So, hier nun die ganzen Neuerscheinungen über Osteuropa aus dem Oktober 2024. Ist diesmal wirklich viel, thematisch vor allem Russland, Ukraine und Krieg.

Die bekannte Osteuropahistorikerin Anne Applebaum hat ein neues Buch herausgebracht. In „Die Achse der Autokraten“ geht es aber über Osteuropa hinaus. Denn Russland und Belarus spielen darin natürlich eine Rolle. Doch Applebaum denkt diesmal global. Denn die osteuropäischen Autokratien könnten sich vielleicht nicht so gut halten, wenn sie nicht mit anderen Autokratien auf der Welt zusammenarbeiteten und sich gegenseitig stützten, wie etwa China oder Syrien. Die Autorin will mit ihrem Buch auch aufzeigen, wie diese autokratische Allianz unsere Demokratie untergräbt.

Aber Autokratien bestehen nicht nur aus deren Machthabern, sondern auch aus willigen Helfern. Um diese geht es in „Die Söldner des Kremls: Wagner und Russlands neue Geheimarmeen“ der beiden Journalisten Lou Osborn und Dimitri Zufferey. Bis zu Prigoschins Aufstand war die Wagner-Truppe Putins Koch, wie er auch früher genannt wurde, unterstellt. Zum einen erzählen die beiden um die Ursprünge der Wagner-Söldner, aber auch darum wo und wie sie weltweit operieren und was sich nach Prigoschins Tod alles verändert hat.

Und wer sich so richtig zum Wagner-Experten mausern will. In diesem Monat ist auch auf Englisch zu dem Thema ein Buch erschienen. In Jack Margolins Buch „The Wagner Group: Inside Russia‘s Mercenary Army” geht es um die Söldnertruppe bis zu Prigoschins Tod. Margolin nimmt einzelne Kommandeure und Fußsoldaten in den Blick, die in der Ukraine, in Syrien und Afrika kämpfen. Inwieweit es Überschneidungen zu Osborns und Zuffereys Buch gibt, kann ich nicht sagen. Das müsst ihr selbst herausfinden.

Der ehemalige britische Diplomat Christopher Steele kennt Russland ziemlich gut. Er erlebte dort den Zusammenbruch der Sowjetunion hautnah, war lange Berater von Regierungen für Russland. Bekannt wurde 2016 sein „Trump-Russland-Dossier“, in dem er über Trumps Verbindungen nach Russland schrieb. Nun ist Steeles erstes Buch mit dem Titel „Ungefiltert: Trump, Russland und der globale Kampf um die Demokratie“ erschienen. Durch seine Biografie habe er sich einen privilegierten Einblick in die Vorgänge im Kreml verschaffen können, und zeige, wie sehr wir im Westen uns über Russland Sorgen machen sollten. Zudem will der Autor erklären, was die westlichen Regierungen tun müssen, um „dieser Jahrhundertbedrohung zu begegnen“.

Und irgendwie ist der Oktober ein Russland-Monat. Der Historiker Bastian Matteo Scianna hat die jüngere deutsche-russische Geschichte in den Blick genommen. In seinem 719 Seiten starken Buch „Sonderzug nach Moskau: Geschichte der deutschen Russlandpolitik seit 1990“ arbeitet Scianna durch die Auswertung bislang unbekannten Archivmaterials die Beziehungen zwischen den beiden Ländern auf und will erklären, dass nicht nur Deutschland „blind und naiv“ Russland gegenüber war – die Sache also doch etwas komplizierter ist -, aber das Deutschland auch einige gravierende Fehler gemacht hat. Das Buch wird beworben als die „erste historische Aufarbeitung der deutschen Russlandpolitik seit 1990“.

Viele haben sich in Russland geirrt. Doch nur wenige geben das offen und ehrlich zu. Eine von ihnen ist Osteuropa-Historikerin und Journalistin Susanne Spahn. In ihrem Werk „Das Russland-Netzwerk: Wie ich zur Russland-Versteherin wurde und warum ich es heute nicht mehr sein kann“ will Spahn nicht nur zeigen, wie Russland mit seinen Propaganda-Medien die Meinung im In- und Ausland beeinflussen will, sondern wie der Staatsapparat auch ein Netzwerk aus Journalisten, Politikern und Aktivisten in Deutschland aufgebaut hat. Und wie sich ihr eigenes Bild von Russland gewandelt hat.

