Rüdiger von Fritsch, ehemaliger Botschafter in Moskau (2014-2019), hat im Mai 2022 ein 175 Seiten dünnes Buch vorgelegt mit dem Titel „Zeitenwende: Putins Krieg und die Folgen“. Meine Rezension:

Da das Buch den Titel „Zeitenwende“ trägt, einen Begriff, den Scholz unmittelbar nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine gesagt hat und von Fritsch sein Manuskript Mitte April bereits abgeschlossen hat, ist klar, dass das Buch sehr schnell geschrieben wurde.

Ich würde aber nicht sagen, dass das Buch mal eben schnell hingehuddelt ist, aber es bleibt in großen Teilen sehr oberflächlich. Die erste Hälfte des Buches erfährt jemand, der sich bereits lange mit Russland beschäftigt, wenig bis nichts Neues. Er erzählt von Putins Satz der „größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts“, vom „Großen Vaterländischen Krieg“ und der gefühlten Bedrohung durch die NATO. Es ist praktisch Einsteigerwissen, was da wiedergibt, mit der der unwissende Leser grob mit den wichtigsten Fakten versorgt wird, um die Vorgeschichte zum Krieg einordnen und verstehen zu können.

Viel interessanter wären natürlich seine persönlichen Erlebnisse als Botschafter, die er hier und wann in das Buch einstreut, die man aber an zwei Händen abzählen kann. Später geht es dann um die Annexion der Krim, der verdeckte Krieg im Osten der Ukraine und die Sanktionen des Westens. Er schreibt unter anderem, dass im Rückblick gesehen, der Westen mit noch härteren Maßnahmen auf Russlands schweren Völkerrechtsbruch hätte reagieren sollen.

Auch Russlands Eingreifen in Syrien 2015 ist Thema. Putin wollte damit raus aus der Ecke des sanktionierten Paria im festgefahrenen Ukraine-Konflikt und zurück auf die internationale Bühne, schreibt von Fritsch. Er beschreibt die Verhandlungen der USA und des Westens mit Putin, als seine Soldaten im Jahr 2021 sich schon an der ukrainischen Grenze positionieren.

Nicht ganz sicher bin ich über von Fritschs Einschätzung am Ende, dass, wenn es in Russland zu sozialen und wirtschaftlichen Problemen kommt, „in kurzer Zeit Massenproteste entstehen, die auch ein staatlicher Repressionsapparat möglicherweise nicht mehr unter Kontrolle halten kann“. Bei einem Volksaufstand sieht er gar die Möglichkeit einer demokratischen Entwicklung in dem Land. Naja, ich weiß nicht so recht. Die Russen sind so zombiefiziert, dass ich mir das nicht vorstellen kann.

Zum Schluss noch ein Zitat: „Als jemandem, der Russland in tiefer Sympathie verbunden bleibt, tut es mir unendlich leid, dass dieser Präsident nicht nur die Ukraine, sondern auch sein Land ins Verderben führt. Wo uns dies möglich ist, müssen wir bestehende Verbindungen nutzen und die Tradition des Austauschs fortsetzen, die wir in der Kultur oder der Wissenschaft haben. Auch wenn die russische Zivilgesellschaft unter den zunehmenden Repressionen enorm zu leiden hat, bleibt sie ein wichtiger Partner. Und sie braucht uns an ihrer Seite.“

Für Einsteiger ist das Buch durchaus empfehlenswert. Für Osteuropa-affine Menschen bietet das Buch leider zu wenig Neues.

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