungslosen Offenheit – auch gegenüber den Juden selbst – für Aufsehen sorgte. Jetzt hat der Pantheon Verlag es in einer Neuausgabe wieder rausgebracht.

Es muss wohl eine besondere Ehre sein, wenn sich schon zu Lebzeiten Akademiker mit den Werken von Autoren auseinandersetzen. Matthias Hauk hat sich eingehender mit den Werken von Saša Stanišić, Jagoda Marinić und Marko Dinić beschäftigt. Dem Akademiker ging es darum, die Vielfalt an postjugoslawischen Reisedarstellungen einer kulturellen in-group sowohl in ihren Themen und Motiven als auch in ihren formalästhetischen Merkmalen herauszuarbeiten und auszudifferenzieren.

Der Doktorant Joscha Döpp hat sich in seiner Masterarbeit mit Nazi-Verbrechen in der Ukraine beschäftigt. In seiner Arbeit „Von Babyn Jar nach Darmstadt: Der SS-Sonderkommandoführer Kuno Callsen vor Gericht“ beschäftigt er sich mit Angehörigen eines Sonderkommandos, die auf ihrer Marschroute durch die Ukraine 1941 eine Blutspur hinterließen. 80.000 ukrainische Juden haben die Männer getötet. 1967 wird elf von ihnen in Hessen der Prozess gemacht. Hauptangeklagter ist Kuno Callsen. Die Arbeit beleuchtet erstmals die Ermittlungen zu den Verbrechen dieses Sonderkommandos.

Und für die Osteuropahistoriker unter meinen Followern: Der dritte Band des Handbuches zur Geschichte Südosteuropa ist erschienen. Auf fast 1200 Seiten soll es diesen Teil Europas besser als bisher historisch zugänglich machen. Es geht um die Ereignisse ab etwa 1800, Quellen in aller sprachlichen Vielfalt werden berücksichtigt und „westliche“ Perspektivverengung wird vermieden.

In den 1920er Jahren lebten so viele Russen in Berliner Stadtteil Charlottenburg, dass es auch unter dem Namen „Charlottengrad“ bekannt war. Der Universitätsprofessor Roman Utkin hat das intellektuelle Schaffen der Exil-Russen in Charlottengrad untersucht und zeigt auf, wie die Mitglieder der Gemeinschaft ihr Gefühl des Russischseins mit ihrer Position in einer modernen westlichen Stadt mit künstlerischer, philosophischer und sexueller Freiheit in Einklang brachten.

Flüchtlinge kosten nur Geld und führen nur zu Problemen. Dass das nicht stimmen muss, hat die Professorin Volha Charnysh in ihrem Buch „Uprooted: How Post-WWII Population Transfers Remade Europe“ herausgearbeitet. Sie hat sich ausführlich mit Flüchtlingsbewegungen in Polen und Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Ihre Erkenntnis: Der Bruch sozialer Bindungen und die zunehmende kulturelle Vielfalt in den betroffenen Gemeinden verringern nicht nur den sozialen Zusammenhalt, sondern steigern auch die Nachfrage nach staatlich bereitgestellten Ressourcen, was die Akkumulation staatlicher Kapazitäten erleichterte. Im Laufe der Zeit erreichten die Gebiete, die einen größeren und vielfältigeren Zustrom von Migranten erhielten, ein höheres Niveau an Unternehmertum, Bildung und Einkommen. Mit seinen reichhaltigen Erkenntnissen und überzeugenden Beweisen stelle „Uprooted“ gängige Annahmen über die Kosten von Vertreibung und kultureller Vielfalt in Frage und schlägt einen neuartigen Mechanismus vor, der Kriege mit dem Aufbau von Staaten verbindet.

Auch um Vertreibung geht es in dem Band „Verlorene Heimat“, herausgegeben von den beiden Spiegel-Journalisten Felix Bohr und Solveig Grothe. Hier geht es um die 14 Millionen Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus den ehemaligen Ostgebieten vertrieben wurden. Sowohl in Ost- als auch Westdeutschland trugen sie ihre Traumata mit sich. Die beiden Spiegel-Autoren und Historikerinnen zeigen, wie diese Traumata bis heute nachwirken und die Haltung vieler Deutscher gegenüber Migranten aus dem Nahen Osten oder Afrika prägen. Und sie wollen klar machen, warum wir die dunkle Vorgeschichte der Zwangsumsiedlungen kennen müssen, um deutsche Fluchtschicksale zu verstehen.

Der ukrainische Nationalismus zeigte sich nicht nur doch die Taten der OUN oder der UPA. Auch in Zeitungen war er zu finden. Diesen Texten hat sich Ernest Gyidel gewidmet und die Erkenntnisse daraus in seinem Buch „Ukrainian Public Nationalism in the General Government: The Case of Krakivski Visti, 1940–1944“ zusammengefasst.

Wer sich mal so richtig tiefgründig in die Beziehungsgeschichte zwischen der Ukraine und Russland einlesen will, für den ist eventuell „The Institutional Foundations of Ukrainian Democracy: Power Sharing, Regionalism, and Authoritarianism“ von Nataliya Kibita etwas. Kibita untersucht die jahrhundertelangen und sowjetischen Ursprünge des Regionalismus in der Ukraine, die nach Ansicht der Autorin die Grundlage des modernen ukrainischen institutionellen Systems bilden. Anhand von ungenutztem Archivmaterial untersucht sie die Beziehungen zwischen Moskau, Kijyw und den ukrainischen Regionen im Zeitraum vom Frühjahr 1917 bis zum Sommer 1994, um zu zeigen, wie miteinander verknüpfte politische und wirtschaftliche Anreize und Zwänge die Möglichkeiten und institutionellen Interessen sowohl der ukrainischen Führung als auch der ukrainischen Regionen bestimmten und wie dieser institutionelle Rahmen wiederum die Dynamik der Beziehungen zwischen der zentralen Führung in Moskau, der ukrainischen Führung und den Regionen beeinflusste.
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