Und wer sich noch tiefer mit der Einflussnahme Russland bzw. Putins auf Europa und speziell Deutschland beschäftigen will. Für den wäre sicher „Europas Brandstifter: Putins Krieg gegen den Westen“ der Correctiv-Journalisten Marcus Bensmann und David Schraven etwas. Für das Buch haben die beiden „alte Stasi-Akten zu Putins frühen Jahren in Dresden ausgewertet, das Lobbynetzwerk um Gazprom mit seinen Verstrickungen bis tief in die deutsche Politik transparent gemacht und über Russlands Verrohung berichtet, über die Korruption im Justizsystem, über die Gewalterziehung in der Armee und die Kriegsverbrechen russischer Soldaten“.

Einer, der Russland besonders gut kennt, weil er seit Jahrzehnten in Moskau lebt, ist Jens Siegert. In seinem neuesten Buch „Wohin treibt Russland?“ analysiert er, in welchem politischen System die Russen leben, erklärt, was Russland unter Demokratie eigentlich versteht, gibt Einblicke in die russische Geschichte und Gegenwart und versucht eine Antwort zu geben, worauf wohl keiner wirklich eine konkrete Antwort weiß. Was kommt eigentlich nach Putin?

Die russische Kulturjournalistin Irina Rastorgueva will uns in ihrem Buch „Pop-up-Propaganda: Epikrise der russischen Selbstvergiftung“ die russischen Realitäten näherbringen. Ihr Buch besteht aus einer Montage von Zeitungsfundstücken und unabhängigen Berichten und aus ihren persönlichen Erfahrungen, aus der Analyse kremlkritischer und russlandtreuer Autoren. Und wie sich die russische Gesellschaft selbst vergiftet.

Dmitry Glukhovsky gehört sicher zu den bekanntesten russischen Gegenwartsautoren, dessen Werke regelmäßig ins Deutsche übersetzt werden. In „Wir. Tagebuch des Untergangs“ erscheinen gesammelt Tagebucheinträge des Autors aus den vergangenen zehn Jahren. Das er wirklich ein präziser Beobachter seiner Umgebung und der Gesellschaft in der er lebt ist, konnte ich bereits in seinem wirklich guten Buch „Geschichten aus der Heimat“ lernen. Ohne das Buch bislang gelesen zu haben, würde ich meine Hand dafür ins Feuer legen, dass ihr den Kauf nicht bereuen werdet. Ich hoffe aber auch, dass ich bald mal dazu komme es zu lesen.

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Auch, wenn man es vielleicht nicht sieht, gibt es Russinnen und Russen, die gegen das Putin-Regime sind und dagegen Widerstand leisten. Diesen Menschen widmet sich Valerie Brosch in ihrem Buch „Gegen die russische Staatsgewalt“. Die Autorin schreibt von Sabotageakten und Brandangriffen in Russland, von der Unterstützung politischer Gefangener und dem Kampf an der Front auf ukrainischer Seite. So gibt sie viele Facetten gelebter Solidarität wieder.

Und damit es nicht untergeht. Die Autobiografie des (wohl) ermordeten bekannten russischen Oppositionellen Alexej Nawalny ist erschienen. An seinem Buch „Patriot“ hat er von 2020, nach seiner Vergiftung, bis zu seinem Tod in Gefangenschaft geschrieben. Es geht um sein Leben, seine Jugend, seine Arbeit als Aktivist und Politiker, um seine Familie. Das man das Buch aber auch sehr kritisch sehen kann, zeigt die Rezension des Journalisten Nikolai Klimeniouk. Lesenswert: https://www.klimeniouk.info/post/irrtuemer-bis-zuletzt

Ich weiß, was ihr mich jetzt fragt: Thomas, ist denn im Oktober nichts zur Ukraine erschienen? Doch. Und zwar einiges. Der auf der Krym geboren und aufgewachsene Journalist Pavlo Kazarin legt mit „Der Wilde Westen Ost-Europas: Der ukrainische Weg aus dem Imperium“ ein Buch vor, dass beschreiben soll, wie sehr sich die Ukraine in den vergangenen zehn Jahren gewandelt hat.

