Liebe Freunde Osteuropas! Mit „Das zweite Zimmer“ hat die georgische Autorin Magda Kalandadse ihr Debütroman vorgelegt. Und was für ein Debüt! Eindrücklich schildert sie das Leben einer lesbischen Frau aus Georgien, die ihre Homosexualität geheim halten muss.

Zur Story: Elene ist Übersetzerin und Lektorin, was sie mir als studierter Geisteswissenschaftler schon mal sofort sympathisch macht. Sie lebt in Tbilissi, der Hauptstadt Georgiens, zu Anfang noch mit ihrem Mann, der sich aber bald von ihr trennt, weil er von ihrer Homosexualität erfahren hat. Die Miete allein aufbringen ist für Elene kaum möglich. Da kommt es gut, dass die Freundin einer Freundin Elenes ganz dringend ein Zimmer sucht und so zieht bald darauf Lena ein, eine LGBTQ-Aktivistin. Was für Elene, die ihre Homosexualität ja so gut wie möglich zu verheimlichen sucht, am Ende zu mehr Problemen führen könnte, als ihr lieb ist.

Die absolute Stärke des Romans liegt in der erzählerischen Kraft der Hauptfigur. Kalandadse, die sich seit 2012 selbst für queere und feministische Anliegen einsetzt, lässt uns allein durch Elene die Welt um sie herum betrachten. So kriegen wir einen ungefilterten Eindruck von dieser Person, von ihren Ängsten, von ihren Sorgen und auch von ihren intimsten Momenten. Weiß es ihre Mutter vielleicht schon? Hat ihr Ex-Mann ihr etwas erzählt?

So führt Elene ein Leben im Geheimen, verbringt viel Zeit in ihrer Wohnung, ist wütend, wenn ihre Freundin so schon an der Eingangstür zu ihrer Wohnung küssen will. Es passiert jetzt nicht ständig etwas Spektakuläres in dem Roman, aber das macht das Buch besonders glaubhaft und authentisch. Selten habe ich Romane gelesen, in der man so tief in die Gedankenwelt einer Person eingetaucht ist.

Was ich noch positiv hervorheben will – es ist eher ein kleines Detail – gibt es zwar auch Dialoge in dem Roman. Doch diese werden immer aus der Perspektive der Hauptfigur erzählt. Es ist nicht wie in anderen Romanen, in denen durch Dialoge die Textstruktur durchbrochen wird. Etwa so:

„Ja“, sagte sie.

„Ich finde auch“, antwortete er.

„Ja, lass uns gehen“, erwiderte sie.

Die Dialoge betten sich in einen Fließtext ein. Das macht das Lesegefühl noch etwas anders und es liest sich wirklich wunderbar angenehm auf diese Weise.

Mit ihrer ruhigen und prägnanten Sprache ist Kalandadse da wirklich ein fabelhafter Roman gelungen, der sich von der ersten bis zur letzten Seite angenehm liest. Nicht nur für Leserinnen und Leser aus der LGBTQ-Community ist das Buch sehr lesenswert. Nur das Ende hat mich in seiner Radikalität etwas überrascht. Ohne zu spoilern: Bei so einem Ende muss dann aber eigentlich eine Fortsetzung drin sein. Aber unabhängig davon, ob Magda Kalandadse die Geschichte von Elene weiterschreiben wird. Den Namen der Autorin werde ich mir definitiv merken und bin gespannt auf ihren nächsten Roman.

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