Liebe Freunde Osteuropas! Wie steht eigentlich die politische Linke in Russland zum Krieg? Dazu hat Ewgeniy Kasakow das Buch „Spezialoperation und Frieden – Die russische Linke gegen den Krieg“ herausgebracht. Eine in Teilen ernüchternde Lektüre. Meine Rezension:

Ewgeniy Kasakow ist gebürtig aus Moskau und zurzeit Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven. Bei dem Buch fungiert er als Herausgeber, es finden sich dort also eine Vielzahl an verschiedenen Texten, Analysen und Interviews von mehreren Autor:innen.

Kasakow stellt in dem Buch verschiedene linke Strömungen vor, etwa den Linksstalinismus, den Trotzkismus sowie den Anarchosynikalismus und den (linken) Feminismus. Dabei sind den Kapiteln der einzelnen Strömungen immer ein aufschlussreicher Aufsatz Kasakows vorangestellt, der die jeweilige linke Ausrichtung erklärt und ihre Tätigkeit in den vergangenen gut 30 Jahren erklärt und analysiert. So erhält man einen Eindruck davon, welche Parteien und kleineren Organisationen es gibt und was ihre Ziele sind.

Des Weiteren finden sich dort viele öffentliche Schreiben von linken Parteien und Organisationen, die nach dem Invasionsbeginn Russlands veröffentlicht wurden. Und Kasakow führte auch mehrere Interviews, unter anderem mit dem vor gut zwei Wochen verhafteten Boris Kagarlitzki.

Gut, was lässt sich inhaltlich über das Buch sagen? Es gibt einem interessante und ausführliche Einblicke in die Gedankenwelt der russischen Linken, wie sie auf den Krieg in der Ukraine blicken. Ich fand das Ganze in Teilen etwas ernüchternd. Denn auch, wenn viele ganz klar Putin als den eigentlichen Treiber des Krieges ausmachen, kommt im zweiten Satz dann doch auch NATO/USA/der Westen ins Spiel. Oder es werden immer beiden Seiten, dazu aufgerufen, das Töten einzustellen. Als würde es nicht einfach nur reichen, wenn Russland seine Truppen aus der Ukraine abzieht.

Nehmen wir als Beispiel den Text „Ich habe mich in den Prognosen geirrt“ von Oleg Smolin, einem russischen Politiker der Kommunistischen Partei (KPRF). Er habe der Anerkennung Süd-Ossetiens und Abchasiens sowie der Vereinigung der Krim mit Russland zugestimmt, da er Befürworter der Volksherrschaft sei. Sprich, jedes Autonome Gebiet kann darüber entscheiden, zu welchem Land es gehören will. Für den Donbass hätte Smolin sich ein Modell wie bei Abchasien und Süd-Ossetien vorgestellt. Sprich und ich zitiere hier mal: „unsere Truppen würden sich auf der Kontaktlinie aufstellen und die Bevölkerung der Republiken vor den Beschüssen der ukrainischen Nationalisten schützen und die Gefahr der Eroberung russländischer Gebiete abwehren.“

Aus derselben Partei finden sich aber auch sehr deutliche Worte gegen den Krieg mit Russland/Putin klar als Schuldigen, etwa in einer Erklärung des Fraktionschefs der KPRF, Wiktor Worobjew, und den weiteren Mitgliedern der Partei, Leonid Wasjukewitsch und Galina Beljaewa. Beljaewa etwa schreibt: „Niemand hat unser Land angegriffen. Und morgen würde uns auch niemand angreifen. […] Es ist sehr seltsam, wenn Menschen erklärt wird, dass ein russischsprachiger Ukrainer jüdischer Herkunft ein Nazi sein kann.“

Besonders interessant ist auch das Schlusskapitel mit Stimmen der Linken aus der Diaspora. Den Artikel über Kolonialgeschichte von Anastasia Tikhomirova fand ich sehr lesenswert.

Alles in allem ist das Buch für diejenigen, die sich für das Thema interessieren, sicher sehr lesenswert. Auch wenn Buch recht akademisch geschrieben ist und die ein oder andere Passage mehrmals lesen muss, um alles zu verinnerlichen. Ich kann das Buch also durchaus empfehlen. Soweit ich weiß, gibt es ein Buch in solcher Art auf Deutsch auch kaum.

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