Wie stellen sich Ukrainerinnen und Ukrainer eigentlich ihre Zukunft vor. Darüber geht es in dem Essayband „Die Zukunft, die wir uns wünschen“. Darin enthalten Texte von bekannten ukrainischen Schriftstellern wie Tanja Maljartschuk, Andrij Kurkow, Natalka Sniadanko und Serhij Zhadan. Die Essays geben Einblicke in ihr Denken, ihre Gefühle und ihre Wünsche.

Und wer noch mehr über die Lebenswelt der Ukrainer erfahren will, dem sei das Buch „Deutsch-ukrainische Geschichten: Bruchstücke aus einer gemeinsamen Vergangenheit“ empfohlen. Etwas, was noch viel zu unbeleuchtet ist, wird hier in vielen Aufsätzen beschrieben. Die lange Geschichte des geistigen und kulturellen Austauschs zwischen Deutschland und der Ukraine, der Migration und der diplomatischen Beziehungen zurück.

Es war eine besonders große Freude, als am 18. Oktober endlich die Nachricht kam, dass der bekannte ukrainische Friedensaktivist Maksym Butkevych freigelassen wurde. Wenige Tage vorher erschien das kleine Buch „Am richtigen Platz“ mit seinen Texten auf Deutsch. Darin enthalten Einblicke „in die Ungerechtigkeiten in Kriegszeiten und dem Dilemma, sich als Friedensaktivist freiwillig zur Armee zu melden“.

Eindrückliche Schicksale im Krieg findet ihr in dem Buch „Dark Days, Determined People: Stories from Ukraine under Siege“ der Autoren Orysia Hrudka und Bohdan Ben. Etwa von einem Kyjiwer Theologieprofessor, der als Scharfschütze sein Land in der Nähe Tschornobyls verteidigt. Oder von einer kleinen Gruppe, die Einwohner der belagerten Stadt Tschernihiw über versteckte Straßen rettet. Oder über einen Geschäftsmann, der Tag für Tag die Leichen gefallener Soldaten abtransportiert. Insgesamt gibt es in dem Buch 21 Geschichten, die von Mut, Widerstandsfähigkeit, Schmerz, Tod, Liebe und Hoffnung erzählen.

Man will sich kaum vorstellen, wie Kinder diesen Krieg in der Ukraine erleben. In dem zweisprachigen Buch (ukrainisch-englisch) „Through the Eyes of Children: Quotes from Childhood Interrupted by War in Ukraine” geht es um die Kleinsten, eine Sammlung von Kinderzitaten. Der Erlös des Buches geht an die Voices of Children Charitable Foundation, die sich für die psychische Gesundheit ukrainischer Kinder einsetzt.

Wer sich hintergründig zu Russlands Krieg gegen die Ukraine informieren will, aber dafür kein 1000-Seiten-Buch lesen möchte, dem sei das kleine Büchlein von Gwendolyn Sasse ans Herz gelegt. Jetzt kam es in einer aktualisierten Ausgabe heraus. Es gibt auch schon eine Rezension von der Erstauflage.

In der Ballettwelt muss man ihn wahrscheinlich nicht mehr groß vorstellen. Da gehört Alexej Ratmansky zu den ganz Großen. Jetzt ist in Zusammenarbeit mit der Journalistin Marina Harss die Biografie des heute 56-Jährigen erschienen. Darin wird das Leben dieses Ausnahmetänzers beschrieben, von seiner sowjetischen Kindheit bis zu den Höhepunkten seiner Ballettkarriere, die in ans Bolschoi-Theater und nach New York führt. Zehn Jahre hat er an der Biografie gearbeitet und kommt genau zu einem Zeitpunkt heraus, als sich Ratmansk aus Solidarität mit seiner Heimat, der Ukraine, öffentlich und schmerzhaft von Russland, dem Land, in dem er sich einen Namen gemacht hat, trennte.

Drei Bücher zur Ukraine habe ich noch. Der ukrainische Journalist und Präsident von PEN Ukraine Volodymyr Yermolenko hat in dem Buch „Why Do They Kill Our People?: Russia’s War Against Ukraine as Told by Ukrainians“ eine Vielzahl an Berichten über russische Kriegsgräueltaten gesammelt. Es gibt darin Berichte aus erster Hand über Tötungen, illegale Verhaftungen, Folter und schwere Bombardierungen ziviler Siedlungen durch das russische Militär während des Einmarsches in die Ukraine. Sicherlich keine leichte Lektüre.

