
Liebe Freunde Osteuropas! Professor Florian Bieber hat ein spannendes und hochaktuelles Buch über Südosteuropa geschrieben. In „Pulverfass Balkan – Wie Diktaturen Einfluss in Europa nehmen“ beschreibt er detailiert, was in den Ländern auf d Balkan so los ist. Meine Rezension:
Bieber ist Professor für Geschichte und Politik Osteuropas an der Uni Graz und Leiter des dortigen Zentrums für Südosteuropastudien. Er ist ein ausgezeichneter Kenner der Balkanregion und das merkt man dem Buch an. Nach einer kurzen Einführung in die Geschichte der südosteuropäischen Länder in der Zeit des 19. und vor allem 20. Jahrhunderts geht es dann quasi in „unsere Zeit“.
Bieber beschreibt die Entwicklungen der Länder wie Serbien, Kosovo, Nordmazedonien oder Albanien nach dem Untergang der Sowjetunion und nachdem der jugoslawische Staat nach und nach zerfiel. Und wie sich Diktaturen wie Russland, die Türkei oder China in den Ländern einkaufen, Handel trieben und Verträge schlossen. Und das durchaus mit der Willen der Länder selber.
Da ist etwa Aleksandar Vučić, der serbische Präsident, der Großprojekte mit China abschließt. Vieles ist dabei sehr undurchsichtig, wie die Deals zustande kommen und unter welchen Bedingungen erfährt die Öffentlichkeit nicht. Oder Milo Đukanović, bis Mai 2023 Präsident Montenegros, der sich mit einem Autobahnprojekt, mit der Hilfe Chinas, Prestige erarbeiten wollte. 500 Kilometer lang sollte sie werden und von Belgrad bis an die Adria führen. Im Juli 2002, als Đukanović das erste Teilstück feierlich eröffnete, waren es gerade mal 40 Kilometer. Bis heute ist sie nicht fertig gebaut.
Das Autor beschreibt aber nicht nur, wie sich andere Länder in die Balkanregion einkaufen, sondern schaut auch genauer hin, wie es um die Beziehungen der jeweiligen Länder steht. So hat die Türkei einen guten Draht nach Kosovo, da dort viele Muslime leben. Der türkische Präsident Erdoğan sagte einmal bei einem Besuch in Prizren, der zweitgrößten Stadt in Kosovo: „Die Türkei ist Kosovo, Kosovo ist die Türkei.“ Was wahrlich nicht imperialistisch gemeint war, wie wenn Putin sagt, die Ukraine ist Russland. Vielmehr ging es darum, die Gemeinsamkeiten zu betonen, wie Bieber in seinem Buch schreibt.
Bieber schafft es, auf kompakten Raum einen Überblick über die Länder des Balkans zu geben, wie sie sich innenpolitisch entwickelten, in welchen Beziehungen sie zueinander stehen und zu den großen Playern auf der Welt, wie Russland, die USA oder die EU beziehungsweise die NATO. Bieber zeigt zudem auf, wie sich die Gemengelage seit dem 24. Februar 2022 nochmal auf dem Balkan verändert hat.
Ich fand das Buch extrem erkenntnisreich, aber auch (obwohl ich bereits Calics großes Buch „Geschichte Jugoslawiens“ und ihr schmaleres Buch „Geschichte des Balkans“ gelesen habe) mit viel Neuem, was ich auch erstmal ein bisschen in meinem Kopf sortieren muss. Die Balkanregion ist ein wahrlich etwas komplizierter Tummelplatz an Länder und Kulturen.
Und was ist das Fazit von Biebers Buch? Wird das Pulverfass Balkan hochgehen? Trotz immer wieder sich zuspitzender Probleme und Eskalationsspiralen, ist es dort einigermaßen ruhig geblieben. Biebers dringender Appell an die EU ist es, die Länder des Balkans ernster zu nehmen. Unter anderem, was eine EU-Mitgliedschaft angeht. Im Unterschied zu Russland, China und den USA könne die EU den Staaten und Bürgern des Balkans gleichberechtigte Beteiligung am europäischen Projekt anbieten. Doch damit müsse es die EU dann aber auch wirklich ernst meinen.
Hinterlasse einen Kommentar