Wer mich kennt, weiß, dass ich mir nicht viel aus Fußball mache. Deshalb sagte mir der Name Oleksandr Zinchenko nichts. In der Fußballwelt ist der Ukrainer aber eine große Nummer. Jetzt hat er seine Autobiogafie mit dem Titel „Believe“ vorgelegt. Darin beschreibt er seinen Aufstieg zum Fußballstar und wie er seit dem großen Angriffskrieg seine Bekanntheit dafür einsetzt, Geld und Unterstützung für sein Land zu sammeln.

Und ein sehr christlich angehauchtes Buch von dem Journalisten Chris Herlinger. In „Solidarity and Mercy: The Power of Christian Humanitarian Efforts in Ukraine” geht es um katholische Schwestern, Geistliche und humanitäre Helfer, die vom Krieg Betroffenen in der Ukraine helfen.

Der russische Krieg in der Ukraine und auch sicher der im Nahen Osten führen dazu, dass sich auch weiter vermehrt Experten mit dem Thema Krieg im Allgemeinen beschäftigen. So hat etwa der Historiker Richard Overy ein Buch mit dem Titel „Warum Krieg?“ herausgebracht. Das ist eine Frage, die sich viele wohl stellen. Overy spannt dabei den Bogen bis in die Antike zurück. Ob das Buch hilft den russischen Krieg besser zu verstehen, kann ich aber nicht genau sagen.

Auch der Politikberater Franz-Stefan Gady hat sich mit dem Thema Krieg beschäftigt, aber viel mehr auf die Gegenwart bezogen. Das Buch „Die Rückkehr des Krieges: Warum wir wieder lernen müssen, mit Krieg umzugehen“ hilft hoffentlich dabei, von den ganzen Eskalationsschreiern etwas Abstand zu nehmen und sachlich wie auch unaufgeregt erzählt zu bekommen, wie man als Einzelner mit den aktuellen Kriegen umgehen kann und sollte.

Und noch ein Buch zum Thema Krieg, dass auch so kurz und knapp heißt: „Krieg“. Der US-amerikanische Journalist Bob Woodward, Aufdecker des Watergate-Skandals, will uns in seinem Buch mitnehmen an die entscheidenden Schauplätze der Gegenwart und ein Gefühl für die Komplexität und das Risiko politischer Entscheidungen in Zeiten des Krieges vermitteln. Woodward vermittelt Einblicke hinter die Kulissen der internationalen Politik: Telefonate zwischen Putin und Biden, hektische Diplomatie in Hinterzimmern, gewagte Geheimdienstoperationen.

Und ein weiterer US-Amerikaner beschäftigt sich intensiv damit, was Putin eigentlich antreibt, diesen Krieg gegen die Ukraine vom Zaun zu brechen. „Putin’s War on Ukraine: Russia’s Campaign for Global Counter-Revolution“ von Samuel Ramani ist bereits im vergangenen Jahr erschienen und jetzt in der ehrlich gesagt nicht wirklich viel günstigeren Taschenbuchausgabe zu haben. Ramani geht der Frage nach, warum sich Putin für einen Regimewechsel in der Ukraine und nicht für eine Intervention in kleinerem Maßstab im Donbas entschieden hat, und untersucht die Auswirkungen auf die Legitimität seines eigenen Regimes. Wie hat sich der langfristige politische und außenpolitische Kurs Russlands verändert? Und wie wird die internationale Reaktion die Weltordnung umgestalten?

Der russische Krieg gegen die Ukraine auch etwas damit zu tun hat, dass sowohl Putin als auch Teile seines Volkes nicht damit leben können, dass das sowjetische Imperium Geschichte ist. Was nach dem Zerfall dieser Weltmacht mit seinen ehemaligen Regionen passiert ist, dass hat der Journalist und Moskau-Korrespondent Jo Angerer in seinem Buch „Von der Weltmacht zum Weltkrisenherd“ beschrieben. Dafür ging er in entlegene Regionen, sprach mit Experten, Zeitzeugen sowie Ukrainern und Russen, die vor dem Angriffskrieg Russlands geflohen sind.

Und noch ein Buch beschäftigt sich mit der Zeit nach dem „Eisernen Vorhang“. Der Autor Christoph David Piorkowski untersucht in seinem Buch „Demokratie im Kreuzfeuer“ die Ideologien, Gesellschaftsmodelle und Machttechniken der autoritären Widersacher des Liberalismus und erklärt, in welcher Hinsicht die Demokratie für ihre Krise auch selbst verantwortlich ist – und wie sie sich verbessern muss, um weiter zu bestehen.

Leon Arons Buch „Riding the Tiger: Vladimir Putin’s Russia and the Uses of War” ist vergangenes Jahr erschienen und nun ist die Taschenbuchausgabe raus. Aron ist selbst aus Russland und vom russischen Regime sanktioniert. In „Riding the Tiger“ analysiert Aron Russland und will uns helfen, die politische Kultur unter Putin, Russlands revanchistische Tendenzen, seinen Einmarsch in die Ukraine und den gefährlichen Weg, der vor uns liegt, besser zu verstehen.

Man muss es wahrscheinlich immer betonen, dass Kanzler Scholz niemals eine Zeitenwende ausgerufen hat, wie es immer wieder behauptet hat. Er sagte damals am 27. Februar 2022 wörtlich: „Wir erleben eine Zeitenwende“. Das klingt mehr nach Beobachter als nach Akteur. Und so wird Scholz auch vielfach wahrgenommen. Der Journalist Christian Schweppe hat sich für sein Buch „Zeiten ohne Wende: Anatomie eines Scheiterns“ mal schlau gemacht, was denn nun wirklich in den zwei Jahren seit Scholz Rede in Deutschland für die Wehrtüchtigkeit getan wurde. Gut weg kommt Scholz in dem Buch sicher nicht.

Dass die Nazis unfassbares Leid über den ganzen europäischen Kontinent gebracht hat, ist hinlänglich bekannt. Doch wie war es für die Menschen, unter deutscher Besatzung zu leben? Die Geschichtsprofessorin Tatjana Tönsmeyer hat sich dem Thema in ihrem 650 Seiten starken Buch „Unter deutscher Besatzung: Europa 1939-1945“ beschäftigt. Sicher ein wichtiges Werk, um zu zeigen, was Besatzung wirklich bedeutet und zu zeigen, was den Ukrainern drohen würde, sollte Russland das Land unterwerfen.

1400 Kilometer. So lange zog sich über Jahrzehnte die innerdeutsche Grenze. Die Journalistin Kerstin Lange ist diese Grenze für ihr Buch „PHANTOM BORDER: A Personal Reconnaissance of Contemporary Germany“ (zu Deutsch: PHANTOMGRENZE: Eine persönliche Erkundung des heutigen Deutschlands) abgelaufen und mit dem Rad gefahren. Dabei erforschte sie die menschlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Geschichten, die das ehemalige deutsche Grenzland umgeben. Das Buch schlägt den Bogen in die Gegenwart und thematisiert Fragen der Migration, Identität und Zugehörigkeit angesichts der Ausbreitung militarisierter Grenzen heute. Abschließend verweist Lange auf den Blick, den das Grüne Band auf viel ältere Landschaften wirft, um Hinweise auf die ökologische Dimension von Heimat zu erhalten.

In dem Buch „Geschichte performen: Öffentliches Gedenken an den Zweiten Weltkrieg im Zeichen des russisch-ukrainischen Krieges“ geht es um die westukrainische Stadt Lwiw. Dort ab seit dem Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine 2014 immer wieder ritualisierte Gedenkveranstaltungen, spontane Kundgebungen und politische Aktionen, die an den Zweiten Weltkrieg erinnerten. Mit ihrem Buch will die Autorin Ekaterina Shapiro-Obermair die komplexe ukrainische Geschichte dem Leser näherbringen.

Wer sich für Historisches begeistern kann, für den ist vielleicht „Wistinghausen: Eine Familie zwischen West und Ost“ von Henning von Wistinghausen. Der Name sagt es schon. Es geht um die Familie Wistinghausen. Die lebte Anfang des 17. Jahrhunderts in Lippe-Detmold, ein paar zog es aber erst nach Lübeck, dann weiter nach Reval (Tallinn) in Estland. Ab 1710 waren sie offiziell russische Untertanen unter Peter dem Großen bis Estland 1918 ein unabhängiger Staat wurde. Die Familie musste sich in fünf Generationen immer wieder neu orientieren. Ab 1813 zählte die Familie aufgrund eines Erlasses von Kaiserin Katharina II. zum russischen Adel. Das Buch beschreibt vor allem die Lebenswege bedeutender Familienangehöriger im Kontext ihrer estländischen und russischen Umwelt.

Flüsse haben auf manche eine magische Anziehungskraft. Über Flüsse werden auch immer wieder Bücher geschrieben. Martyn C. Rady, Professor für Mitteleuropäische Geschichte, hat sich in seinem neuen Buch „Vom Rhein bis zu den Karpaten: Eine neue Geschichte Mitteleuropas“ dem Rhein und den Ländern, durch die er fließt gewidmet. Es geht von der Schweiz bis in die Ukraine und wie Mitteleuropa in den Jahrhunderten geprägt wurde. Es geht um historische Ereignisse wie den Dreißigjährigen Krieg, Napoleon, die beiden Weltkriege und den Kalten Krieg. Wer Jacob Mikanowskis Buch „Adieu, Osteuropa: Kulturgeschichte einer verschwundenen Welt“ bereits gelesen hat und auf der Suche nach ähnlichem Lesestoff ist, wird bei Rady sicher fündig.

Und wer mal so richtig in die slawische Antike eintauchen will, für den hat die Historikerin Barbora Jirincová das Buch „Slavic Ancient Origins: Stories of People & Civilization“ geschrieben. Es geht zurück in die ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt, was sich über die Sprache und die Archäologie über die Anfänge der Slawen sagen lässt, wie sie keltische und germanische Stämme über das Baltikum begleitet haben, das Vakuum füllten, dass das Reich Atillas des Hunnen hinterlassen hat, bis sie sich in den Kategorien Ost-, West- und Südslawen beschreiben ließen.

Hand aufs Herz: Habt ihr schon mal von der sowjetischen Revolutionärin und Schriftstellerin Alexandra Kollontai gehört? Ich ehrlich gesagt noch nicht. Die Autoren Ingo Rose und Barbara Sichtermann haben nun eine Biografie über diese Frau mit dem Titel „Fahren Sie sofort los!: Alexandra Kollontai: Ein Frauenleben zwischen Auflehnung und Macht“ herausgebracht. Kollontai kam aus gutem Hause, zog es aber in den Untergrund Petersburgs und sie wurde Revolutionärin. Die wollte die Gesellschaft verändern und die Frauen befreien. Nach einer Zeit im Exil kehrt sich nach Russland zurück und wird Mitglied im ersten Kabinett Lenin. Ihre Werke gelten als feministische Pflichtlektüre.

Und um gleich mehrere Frauen geht es in dem Buch „Frauen, Macht und Politik im Kalten Krieg (1947-1953): Biografien vor und hinter dem Eisernen Vorhang“ von Johanna Panagiotou. Die Akteurinnen, die Panagiotou beschreibt, bilden ein unzertrennliches Kollektiv, auch wenn sich die vier wohl nie persönlich getroffen haben. Da wäre einmal Regime-Profiteurinnen Hilde Benjamin (DDR) und Ana Pauker (Rumänien), die eine politische Kariere anstrebten, während die Oppositionellen Ethel Rosenberg (USA) und Elli Pappa (Griechenland) der staatlichen Macht ausgesetzt waren, als ihnen unter anderem die Todesstrafe drohte. Mit einem transatlantischen Blick ordnet die promovierte Kulturhistorikerin diese vier Persönlichkeiten der 1950er Jahre in das Schema Macht und Politik ein und beleuchtet die forschungsrelevante Gedanken- und Erlebniswelt der Protagonistinnen unter der Prämisse »Das Private ist politisch und das Politische ist privat«.

Und wenn wir schon bei Frauen sind, da ist noch ein Buch erschienen. In „Tatyana’s War: Escape and Survival on the Eastern Front in World War II” erzählt die Autorin Helen Charov von ihrer Mutter, der 27-jährigen Lehrerin Tatyana Artemyeff, die 1941 sich und ihre zwei Kinder alleine in den von den Nazis Stadt Donezk durchschlagen musste. Ihrer Heimatstadt. Zum Glück konnte sie Deutsch, das half um die brutale deutsche Besatzung zu überleben. Jahrzehnte später hat Helen Charov die Tagebücher ihrer Mutter auf dem Dachstuhl ihres Hauses entdeckt. Aus den Einträgen ist dieses Buch entstanden. Die Autorin schreibt aber auch über sich selbst.

Am 1. September 1939 überfiel Hitler Polen. Zwei Tage später kehrte die polnische Schriftstellerin und Journalistin Aurelia Wyleżyńska aus dem Südosten Polen nach Warschau zurück. Bis zu ihrem Tod im Herbst 1944 hielt sie in ihrem Tagebuch fest, was in der polnischen Hauptstadt passierte und hinterließ – so der Klappentext – „ein Zeugnis von großem historischen und literarischen Wert“. Erst vor zwei Jahren ist das vergessene Tagebuch – verstreut in Archiven und Bibliotheken – auf Polnisch veröffentlicht worden. Und jetzt auch in deutscher Übersetzung.

Und da es thematisch passt. Die „Geschichte Polens“ des Osteuropahistorikers Manfred Alexander ist in einer aktualisierten und erweiterten Ausgab erschienen. Das Buch bietet auf 460 Seiten einen Überblick über die polnische Geschichte von den Ursprüngen im 10. Jahrhundert bis in die Jetztzeit.

Das neue Buch des Geschichtsprofessors Andreas Rödder muss mir im September durchgegangen sein. Also hole ich das jetzt nach. In dem Buch „Der verlorene Frieden“ will uns Rödder erklären, was da ab 1990 eigentlich schief gegangen ist, dass wir heute wieder in so kriegerischen Zeiten leben. Rödder ist allerdings der Meinung, dass „nicht auf eine multipolare Ordnung zusteuert, wie viele meinen, sondern auf einen neuen Ost-West-Konflikt, auf den sich der Westen einstellen muss, wenn er sich behaupten will“.

Rumänien kommt in meinen Updates sehr selten vor. Das Buch „Nadia Comăneci and the Secret Police: A Cold War Escape“ ist bereits 2023 erschienen und ist jetzt in der günstigeren Taschenbuchausgabe zu haben. Es handelt von Nadia Comăneci, die als eine der besten Turnerinnen überhaupt gilt. Mit 14 Jahren erreichte sie bei den Olympischen Spielen 1976 die Bestnote 10,0. Doch der psychische Druck im kommunistischen Rumänien war hart. Im November 1989 flieht sie in die USA. Der rumänische Historiker Stejărel Olaru hat nun eine ausführliche Biografie über die Frau herausgebracht.

Bücher, die über Book on Demand erscheinen, nehme ich auch eher selten in die Updates auf. Aber der Autor ist kein Unbekannter. Herwarth Naujok hat das letzte Werk aus dem Nachlass seines Vaters Rudolf Naujok wohl auf eigene Faust veröffentlicht. Rudolf Naujok (1903-1969) war ostpreußischer Schriftsteller. In dem nun erschienenen Werk „Brücke am Kanal“ sind seine Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend im Memelland zwischen 1903 und 1918 enthalten. Naujoks Vater stirbt, als er drei Jahre alt ist, beim Tod seiner Mutter war er neun. Er kommt ins Waisenhaus und dort entdeckt der Internatsleiter und sein Förderer das literarische Talent des Jungen.

Im Jahr 2012 erschienen „Die Stalingrad-Protokolle“ des Osteuropahistorikers Jochen Hellbeck. Darin enthalten die Auswertung Hunderter Interviews mit Rotarmisten zur Schlacht von Stalingrad. Sie enthüllen das Selbstverständnis und die Motivation der Rotarmisten und ihre Wahrnehmung der deutschen Gegner, heißt es im Klappentext. Zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges bringt der S.Fischer-Verlag das Buch nochmal als Paperback heraus.

Poetisch und philosophisch soll die Prosa sein, in der der polnische Lyriker Tomasz Różycki sein neuestes Werk „Feuerprobe: Die trügerische Kartographie Europas“ gegossen hat. Die noch griffigsten Sätze, die sein Werk im Klappentext beschreiben, stehen am Ende: „In seinen Lektüren, Reisen und Begegnungen entwirft er Europa als zeitliche und geographische Grenzen übergreifenden kulturellen Raum, als Dialog der Texte und – individuellen und kollektiven – Erfahrungen. Dabei richtet er seinen Blick auch auf Katastrophen und Konflikte, die die Geschichte des Kontinents bis heute prägen, insbesondere in Polen und der Ukraine.“

Dass die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen in Ostmitteleuropa noch lange nicht abgeschlossen ist, zeigt das Buch „Helmut Weihenmaier: Vom NS-Kreishauptmann in Polen zum Landrat im Schwarzwald“ des Juristen Ralf Bernd Herden. Weihenmaier war von 1939 bis 1944 im Kreis Zamość mitverantwortlich für die Umsiedlung, Zwangsarbeit, Unterdrückung und Deportation durch die deutsche Besatzungsmacht. In der Bundesrepublik machte er trotzdem Karriere.

Karl Marx hat nicht nur das „Kapital“ geschrieben, sondern sich auch viel mit Russland beschäftigt. Seine Gedanken zur Entstehung und Entwicklung der russischen Autokratie und zu einer Außenpolitik der Arbeiterklasse sind nun in dem Buch „Marx gegen Moskau“ erschienen und „können als Antizipation der aktuellen Situation in der Ukraine verstanden werden“.

Für Kochfans ist der Oktober ein Fest. Da sind gleich drei Bücher erschienen. Einmal „Piekarnia“ mit Rezepten von 80 süßen Gebäcken aus Polen, darunter der Käsekuchen Sernik, der weltbekannte »Babka« zu Pfannkuchen, Pierogi, moderner Layer Cakes, veganer Schoko-Nuss-Kuchen und kreatives Kleingebäck wie »Eklery« (Éclairs).

Vegetarisch in Polen kochen, geht das? Laut dem Buch „Frisch aus Polen: Rote Bete und Harissa: Vegetarische polnische Küche mit überraschenden Zutaten“ anscheinend schon. Es ist das zweite Kochbuch von Michał Korkosz.

Noch viel weiter in den Osten geht es mich einem „Kasachstan-Kochbuch“. Enthalten sind Ideen fürs Frühstück, Suppen, Salate, Fleisch- und Fischgerichte, vegetarisches Essen, Desserts, Getränke sowie Sauces, Cremes und Dips.

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So, ab jetzt wird’s akademisch. Der Assistant Professor Jaganath Sankaran hat sich in seinem Werk „Bombing to Provoke“ genauer damit beschäftigt, wie Staaten Raketen und auch nur die Androhung davon nutzen, um in anderen Ländern Ängste zu schüren. Sankaran will uns an Beispielen aus Russland-Ukraine und Israel-Gaza zeigen, warum Staaten agieren und reagieren, wie sie es tun.

Und hier für die AkademikerInnen und StudentInnen, die sich mehr mit der Literatur Osteuropas beschäftigen wollen. Christian Voß, Professor für Südslawistik in Berlin, gibt in seinem Buch „Die Glokalisierung der südosteuropäischen Literaturen im 21. Jahrhundert“ einen Überblick über die neue und neueste Literatur aus Ex-Jugoslawien, Bulgarien, Albanien und Griechenland.

Die Historikerin Sarah Knoll hat sich in ihrem Buch „Zwischen Aufnahme und Transit“ mit Österreichs Flüchtlingen aus den kommunistischen Ländern während des Kalten Krieges beschäftigt. Sie beschreibt, wie der Staat und Hilfsorganisationen bei der Betreuungsarbeit zusammengewirkt haben und inwiefern diese internationale Sachlage die nationale Politik beeinflusst hat.

Wer sich tiefgründig mit der Nato-Osterweiterung beschäftigen will, der greift wohl am besten zu „Nicht einen Schritt weiter nach Osten“ von Mary Elise Sarotte (erschienen im März 2024). Habe das Buch leider noch nicht gelesen. Jetzt hat der Senior Research Fellow Jan Eichler ebenfalls ein Buch über dieses brisante Thema geschrieben. In „NATO and the War in Ukraine: Geopolitical Context and Long-term Consequences“ will er unvoreingenommen uns über den Erweiterungsprozess berichten. Das Buch soll eine „unverzichtbare Quelle für Wissenschaftler, die ein differenziertes Verständnis der NATO-Erweiterung anstreben“ sein, indem es die vorherrschende Terminologie in Frage stelle und Einblicke in die komplexe Dynamik der internationalen Sicherheit in Europa biete. Ist wahrscheinlich eher was für Spezialisten. Und ohnehin verdammt teuer.

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